In den letzten eineinhalb Wochen habe ich mich auf die Karfreitagspredigt vorbereitet, die ich gestern gehalten habe. Das war auch der Grund für meine Blogger-Pause.

Hier die Predigt (Achtung: auf Schweizerdeutsch!) und die Predigt-Notizen.

Audio:

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Predigt-Notizen

Vor zwanzig Jahren war ich mit meiner damaligen Gemeinde in Paris auf einer Konferenz. Es war Sommer. Ich hatte mich verliebt in Irene, die jetzt meine Frau ist. Ich wusste, sie würde nach der Konferenz in die Slowakei fahren und dachte mir: Wie kann ich ihr meine Liebe zeigen? An einem Mittag, nachdem wir gerade aus dem Konferenzgebäude herauskamen, fragte ich sie, ob ich ihr etwas zu Essen bringen könne. Sie sagte ja und so brachte ich ihr ein Güggeli. Und diesen Liebesbeweis hat sie verstanden. Dieses Güggeli war in vieler Hinsicht der Anfang von unserer Beziehung.

Liebe von Gott erfahren

Wie zeigt denn Gott seine Liebe zu uns? Oder umgekehrt: Wie können wir die Liebe Gottes erfahren? Was ist das “Güggeli” von Gott?

Es ist absolut essenziell, die Liebe Gottes zu spüren. Weil sonst werden wir zu nominellen Christen. Wir werden zu Moral-Aposteln, die sagen: Tu das nicht, tu dies nicht. Das ist ein freudloses Leben. Solche Christen sind nicht anziehend, sondern im Gegenteil: Sie scheinen keine Freude am Leben zu haben und versuchen andere vom gleichen zu überzeugen. So wird das nicht funktionieren.

Darum ist es wichtig, dass die Liebe Gottes erfahrbar ist. Nicht nur theoretisch. Denn wenn ich die Liebe Gottes spüre, dann kommt alles andere von alleine.

Lass uns 1. Joh 3,16 anschauen:

Daran haben wir die Liebe erkannt, dass Er sein Leben für uns hingegeben hat

Ich habe diesen Vers schon oft gelesen. Und immer denke ich: Really!? Durch den Tod, durch das Kreuz kann ich die Liebe erfahren? Das ist der Ort, wo ich das am wenigsten erwartet hätte.

Ich hätte zum Bespiel erwartet, dass es etwas mit Gebetserhörungen zu tun hätte. Wie der Lahme, der zu Jesus kam. Oder besser gesagt, seine vier Freunde trugen ihn, weil er nicht mehr gehen konnte. Und sie brachen das Dach auf und liessen ihn hinab. Auf einer Liegedecke. Jesus hat seine Rede unterbrochen und gewartet, bis der Gelähmte heruntergelassen wurde. Als er unten war, sah Jesus ihn an und sagte… was sagte er?

Deine Sünden sind dir vergeben.

Schweigen. Äh. Nein!? Jesus, das ist nicht, was der Mann wollte. Verstehst du es denn nicht? Sein Problem sind nicht die Sünden, sein Problem sind seine Beine. Er kann nicht mehr laufen!

Doch sagte Jesus zum Mann: Deine Sünden sind dir vergeben. Du wolltest zwar das andere, das mit den Beinen, aber dein wirkliches Problem war das mit deinem Herzen. Das hast du nicht gemerkt, aber es ist das dringendere Problem, das habe ich dir gelöst. Doch damit alle merken, dass ich Sünden vergeben kann, heile ich dir die Beine. Nur deswegen!

Genau das hat Leo letzten Sonntag gepredigt:

Jesus ist nicht der Messias, den wir uns wünschen.
Sondern der Messias, den wir brauchen.

So geht es mir auch, wenn ich den Vers bei 1. Johannes 3,16 lese. Ich erwarte etwas anderes. Etwas ganz anderes. Ich verstehe zwar, dass Jesus etwas Grossartiges gemacht hat. Er ist für mich gestorben. Aber warum denn? Es ist ja toll, dass jemand sein Leben für mich aufgegeben hat, aber ich bin etwas verwirrt. Musste das wirklich sein? Es ist ja nicht so, dass ich auf eine Klippe zugerast bin. Ich sah keine Gefahr, von der er mich hätte retten müssen.

Aber die ganze Bibel schreit förmlich: Doch!

Das Kreuz zu verstehen ist eine der wichtigsten Aufgaben für uns Christen. Und auch eine der Schwierigsten. Es lohnt sich!

Und darum ist Ostern auch das wichtigste Fest der Christen. Nicht Weihnachten. Sondern Ostern.

Nun, ich habe mich gemeldet, eine Predigt zu halten. Und habe mich für die Karfreitagspredigt gemeldet. Ich habe mir dabei nichts Grosses gedacht, aber als ich mich auf die Predigt vorbereitete, dachte ich: Super Philipp. Jetzt machst du die erste Predigt hier in der Efra und gleich zum zentralsten Thema.

Ich meine, ich fühle mich geehrt, aber es andererseits fürchtet es mich vor der Verantwortung, gleich die zentrale Botschaft Gottes zu predigen. Und dabei das Kreuz nicht in aller Herrlichkeit zu predigen.

Aber wie es zur Predigt kam, war so: Ich habe vor einiger Zeit eine Predigt gehört von R.C. Sproul über das Kreuz, und als ich den Predigtplan erhielt und sah, dass für “der Tod” noch kein Prediger feststand, da dachte ich sofort an die Predigt von Sproul. Deshalb wird ein grosser Teil der folgenden Predigt von Sprouls Predigt sein.

Der Fluch

Die zentrale Bibelstelle heute ist Gal 3,10-14

Denn alle, die aus Werken des Gesetzes sind,
die sind unter dem Fluch;
denn es steht geschrieben:
»Verflucht ist jeder, der nicht bleibt in allem,
was im Buch des Gesetzes geschrieben steht, um es zu tun«.
Dass aber durch das Gesetz niemand vor Gott
gerechtfertigt wird, ist offenbar; denn
»der Gerechte wird aus Glauben leben«.
Das Gesetz aber ist nicht aus Glauben, sondern:
»Der Mensch, der diese Dinge tut, wird durch sie leben«.

Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes,
indem er ein Fluch wurde um unsertwillen
(denn es steht geschrieben:
»Verflucht ist jeder, der am Holz hängt«),
damit der Segen Abrahams zu den Heiden komme
in Christus Jesus,
damit wir durch den Glauben den Geist empfingen,
der verheissen worden war.

Es gibt so viele Bibelstellen über das Kreuz. Wenn Paulus sagt, dass er sich vorgenommen hat, “nichts anderes zu wissen als nur Jesus Christus, und zwar als Gekreuzigten” und so viele Briefe geschrieben hat, dann wird es wohl viele Facetten davon geben.

Eine Facette, über die sehr wenig gepredigt wird, ist die Facette des Fluchs. Das ist ein sehr unpopuläres Wort. Was ist das, ein Fluch? “Über diesem Haus hängt ein Fluch”. Das klingt nach Geistergeschichten. Oder jemand spricht einen Fluch aus über jemand anderen. Das klingt nach Voodoo. Nach Aberglaube.

In unserer westlichen Gesellschaft haben wir doch nur ein müdes Lächeln übrig für so was. Ein Fluch. Früher, da hat mach sich gefragt, ob die Pest eine Strafe Gottes war. Leute liefen auf den Strassen rum und riefen, die Leute sollen wieder zu Gott umkehren, damit die Strafe vorbei geht. Und heute? Wir lachen darüber. Die Medizin hat längst erklärt, woher die Pest kam und wie sie übertragen wurde. Auch Naturkatastrophen sind alle wissenschaftlich erklärbar. Dass es noch so etwas wie einen Fluch, eine Strafe geben könnte, das halten wir für überholt.

Und doch ist das etwas Biblisches. Gott hat verflucht. Es ist mir bewusst, wie unpopulär diese Eigenschaft ist. Doch es ist eine wichtige Eigenschaft Gottes. Gott ist nicht nur ein Gott, der liebt, der segnet. Sondern auch ein Gott, der verflucht.

Angefangen in Genesis: Gott verflucht die Schlange:

Weil du dies getan hast, so sollst du verflucht sein mehr als alles Vieh und mehr als alle Tiere des Feldes!”

Und zu Adam hat er gesagt:

Weil du […] von dem Baum gegessen hast […] so sei der Erdboden verflucht um deinetwillen!

Seit diesem Zeitpunkt ist der Erdkreis verflucht. Und wir merken das tagtäglich. Mühsame Arbeit. Oder Corona. Das ist keine heile Welt, da muss etwas kaputt sein. Ja, weil über der Erde der Fluch hängt.

Doch Fluch kommt nicht nur in Genesis vor. Es ist nicht nur etwas, was Gott gemacht hat beim Sündenfall. Sozusagen initial bei der Schöpfung und danach nicht mehr.

Es kommt auch vor bei Mose. Am Schluss des 5. Mose. Nach der Zusammenfassung aller Gesetze erklärt Mose was passiert, wenn die Israeliten die Gebote einhalten, und was, wenn sie sie nicht einhalten:

Wenn ihr dem Herrn, eurem Gott, gehorcht
und alle Gebote haltet, die ich euch heute gebe,
wird euch der Herr, euer Gott,
über alle Völker der Welt setzen.

Wenn ihr dem Herrn, eurem Gott, gehorcht,
werdet ihr folgendermaßen gesegnet werden:
Ihr werdet gesegnet werden in euren Städten
und ihr werdet gesegnet werden auf dem Land.
Ihr werdet gesegnet werden mit vielen Kindern,
reichen Ernten und zahlreichen
Jungtieren bei euren Schaf-,
Ziegen- und Rinderherden.
Ihr werdet gesegnet sein mit Erntekörben,
die von Früchten überquellen,
und mit Backtrögen, die bis oben mit Brot gefüllt sind.
Ihr werdet gesegnet sein, wenn ihr nach Hause kommt,
und ihr werdet gesegnet sein, wenn ihr fortgeht.
(5. Mose 28,1-6 Neues Leben Bibel)

Beachtet, was hier steht: Wenn ihr auf alle die Gebote hören werdet, dann werdet ihr überall in eurem Leben Segen empfangen. In der Stadt. Auf dem Land. In der Küche. Auf dem Feld. Im Stall. Im Schlafzimmer. Überall.

Aber dann geht es weiter…

Wenn ihr jedoch dem Herrn, eurem Gott,
nicht gehorcht und seine Gebote und Vorschriften,
die ich euch heute gebe, nicht gewissenhaft befolgt,
werden euch die folgenden Flüche treffen:
Ihr werdet verflucht sein in den Städten
und ihr werdet verflucht sein auf dem Land.
Ihr werdet gestraft sein mit leeren Erntekörben
und leeren Backtrögen.
Ihr werdet gestraft sein mit wenig Kindern,
schlechten Ernten
und wenig Jungtieren bei euren Schaf-, Ziegen-
und Rinderherden.
Ihr werdet verflucht sein, wenn ihr nach Hause kommt,
und ihr werdet verflucht sein, wenn ihr fortgeht.
(5. Mose 28,15-19, Neues Leben)

Also: Wenn ihr die Gebote nicht gewissenhaft befolgt, dann wird dich der Fluch überall hin verfolgen: In der Stadt. Auf dem Land. In der Küche. Auf dem Feld. Im Stall. Im Schlafzimmer. Überall.

Ich glaube, es war noch nie unpopulärer, über Gottes Fluch zu sprechen als heute. Gottes Segen ist super, aber Gottes Fluch? Ich merke, wie ich selber von diesem Strom erfasst werde und Gott infrage stelle: Wie kommt es, dass du uns verfluchen willst? Als müsste Gott darauf antworten. Es ist etwa so wie Petrus, der, nachdem Jesus sagte, dass er sterben sollte, zu ihm sagt: nein, so soll das nicht sein, sondern du sollst nicht sterben. Ebenso will ich Gott sagen: Das mit dem Segen ist ja ok, aber das mit dem Fluch, das ist schon etwas altertümlich.

Interessanterweise ging es bei Petrus’ talk-back auch um das Kreuz. Das soll nicht so sein, sagte Petrus, weil es ist nicht nötig. Lass uns weiter durchs Land ziehen und predigen und die Leute heilen. Und dabei auch gleich noch die Römer vertreiben. “Du hast keine Ahnung”, sagte Jesus. Nein, er sagte es noch krasser. “Geh weg von mir, Satan. Denn du verstehst nicht, dass Gottes Fluch über dich kommen würde, wenn ich nicht sterben würde. Ja, wir sind nun gerade dabei die Menschen zu heilen, aber das löst nicht das eigentliche Problem von euch Menschen. Denn schlussendlich wird Gott die Erde richten und dann wirst auch du Petrus, nicht in den Himmel kommen sondern in die Hölle, und all euer Aufbegehren wird nichts ausrichten.”

Genauso macht auch die heutige westliche Welt ein talk-back zu Gott und versucht Gott vorzuschreiben, wie er über uns denken soll. Aber wir haben nichts zu melden. Es ist zwar schwer vorzustellen, weil es der heutigen Denke voll gegen den Strich geht, aber es ist wahr: Am Schluss der Erde wird Gott richten und er wird uns an seinen Massstäben messen und wenn wir denen nicht genügen, wird er uns gerecht bestrafen.

Doch zurück zum Segen und Fluch vom fünften Mose. Wie verstand das der Israelit? Ich denke das Einfachste ist, wenn wir einen bekannten Segen im Alten Testament anschauen:

Der HERR segne dich und behüte dich;
der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir
und sei dir gnädig;
der HERR hebe sein Angesicht über dich
und gebe dir Frieden
4. Mose 6,24-26

Der Kern dieser Bibelstelle ist das Sehnen danach, Gott zu sehen. Das ist was Mose wollte, endlich mal Gott zu sehen, und er konnte ihn wohl sehen, aber nur von hinten, aber das Gesicht konnte er nicht sehen. Ebenso in:

Geliebte, wir sind jetzt Kinder Gottes, und noch ist nicht offenbar geworden, was wir sein werden; wir wissen aber, dass wir ihm gleichgestaltet sein werden, wenn er offenbar werden wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. (1. Joh 3,2)

Ist es nicht das Schwierigste beim Christ sein, dass wir Gott nicht sehen können? Wie sehr hoffe ich auf den Moment, da ich Gott endlich sehen kann, von Angesicht zu Angesicht. Wie herrlich das sein wird!

Wie sähe der Aaronitische Segen aus, wenn er umgedreht würde?

Möge der Herr dich verfluchen
und dich im Stich lassen.
Möge der Herr dich an einen Ort stellen,
wo du ihn nie mehr zu sehen kriegst
und möge er dir nur Gericht ohne Gnade geben.
Möge der Herr sich von dir abwenden
und seinen Frieden für immer von dir nehmen.

Der grosse Tag der Versöhnung

Doch schon in Moses Zeiten gab es einen Ausweg aus dem Fluch. Gott hat den Israeliten einen Weg geschaffen, wie sie dem Fluch entkommen können, auch wenn sie nicht das ganze Gesetz einhielten.

Beim grossen Versöhnungstag wurden einige Tiere verwendet um die Vergebung der Sünden zu bewirken. Es gab ein paar Tiere, die für den Hohepriester Aaron geschlachtet werden mussten. Dies musste geschehen, bevor der Priester in das Allerheiligste konnte, wohin der Priester, und nur der Hohepriester und auch nur an einem Tag des Jahres, gehen konnte. Das Blut musste an den Altar gesprenkelt werden.

Dann wurden zwei Ziegenböcke genommen und über sie das Los geworfen. Der eine wurde geschlachtet. Das war zur Sühnung der Sünden des Volkes. Auch dieses Blut wurde an den Altar gesprenkelt. Zur Versöhnung.

Der andere Ziegenbock wurde zum Sündenbock auserkoren. Ihm legte der Hohepriester die Hände auf den Kopf und liess ihn dann in die Wüste rennen. Aus dem Lager hinaus.

Konnten diese beiden Böcke wirklich den Fluch Gottes abwenden? Natürlich nicht. Das war nur ein Schatten, ein Symbol, ein Vorausschauen auf den Tod von Jesus.

Wie es in Hebräer 10,4 heisst:

Denn unmöglich kann das Blut von Stieren und Böcken Sünden hinwegnehmen!

Der Tod Jesu

Jesus verkörperte beide Tiere. Durch sein Opfer sind zwei Dinge passiert.

Zum einen verkörperte er den einen Bock, der geschlachtet wurde und dessen Blut an den Altar gesprenkelt wurde.

Das war die Versöhnung mit Gott. Das war der vertikale Vorgang. Zwischen uns und Gott. Dem entspricht der Längsbalken des Kreuzes. Er geht vertikal von uns zu Gott hoch.

Doch eben, der Bock im Alten Testament war nicht “the real thing”. Das Blut des Bockes hat nicht die Versöhnung erwirkt. Es hatte nur den Anschein, dass da wirklich etwas passiert. Das Blut von Jesus aber hat die Versöhnung mit Gott erwirkt. Es hat Gottes Forderungen nach Gerechtigkeit erfüllt. Denn Gott lässt die Sünde nicht ungestraft. Er sieht nicht einfach mal ein bisschen über sie hinweg. Wie es in Hebräer 9,22 heisst:

ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung

Zum anderen verkörperte Jesus den anderen Bock. Dies entspricht dem horizontalen Balken des Kreuzes. Jesus hat die Sünden weggetragen. Unsere Sünde wurde weggeworfen so weit, wie Ost von West entfernt sind. Nur das geworfen der falsche Ausdruck ist, Jesus hat sie getragen.

Bei dem Bock ging es so: Der Hohepriester hat die Hände auf ihn gelegt und die Sünden von allen Israeliten in ihn hinein transferiert. Somit hatte der Bock all die Sünden der Israeliten und die Israeliten waren danach sündlos.

Sagte Aaron nun zu dem Bock: Vielen Dank fürs Stillhalten, du kannst zurück zu deiner Herde gehen? Nein nein. Die Zeremonie war noch nicht zu Ende.

Nachdem all die Sünden des Volkes in den Bock gelegt wurden, wurde der Bock in die Wüste getrieben. Aus dem Lager hinaus. In dem Lager war die Stiftshütte, und alle Stämme hatten ihr Lager um die Stiftshütte herum. Das war die Gemeinschaft der Heiligen. Aus diesem Lager vertrieben zu werden hiess, dass man keinen Platz mehr hat in der Gemeinschaft der Heiligen. Man wurde aus dem Angesicht Gottes verstossen. Da, wo der Segen Gottes nicht mehr hinreicht. Man wurde in die äussere Finsternis vertrieben. In das Exil. In die Wüste. In den Fluch.

Galater 3,13:

Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes,
indem er ein Fluch wurde um unsertwillen

Hört genau hin. Jesus wurde nicht nur verflucht um unseretwillen, sondern er wurde zum Fluch.

Die Inkarnation der Herrlichkeit Gottes, die ganze Fülle, die in diesem einen Menschen war, wurde die Inkarnation des göttlichen Fluchs. Er wurde zum Fluch.

In der Bibel heisst es, dass Gott in seiner Heiligkeit die Sünde nicht ansehen kann. Und so kann er es nicht ertragen auf die konzentrierte, monumentale Verdichtung des Bösen zu sehen. Und er wendet seine Augen ab von seinem Sohn.

Und das Erlöschen seines Angesichts wurde sichtbar. In der Mittagszeit wurde es plötzlich dunkel. Und nicht bloss das Dunkel eines Gewitters. Sondern es wurde richtig dunkel.

Und Jesus schreit: Eloi, Eloi, lama sabachthani? Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Das ist das grösste Drama ever. Nichts kann das toppen. Es ist so monumental, dass sich einige gefragt haben: Hat sich Jesus nur so gefühlt? Kann ja nicht sein, dass Gott der Vater den Sohn verlässt. Und versuchten, dies wegzudiskutieren. Neinneinnein, Jesus wurde hier wirklich verlassen.

Wenn Jesus wirklich Fluch wurde, dann war er in diesem Moment absolut, vollständig und komplett verlassen.

Der Punkt ist. Dieser Fluch, hätte mich. Hätte euch genauso getroffen. Unser Schicksal wäre es gewesen, dass wir in die äussere Finsternis geworfen worden wären wo es kein Zurückkommen mehr gibt.

Ja, wir waren wahrlich in dem Auto, dass auf die Klippe zurast.

Und Jesus, nachdem er Fluch wurde. Als letztes Wort bevor er starb und das Blut die Schuld unsere Sünden tilgte, sagte “es ist vollbracht”. Die Auserwählten können zurück zu Gott. Der Fluch trifft sie nicht.

Ich bin überzeugt: Jeder in diesem Raum, oder ausserhalb auf den Strassen, in Rafz oder irgendwo sonst, der nicht mit dem Blut von Jesus reingewaschen wurde, den wird der Fluch Gottes treffen.

Wenn du das glaubst, dann wirst du dem Evangelium nichts hinzufügen sondern wirst es predigen in aller Klarheit. Weil dies ist unsere einzige Hoffnung. Der Tod und die Auferstehung von Jesus ist unsere einzige Hoffnung.

Ja, liebe Geschwister. Daran können wir die Liebe Gottes erfahren. Im Kreuz. Weil in diesem Moment unser wahres Bedürfnis gestillt wurde. Mein Gebet ist, dass diese Predigt half, dass die Liebe Gottes in eure Herzen ausgegossen wurde.

Durch das Vorbereiten einer Predigt bleibt mir diese und nächste Woche keine Zeit für das Schreiben auf meinem Blog, doch beim “Lesenswichtig” mache ich eine Ausnahme, insbesondere weil ich ein paar sehr lohnenswerte Artikel gelesen habe und diese gerne weitergeben will.

Ich bin Evangelist. Um aus diesem Schlamassel zu kommen müssen wir Denken (und Fühlen)

Dieser Artikel ist eine Antwort auf den Artikel “Ich bin Philosoph, um aus dem Schlamassel zu kommen können wir nicht bloss denken”. Es ist eigentlich eine Antwort auf diesen einen Satz:

Wenn man jung ist, ist es leicht, Stärke mit Dominanz zu verwechseln; wenn man älter wird, erkennt man, was für eine Charakterleistung es braucht, um sanftmütig zu sein. Früher habe ich mir vorgestellt, dass es meine Berufung ist, die Wahrheit zu verteidigen. Jetzt versuche ich nur noch herauszufinden, wie man liebt.

Die Antwort von Esther O’Reilly enthält enorm viele gute Gedanken, am liebsten würde ich den halben Artikel hier wiedergeben. Hier ein paar Auszüge:

Richard Cecil, der beschreibt, wie er mit Zweifeln umging: “Wie ein Mann, dem gesagt wird, dass das Fundament seines Hauses in Gefahr ist, rufe ich nach dem Schlüssel des Kellergewölbes, auf denen meine Behausung steht. Ich zünde eine Kerze an, gehe die Treppe hinunter und gehe sehr bedächtig durch die Gewölbe: Ich untersuche den verdächtigen Bogen ganz besonders; und nachdem ich mich davon überzeugt habe, dass das Fundament vollkommen sicher ist, gehe ich wieder hinauf, schliesse die Tür ab, hänge den Schlüssel auf, lösche die Kerze und gehe in aller Ruhe meinen Geschäften nach, wobei ich sage: ‘Sie mögen einen Alarm auslösen, aber ich finde, dass alles sicher ist.’”

Smith schreibt, dass er früher dachte, seine Berufung sei es, die Wahrheit zu verteidigen, während er jetzt nur noch “herausfindet, wie man liebt.” Aber jeder Christ, in jeder Station des Lebens, ist nach bestem Wissen und Gewissen “berufen”, beides zu tun. Und in einer Welt, deren Moral grösstenteils von einer Pop-Kultur geformt wird, die meistens die Wahrheit verzerrt, werden Christen ihre Nächsten nicht gut lieben können, wenn sie nicht in der Lage sind, die Täuschungen, mit denen die Kultur sie füttert, zu erkennen und zu artikulieren.

“Aber wir müssen sensibel sein! Wir müssen seelsorgerisch sein! Wir müssen verletzliche Menschen freundschaftlich evangelisieren und ihnen nicht nur kalte Wahrheiten durch ein Megaphon entgegenschreien!” Ich habe nie etwas anderes behauptet. Been there, done that. Aber dabei habe ich entdeckt: Wenn du mit jemandem in gutem Glauben sprichst, der seinerseits in gutem Glauben mit dir sprechen will, wird er verstehen, dass du ihn liebst, ob du mit ihm einig gehst oder nicht. In der Tat könntest du die Person werden, der sie am meisten vertrauen, denn wenn sie mit dir sprechen, spüren sie mehr als nur “Liebe”, wie man ihnen beigebracht hat zu denken, was Liebe ist. Sie spüren Sicherheit. Sie spüren Stabilität. Sie spüren Ehrlichkeit.

Zum Artikel: I’m an Evangelist. We Must Think (and Feel) Our Way Out of This Mess.

Glauben wachsen lassen im Angesicht des Todes

Tim Keller hat Krebs. Er schreibt darüber, was das mit seinem Glauben macht. Was ich an Tim Keller besonders mag: Er schaut den Dingen ehrlich in die Augen. Er lässt sich bewegen, er findet ehrliche Antworten auf die wichtigen Fragen. Ebenso in der Auseinandersetzung mit seiner eigenen Krebsdiagnose: Er spult nicht einfach einen theologischen Antwortenkatalog ab, sondern gibt zu, wo er schwach ist, wo er noch keine Antwort gefunden hat. Ein paar Auszüge:

Eines der ersten Dinge, die ich lernte, war, dass religiöser Glaube nicht automatisch Trost in Zeiten der Krise spendet. Der Glaube an Gott und ein Leben nach dem Tod, ist nicht sofort tröstlich oder unumstösslich stärkend.

Der Kulturanthropologe Ernest Becker argumentierte, dass die Verleugnung des Todes unsere Kultur dominiert, aber selbst wenn er Recht hatte, dass das moderne Leben diese Verleugnung verstärkt hat, war sie immer bei uns. Wie der protestantische Theologe Johannes Calvin im 16. Jahrhundert schrieb: “Wir leben so, als ob wir uns auf Erden Unsterblichkeit verschaffen wollten. Wenn wir einen toten Körper sehen, mögen wir kurz über die flüchtige Natur des Lebens philosophieren, aber in dem Moment, in dem wir uns abwenden, bleibt der Gedanke an unsere eigene Unsterblichkeit in unseren Köpfen hängen.” Der Tod ist für uns eine Abstraktion, etwas technisch Wahres, aber als persönliche Realität unvorstellbar.

Ich habe mich in die Psalmen zu vertieft, um sicher zu sein, dass ich nicht einem Gott begegnete, den ich mir selbst ausgedacht hatte. Jeder Gott, den ich mir ausdenke, wird sicherlich weniger beunruhigend und anstössig sein, aber wie kann ein solcher Gott mir dann widersprechen, wenn mein Herz sagt, dass es keine Hoffnung gibt oder dass ich wertlos bin? Die Psalmen zeigen mir einen Gott, der in seiner Komplexität wahnsinnig macht, aber diese schwierige Gottheit wirkt wie ein reales Wesen, nicht wie eines, das sich ein Mensch ausgedacht hätte. Durch die Psalmen wuchs in mir das Vertrauen, dass ich vor “dem, mit dem wir es zu tun haben” stehe.

Zu unserer Überraschung und Ermutigung haben meine Frau Kathy und ich entdeckt, dass wir diese Welt umso mehr geniessen können, je weniger wir versuchen, sie in einen Himmel zu verwandeln.

Wir belasten sie nicht mehr mit Anforderungen, die sie unmöglich erfüllen kann. Wir haben festgestellt, dass die einfachsten Dinge - von der Sonne auf dem Wasser und den Blumen in der Vase bis hin zu unseren eigenen Umarmungen, Sex und Gesprächen - mehr Freude bringen als je zuvor. Das hat uns überrascht.

Ich kann aufrichtig und ohne jede Sentimentalität oder Übertreibung sagen, dass ich noch nie in meinem Leben glücklicher war, dass ich noch nie so viele Tage voller Trost hatte. Aber es ist ebenso wahr, dass ich noch nie so viele Tage der Trauer hatte.

Zum Artikel: Growing My Faith in the Face of Death

Hüte dich vor der Versuchung, auf den Sozialen Medien ein Pharisäer zu sein

Ich kann momentan die sozialen Medien kaum ertragen. Besonders Facebook scheint ein Ort zu sein, wo man nicht zuhört, sondern einfach die eigene Position vertritt, ohne dabei zuzuhören.

Daher hat mich dieser Artikel auf TGC angesprochen. Ein paar Auszüge:

Der Pharisäer - derjenige, der in der Gemeinde für Wohlwollen und Güte bekannt war, auf den man sich verlassen konnte, um den Habgierigen den Stinkefinger zu zeigen - hatte sich vom eigenen Herz am meisten entfremdet und war am weitesten von Barmherzigkeit entfernt. Höre ihm zu und höre das Echo unserer Zeit:

Der Pharisäer stellte sich hin und betete bei sich selbst so: O Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die übrigen Menschen, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner da. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme! (Lk 18,11-12)

Ich bin ein guter Mensch. Ich stehe auf der richtigen Seite in allen wichtigen Fragen. Und ich bin hier, um dies denjenigen, die nicht so gut sind wie ich, öffentlich zu erklären.

Wie können wir also diese Versuchung vermeiden? Vielleicht müssen wir die Lektion Jesu in dem Gleichnis noch einmal überdenken: Denken Sie daran, dass er die Leute zurechtweist, die Heiligkeit und Reinheit betonten, aber nicht verkörperten. Das, wonach sich die Pharisäer sehnten, war nicht illegitim, aber sie erkannten ihre eigene Verkommenheit nicht. Der Weg zur Erneuerung lag jedoch nicht in der öffentlichen Demonstration von Frömmigkeit, sondern in demütigen Schreien nach Gnade von einem heiligen Gott.

Dieser letzte Satz fordert mich auch persönlich heraus. Ich schreibe auf den sozialen Medien nicht viel, doch auch hier auf dem Blog kann ich der Versuchung verfallen, alles besser wissen zu können, mich selbst zu verkündigen statt den Gott, der die Sünde vergibt.

Zum Artikel: Resist the Pharisee Temptation on Social Media

In der Familie haben wir gerade eine anstrengende Situation. Die Nerven liegen blank. Bei allen. Auf den sozialen Medien geht es anderen genauso:

Vor allem auf Facebook sehe ich die letzten paar Wochen Emotionen, die hochgehen. Wie gesagt, ich erlebe es zu Hause momentan genauso. In besonnenen Momenten denke ich, dass Gott solche Zeiten geschaffen hat, damit wir lernen, auf ihn zu vertrauen. Und in den letzten Wochen erlebte ich manchen Moment, in dem ich merkte, dass Gott hält, wenn ich mich ernstlich an ihn wende.

In diesem Sinn ein Zitat von Martin Luther übers Gebet als Ermutigung für uns alle. Luther spricht hier über den Blinden, der in Jericho Jesus rief, um wieder sehend zu werden.

Das Beispiel von dem Blinden will uns lehren, freimütige Beter und Bettler zu sein. Wir sollen niemals müde werden, sondern dürfen immer sagen: »Herr, es ist wahr, ich bin ein armer, elendiger Sünder; das weiss ich sehr wohl! Aber nichtsdestoweniger muss ich dies und jenes haben, gib es mir bitte!«

Hier hilft kein Disputieren über die Frage, ob wir wohl fromm genug sind oder nicht. Hier ist nur eines wichtig, dass wir nämlich schwach sind und Not haben und dass Gott gern gibt, was wir für Leib und Seele brauchen. Wenn man so bittet und daran festhält, dann wird er sicher zu einem solchen anhaltenden Beter sagen, was er zu dem Blinden gesagt hat: »Was willst du, dass ich dir tun soll? … Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.« Denn zu ihm beten und nicht glauben, das ist dasselbe, als wenn man Gott verspottet. Der Glaube aber beruht allein darauf, dass Gott um Christi, seines Sohnes und unseres Herrn, willen uns gnädig ist und uns erhören, schützen, retten und selig machen wird. Dazu helfe uns unser lieber Herr und Erlöser Christus Jesus! Amen.


Zitat entnommen aus: “Aus der Tiefe rufe ich HERR, zu dir”, erschienen im CLV-Verlag.

Was ich nicht verstehe: Wieso scheint Umweltschutz primär eine Sache von Nichtchristen? Wieso sind es nicht primär Christen, die sich für den Umweltschutz einsetzen?

In den letzten Jahren wurde Umweltschutz und Nachhaltigkeit für meine Frau und mich immer wichtiger. In diesem Artikel versuche ich zu erklären, wieso.

Einwand: «Umweltschutz ist nicht der Kern der christlichen Botschaft, wir sind gesandt, das Evangelium zu verkünden».

Natürlich. Doch ist nicht die Sklaverei von William Wilberforce abgeschafft worden, einem Christen? Waren es nicht Christen, welche sich für allgemeine Bildung und Medizin einsetzten? Wieso hat Jesus Menschen geheilt, wenn er doch gekommen ist, das Evangelium zu verkünden?

Einwand: «Umweltschutz ist eine Ersatz-Religion».

Nur, wenn sie der Kern der Botschaft ist. Aber ebenso ist es die Medizin: Geht es nur darum, dass Menschen gesund werden und länger leben können, ohne dass sie dabei vom Evangelium hören, ist das am Ziel vorbeigeschossen. Denn was nützt einem Menschen ein langes Leben, wenn er danach in die Hölle kommt? Ebenso wenig hilft eine gesunde Erde, deren Bewohner keine Beziehung zu deren Schöpfer haben.

Doch: Wenn schon Menschen sich für die Erde einsetzen, die glauben, dass sie durch Zufall entstanden ist, wie viel mehr dann wir Christen, die wir glauben, dass sie von Gott erschaffen wurde. Hat uns Gott nicht nach der Erschaffung einen Auftrag gegeben?

Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaue und bewahre. (Gen 2,15)

Einwand: «Gott wird sowieso eine neue Erde schaffen».

Ja, das wird er. Viele Umweltschützer verfallen in einen panischen Aktivismus, da sie glauben, die Rettung der Welt liege auf den Schultern der Menschen. Dem stimme ich nicht zu, da ich glaube, dass Gott erstens eingreifen kann und zweitens tatsächlich eine neue Welt schaffen wird, die, wie ich mir vorstelle, nicht mehr geplagt wird von CO2-Ausstössen, schwimmenden Plastikansammlungen auf den Meeren und Artensterben.

Doch wenn Gott sagt: “Wieso hast du nicht zu meiner Erde sorge getragen” kann ich nicht mit gutem Gewissen sagen: “Weil ich gedacht habe, du machst danach eh eine neue”.

Im Englischen gibt es das Wort “Stewardship”, das leider im Deutschen kein gutes Gegenüber hat. (“Verwalter” klingt nach einem Beamten-Job). Wir sind “Stewards” der Erde. Es ist Gottes Eigentum, den er uns zur Sorge übertragen hat. Es ist ein “Trust” (auch hierfür fehlt ein gutes deutsches Wort): Das Eigentum Gottes, dass er uns zur Pflege anvertraut hat.

Rick Warren beschreibt dieses Verhältnis treffend:

Vor Jahren überliess ein Ehepaar meiner Frau und mir ihr schönes Haus am Strand von Hawaii für einen Urlaub. Es war eine Erfahrung, die wir uns nie hätten leisten können, und wir haben es sehr genossen. Uns wurde gesagt: “Benutzt es so, als ob es euch gehört”, also taten wir das! Wir schwammen im Pool, assen das Essen im Kühlschrank, benutzten die Badetücher und das Geschirr und sprangen sogar zum Spass auf den Betten herum! Aber wir wussten die ganze Zeit, dass es nicht wirklich uns gehörte, also passten wir besonders gut auf alles auf. Wir genossen die Vorteile, das Haus zu nutzen, ohne es zu besitzen. (Aus: The Purpose Driven Life)

Im Neuen Testament gibt es einige Stellen, wo es um die Verwaltung des Vermögens geht, wo der Besitzer verreist, danach zurückkommt und die “Stewards” danach beurteilt, wie sie mit dem “Trust” umgegangen sind.

Einwand: «Umweltschutz ist eine Ablenkung von Gott»

Der Einwand: Braucht Umweltschutz nicht mehr Zeit? Heisst es nicht: “Kauft die Zeit aus?”. Sind die Annehmlichkeiten der Erde (die leider negative Konsequenzen auf den Umweltschutz haben) nicht dazu da, dass wir mehr Zeit haben für die “wichtigen Dinge”?

Vielleicht, wenn es denn so wäre, dass die gesparte Zeit für Gott eingesetzt würde. Es dünkt mich aber eher, dass je mehr Annehmlichkeiten sich ein Mensch leistet, desto weniger ist Gott im Zentrum.

Die Lösung zum Klima-Problem führen fast ohne Ausnahme zu Verzicht. Zu genügsamem Lebenswandel. Zu persönlichen Einschränkungen. Zu weniger Konsum. Ist nicht genau das einer der zentralen Themen des Neuen Testaments? Lässt es sich nicht einwandfrei als Christ leben und gleichzeitig zur Umwelt zu schauen?

Euer Lebenswandel sei frei von Geldliebe! Begnügt euch mit dem, was vorhanden ist (Heb 13,5)


Für meine Frau und mich ist Umweltschutz ein wichtiges Thema geworden. Das wichtigste? Nein. Auf diesem Blog wird hoffentlich klar, dass wir uns als von Gott berufene Christen verstehen, die unter anderem den Auftrag zum Umweltschutz erhielten. Und nicht Umweltschützler, die irgendwie auch noch an Gott glauben.

Zur Erde sorge tragen soll eine Selbstverständlichkeit sein. Etwas, das nebenbei geschieht, als unausweichliche Nebensächlichkeit.

Doch weil dieses Thema bei Christen noch immer wie ein Tabu betrachtet wird, werden meine Frau und ich in den nächsten Wochen über unsere Erfahrungen beim Thema Nachhaltigkeit erzählen, mit Fokus auf Zero-Waste. Gespickt werden die Beiträge - als Fortsetzung der letzten paar Wochen - mit Einschüben über Minimalismus. Denn diese zwei Themen gehören immer irgendwie zusammen.

Teil 9 von “Lesenswichtig”, einer Liste von christlichen Artikeln (und heute auch eine Youtube-Reihe), die mich diese Woche bewegt haben.

Träume, Filme und die Macht der Ideen

Ein spannendes Format: “Theo-Tektiv” bespricht Filme, indem es betrachtet, was der Film mit dem Zuschauer macht. Das ganze aus der christlichen Perspektive. Eben ist eine Reihe zu Inception (einer meiner Lieblingsfilme) fertig geworden:

Wir denken oft, dass wir in einer neutralen Welt leben, und Ideen so etwas sind, worüber wir frei nachdenken können, aber was wäre, wenn Ideen ein Eigenleben hätten, wenn wir nicht mit Ideen spielen können, sondern wir zum Spielball von Ideen werden?

Denkt mal darüber nach, was uns Menschen bewegt! Also zum Beispiel ein Erfinder, der beseelt von seiner Idee tausende Stunden herumtüftelt. Den Politiker der sein Leben für Gerechtigkeit und Menschenrechte einsetzt. Den Jungen, der Stunden am Fussballplatz verbringt, um eines Tages wie Lionel Messi in ein volles Fussballstadion einzulaufen.

Auf eine gewisse Weise ist dieser Film Inception ein Film über die ultimative Traummaschine: Die Filmindustrie. […] Filme sind Traummaschinen. Darum fühlt es sich nach einem Film so an, als würden wir erwachen […] Wir fangen an, uns wieder zu orientieren: Was ist real, was ist Film, was ist Traum? Und wenn ein Film richtig gut ist, dann hat er die Kraft, durch eine Geschichte unsere Gedanken, unsere Welt, unsere Wahrnehmung der Realität zu reformieren.

Zum Video: Träume, Filme und Macht der Ideen - Inception Review 1/3

Fortsetzungen:

Evolution kann unser Streben nach Glück nicht erklären

Sozusagen als Fortsetzung des gestrigen Artikels “Wo bin ich? Wissenschaft kann nicht einmal die einfachsten Fragen beantworten” ein Artikel von Randy Alcorn. Unser Streben nach Glück ist eine der offensichtlichsten Wirklichkeiten. Dass die Wissenschaften sie nicht erklären können - ja sogar verleugnen! - zeigt, wie kraftlos und kalt eine Welt des Atheismus ist. Ein paar Auszüge:

Darwin, gegen Ende seines Lebens, sprach von einem “Verlust von Freude”:
«Ich habe noch immer einen Sinn für schöne Landschaften, aber sie bereiten mir nicht mehr so wie früher ein köstliches Vergnügen […] Mein Verstand scheint eine Art Maschine geworden zu sein, die aus grossen Ansammlungen von Fakten allgemeine Gesetze herausschleift […] Der Verlust dieses Geschmacks ist ein Verlust an Glück und kann möglicherweise dem Intellekt schaden, und noch wahrscheinlicher dem moralischen Charakter, indem er den emotionalen Teil unserer Natur schwächt.»

Es ist wahrscheinlich, dass [bei Darwin] die naturalistische Perspektive, die er annahm, allmählich seine frühe Freude am Studium von Gottes Schöpfung untergrub und zu einer freudlosen, maschinenartigen Gleichgültigkeit führte.

Die Evolution kann immer noch nicht die Tatsache erklären, dass alle Menschen nach Glück streben, weshalb einige ihrer Befürworter sie einfach komplett abtun. Rafael Euba:
«Der Mensch ist nicht dazu geschaffen, glücklich oder gar zufrieden zu sein. Stattdessen sind wir in erster Linie darauf ausgelegt, zu überleben und uns fortzupflanzen, wie jedes andere Lebewesen in der natürlichen Welt auch. […] Glück, das ein reines Konstrukt ohne neurologische Grundlage ist, kann im Hirngewebe nicht gefunden werden»

Was für eine deprimierende und hoffnungslose Perspektive! Aber keine noch so gute Erklärung für die Idee des Glücks ändert etwas an der Tatsache, dass es das ist, wonach jeder Mensch zu allen Zeiten und an allen Orten strebt. Die Frage ist: “Warum?” Warum sollten wir überhaupt wissen, dass es so etwas wie Glück gibt, wenn es nicht in unserem Gehirngewebe gefunden werden kann?

Zum Artikel: Evolution Can’t Account for Our Inborn Longing for Happiness

Lazarus benachrichtigen

Falls bei dir die Faszination der Auferweckung des Lazarus etwas verblasst ist, dieser Artikel zeichnet die Bibelstelle in lebendigen Farben:

Irgendjemand hat einmal gesagt: “Jesus rief Lazarus beim Namen, um zu verhindern, dass alle Toten auferstehen!” Und ich habe George Whitfield vor meinem geistigen Auge, wie er seine Gemeinde auffordert, sich ihm zu nähern, indem er fast flüsternd und mit zunehmender Intensität sagt: “Ja, Lazarus war vier Tage lang im Grab, aber er stinkt nicht annähernd so schlimm wie ihr!” Es muss wundervoll gewesen sein, unter solch gottesfürchtigen Auslegern zu sitzen, die Texte reich und farbenfroh darlegten, die dich bis ins Mark erschüttern konnten und dann in einem Augenblick unsere Augen auf Christus unsere einzige Hoffnung richten konnten.

Zum Artikel: Notifying Lazarus

Die Aufklärung hatte sich zum Ziel gesetzt, die Welt vom Verstand her zu erklären.

Es war ein gewaltiges Unterfangen, das bis in die heutige Zeit hineinreicht: Menschen taten sich zusammen, um die Ordnung der Welt zu erforschen, allein mit Vernunft. Allein mit dem, was erfahrbar ist. Wie beim Turmbau von Babel war das Ziel, etwas grossartiges zu bauen. Die Prämisse: “Was können wir erreichen, wenn wir alles Wissen zusammenlegen, wenn wir gemeinsam forschen, zusammen experimentieren und erfinden?”.

Eine tolle Idee. Eigentlich. Die Vision einer grossartigen Zukunft. Wenn da nicht dieser Vers wäre:

Verlass dich auf den Herrn von ganzem Herzen, und verlass dich nicht auf deinen Verstand.

Man kann daher die Aufklärung als ein Experiment ansehen: Was passiert, wenn man diesen Vers konsequent missachtet? Wie wird ein Turm aussehen, dessen Fundament nicht Gottesfurcht, sondern Verstand ist?

Am Anfang sah es noch gut aus: Enzyklopädien wurden geschrieben, physikalische Gesetze aufgestellt, grossartige Erfindungen wie die Elektrizität, Auto und Telefon brachten Wohlstand.

Dann wurde der Turm seltsamer. Alles wurde in das eine System gepfercht, alles vom Verstand her zu erklären. Zu Anfang wurde Gott noch als gegeben betrachtet, später musste auch Gott vom Verstand her erklärt werden. Die Evolutions-Theorie wurde aufgestellt. Gott wurde wegerklärt.

Wie ich im Beitrag über Systeme “Die Marmorsäule und der romantische Felsblock“ beschrieb, haben Systeme einen guten Kern, doch wenn man sie zu weit treibt, dann nehmen sie solch monströse und absurde Auswüchse an, die eigentlich niemand mehr ernst nehmen kann.

Der Atheismus ist ein solcher Auswuchs. Ich verstehe noch immer nicht, wer ernsthaft und konsequent daran glauben kann. Ich finde ihn höchst seltsam, denn er erklärt nichts, sondern lässt bloss alles als sinnlos erscheinen.

Wie Atheismus in aller Konsequenz aussieht, erklärt die folgende Geschichte. Einer meiner atheistischen Freunde hat sie mir erzählt. Ich dachte, sie stamme ursprünglich von Richard Dawkins, konnte aber das Zitat im Internet nicht finden. Ist auch egal. Die Geschichte ist höchstwahrscheinlich erfunden, taugt aber trotzdem für den Anschauungsunterricht:

Ein Mädchen kommt zu seinem Grossvater auf Besuch. Im Wohnzimmer sitzt der Opa gemütlich in seinem Schaukelstuhl und raucht Pfeife. In einem ruhigen Moment fragt der Grossvater das Kind: «Sag mal Kind, wo bin ich?». Das Mädchen war verunsichert über die seltsame Frage. «Da!» Sagt sie und zeigt auf Opa. «Nein, das ist mein Bauch. Du hast auf meinen Bauch gezeigt. Wo bin ich?». Verwirrt zeigt das Mädchen auf den Kopf. «Da?». «Nein, das ist mein Kopf, wo bin ich?». Da fing das Mädchen an zu weinen, weil sie nicht einmal diese einfache Frage beantworten konnte.

Durch den Atheismus kann man gar nichts mehr erklären. Nicht einmal “wo bin ich?”. Das Konzept der Identität verdampft lediglich. Das Wort “ich” und “du” verschwinden im Land der Sinnlosigkeiten, ganz zu schweigen von Wörtern wie Liebe und Mut. Was zurück bleibt ist eine kalte Welt, erfüllt von Enzyklopädien, Autos und mit Strom betriebenen Glühbirnen. Der Turmbau von Babel ist stehen geblieben, weil er plötzlich sinnlos wurde.

Ich will euch als Christen ermutigen, nicht die ganze Welt vom Verstand her erklären zu versuchen. Ich lese gerade die Sprüche und da steht ein interessanter anderer Ansatz, Weisheit zu erlangen, nämlich indem man von Gott ausgeht, von der Ehrfurcht vor ihm:

Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit, und die Erkenntnis des Heiligen ist Einsicht. (Spr 9,10)

Wer seinen Turm auf dieses Fundament stellt und ihn konsequent nach diesem Leitsatz baut, der entgeht den kuriosen Auswüchsen von “am Anfang war der Verstand”.

Beitrag von meiner Frau

Kurze Zeit, nachdem ich das Entweder-Oder-Gebet geschrien hatte, traf sich mein Mann mit einem guten Freund aus unserer Gemeinde zu einem Bier. Sie sprachen über dies und das und mein Mann erwähnte, dass ich Mühe hätte, die Liebe Gottes zu verstehen. Der Freund, ein sehr belesener Mann, bot ihm an, mir einige Bücher über dieses Thema auszuleihen. Wenig später hielt ich einen Stapel Bücher über die Liebe Gottes in der Hand. Ich sah sie durch und hatte keine Lust, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich konnte nicht noch jemand gebrauchen, der mir eine theoretische Abhandlung zu Gottes Liebe lieferte. Was nützte mir eine Definition von Liebe, wenn ich sie nicht spüren konnte? Ich griff zum kürzesten Buch und begann trotzdem zu lesen. Da passierte es.

Das Buch ist “Nahe am Vaterherz“ von Ed Piorek, aber das ist eigentlich Nebensache. Denn ich bin überzeugt, dass es nicht das Buch war, das mir Gottes Liebe erklärte, sondern Gott selbst, durch das Buch. Was ich da las, war keine weitere Erklärung, wie man verstehen kann, dass Gott einen liebt, nein - es stand geschrieben, dass Gott durch seinen Geist seine Liebe in unsere Herzen ausgiesst - d.h. seine Liebe zu uns! - und dass wir das auch spüren.

Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. (Römer 5,5)

Es gab auch viele Beispiele im Buch von Menschen, die Gottes Liebe und seine Gegenwart gespürt hatten. Sie wurden dadurch verändert, erkannten Sünden, konnten vergeben. Interessanterweise hatte ich einige Monate zuvor ein anderes Buch angefangen, in dem ähnliche Erlebnisse erzählt wurden, aber ich hatte es wieder weggelegt, weil es mir nichts sagte.

Doch was ich hier las, traf mich bis zuinnerst ins Herz. Gott zeigte mir in seiner grossen Gnade genau das, wonach ich mich mein Leben lang gesehnt hatte: Liebe. Eine echte Beziehung zu Ihm, wo ich auch spüre, dass er nahe ist und mich liebt. Nicht einfach ein “Glauben” aus der Ferne. Nicht einfach Regeln befolgen, um gerecht zu sein. Es hat den Himmel aufgerissen.

Am nächsten Sonntag, im Gottesdienst, ging ich auf unseren Freund zu, total aus dem Häuschen, und fragte ihn: “Ist dir aufgefallen, was in dem Buch steht, das du mir ausgeliehen hast? Es steht, dass man die Liebe Gottes spüren kann! In seinem Herzen!” Eigenartigerweise war diese bahnbrechende Erkenntnis total an ihm vorbeigegangen. Für ihn war das Buch eines unter vielen. Das zeigt mir einmal mehr, dass Gott persönlich zu einem spricht…

Diese Erkenntnis, dass ich Gottes Liebe zu mir spüren kann und auch Liebe zu ihm empfinden kann, hat alles verändert. Zum ersten Mal in meinem Leben liebte ich Jesus. Weil ich jetzt wusste, dass Er mich liebt. Die Aussage, dass Gott uns erwählt, machte mir nicht mehr Angst, sondern gab mir Sicherheit: Nicht ich habe Ihn erwählt, sondern Er mich. Demnach war es nicht so, dass ich bettelnd vor Ihm stand und einen gleichgültigen, abweisenden Gott bat, mich aufzunehmen. Ich hatte mir das immer so vorgestellt, dass ich vor Gott stehe, die Hand hebe und sage: “Ähm - Gott…könnte ich bitte auch zu deiner Familie gehören?” Und er gibt zur Antwort: “Hm - du? Sorry, nein, kein Interesse. Ich kann mich nicht mit noch jemandem herumschlagen, der Probleme hat.” Nein, es war genau umgekehrt: Er hatte mich schon vor meiner Geburt erwählt und mein ganzes bisheriges Leben war darauf ausgerichtet gewesen, dass ich zu Ihm fand und erkannte, wie herrlich Er ist.

Mein Mann und ich fingen an, jeden Abend vor dem Schlafengehen zu beten, und unsere Gebete waren zum ersten Mal lebendig, voller Leidenschaft und Liebe zu Gott. Wir spürten in unseren Herzen, dass Gott da war und fassten neuen Mut, vertrauensvoll zu beten.

Wir lasen zusammen das Neue Testament durch und es erschien uns wie ein neues Buch! Jesus war nicht mehr langweilig, die Gleichnisse und die Geschichten von Heilungen waren nicht mehr bedeutungslos. Und Paulus, den ich immer ein bisschen extrem gefunden hatte und mit dem ich nichts hatte anfangen können, wurde nun mein grosses Vorbild. Wie er die Liebe Jesu erfahren hatte! Wie er sein ganzes Leben nur für Ihn gelebt hatte! Was er alles in Kauf genommen hatte, weil er wusste, dass Gott zu kennen so unüberbietbar viel herrlicher ist als alles Irdische!

Ich liebte Jesus zum ersten Mal in meinem Leben.

(Das muss wohl der Zeitpunkt sein, wo ich Christ wurde.)

Zum ersten Mal war es auch so, dass ich den Menschen um mich herum von Gott erzählen wollte. Wenn ich nicht so scheu gewesen wäre, hätte ich jedem Fremden neben mir an der Bushaltestelle von Jesus erzählt. Ich schaute die Leute um mich herum an und dachte: Die müssen alle erfahren, wie herrlich Jesus ist!

Ja, jetzt wollte ich Gott selbst. Nicht Gerechtigkeit oder der Hölle entkommen. Ich hatte jemand gefunden, der mich liebte und den ich lieben konnte. Meine ewige Suche nach Liebe war vorbei.

Zum ersten Mal erkannte ich auch, dass Gott herrlicher ist als das, was die Welt zu bieten hat. Ich hatte mich vorher ganz auf die Welt verlassen und suchte, was alle anderen suchen. Ich hatte Weisheit in weltlichen Büchern gesucht und Trost in weltlicher Musik. Plötzlich störten mich die Regale voller Bücher und CDs und ich gab sie weg. Lange hatte ich die Vorstellung, dass ich dafür ein Bild vom Kreuz malen und es anstelle der Regale aufhängen könnte. Leider scheiterte diese Idee an meinen nicht vorhandenen Malkünsten…

Und heute? Zweifle ich immer noch daran, dass ich Christ bin? Ich muss sagen: Nein, ich zweifle nicht mehr. Seit bald dreizehn Jahren. Denn:

Der Geist selbst gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind. (Römer 8, 16)

Ich liebe Jesus. Ich möchte von ganzem Herzen für ihn leben. Und ich spüre auch seine Liebe zu mir. Das geht auch in schwierigen Zeiten nicht verloren.

Und noch etwas anderes gibt mir Sicherheit:

Meine Pilgerreise auf der Erde ist ja noch nicht zu Ende und ich bin weit entfernt davon, vollkommen zu sein. Und “unser Wissen ist Stückwerk” (1. Korinther 13, 9). Aber im Gegensatz zu früher merke ich, dass Gott mich vorwärtsführt. Ich bin nicht mehr orientierungslos im Nebel, selbst wenn es Zeiten gibt, wo ich nicht weiss, wohin es geht. Stück für Stück führt mich Gott dahin, dass ich Ihn mehr liebe und die Welt weniger. Dass ich bereit werde, mehr aufzugeben für Ihn. Mehr Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen. Dass ich nicht für mich leben will, sondern für Ihn.

Ab dem Jahr 2015 hat Gott mich und meinen Mann ein ganzes Stück weitergeführt, was das betrifft, aber davon habe ich schon in anderen Artikeln geschrieben.

Ach, und noch kurz zur Freiheit, die mir immer so wichtig gewesen war: Für mich ist die grösste Freiheit, Gott zu gehören. Einerseits bin ich dadurch nämlich nicht mehr Sklave der Sünde und muss keine Angst mehr haben vor dem Gericht. Jesus ist meine Gerechtigkeit geworden. Andererseits wurde mir eine riesige Last von den Schultern genommen, seit ich nicht mehr für mich selber lebe und versuche, meine eigenen Ziele zu verfolgen. Ich habe die Leitung und die Verantwortung für das Gelingen meines Lebens abgegeben (und auch die Vorstellung, was gelingen heisst) und kann deshalb “getrost erwarten, was da kommen mag”. Das ist eine ungeahnte, vorher nie gekannte Freiheit!

Wann wurde ich denn nun gerettet? Ich möchte mit diesem Vers abschliessen:

Deshalb legt alles ab, was euch beschmutzt, alles Böse, was noch bei euch vorhanden ist, und geht bereitwillig auf die Botschaft ein, die in euer Herz gepflanzt wurde und die die Kraft hat, euch zu retten. (Jakobus 1, 21)

Ja, wann immer der genaue Zeitpunkt war: Gottes Botschaft wurde in mein Herz gepflanzt. Und sie wird immer grösser und stärker. Sie hat die Kraft, mich durch das irdische Leben durchzutragen, bis der Lauf vollendet ist und ich endgültig gerettet werde.

Beitrag von meiner Frau

Genau zu dem Zeitpunkt, als ich die erwähnte unglückliche Beziehung begann, wurde ich mitten in Zürich, einen Katzensprung von dem Restaurant entfernt, wo ich arbeitete, von zwei jungen Frauen angesprochen, die mich in den Gottesdienst ihrer Gemeinde einladen wollten.

Was sie mir sagten, weiss ich nicht mehr, aber es endete damit, dass ich ihnen meine Nummer gab, damit sie mit mir ein Treffen vereinbaren konnten. Ein wenig hoffte ich wohl, sie würden meine Nummer verschusseln und sich nie mehr melden. Aber sie waren sehr zielstrebig, riefen mich kurz darauf an und wir trafen uns zu einem Gespräch in einem Café.

Das wurde der Anfang einer langen Reihe von Gesprächen. Ich hatte unendlich viele Fragen über den Glauben und wollte alles ganz genau wissen. Sie wiederum waren um Antworten nicht verlegen und schienen ein fundiertes Wissen zu haben. Endlich waren da Menschen, die wussten, wovon sie sprachen!

Irgendwann stellte ich dann eine Frage, die mir seit Jahren auf dem Herz brannte: Wie kann ich wissen, dass ich Christ bin? Wie kann ich mir sicher sein? Ich erzählte von den vielen Malen, wo ich Jesus gebeten hatte, in mein Herz zu kommen und von meiner Unsicherheit, die dennoch immer da war. Ihre Antwort war: indem du dich taufen lässt. Die Taufe ist der Zeitpunkt, wo wir gerettet werden. Am Anfang steht die Umkehr, d.h. dass man seine Sünden bekennt und bereut. Danach kommt die Entscheidung, Gott ganz nachzufolgen, und die Taufe. In der Taufe wird man gerettet.

Ich war so froh, dass mir endlich jemand einen klaren Weg aufzeigte! Gleichzeitig erinnerte ich mich, dass ich einige Jahre zuvor mit zwei Freundinnen einen Bibelkurs bei einem Pfarrer gemacht hatte. Zum Thema Taufe hatte er nur sehr unklare und schwammige Antworten gehabt und ich hatte nie verstanden, wieso die Taufe überhaupt nötig war. Jetzt wusste ich es endlich.

Es folgte ein halbes Jahr Bibelstudium. In dieser Gemeinde war es üblich, dass man mit Interessierten einen persönlichen Bibelkurs durchführte, in dem alle wichtigen Themen des Glaubens besprochen wurden. Bei manchen dauerte das kürzer (siehe die Bekehrungsgeschichte von meinem Mann), bei mir etwas länger.

Es war eine intensive Zeit. Ich war hin- und hergerissen. Einerseits merkte ich, dass ich mit Gott ernst machen musste. Ich konnte nicht einfach ein bisschen glauben und mir ansonsten mein Leben selbst zurechtschneidern. Ich hatte ja mit dieser verbotenen Beziehung gemerkt, wohin das führte. Ich wollte ganz für Gott leben. Andererseits spürte ich, dass ich da in eine Gemeinschaft kam, in der das Leben ziemlich straff geordnet war, und ich hatte Angst, meine Freiheit zu verlieren.

Unterdessen hatte ich auch an einem oder zwei Gottesdiensten teilgenommen und mehr Leute kennengelernt. Alle waren sehr zuvorkommend und nahmen mich ohne Vorbehalte in ihrer Gemeinschaft auf. Übrigens hatten mir die neu kennengelernten Freundinnen auch geholfen, mit meiner Beziehung aufzuhören. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.

Ein halbes Jahr später hatte ich mich durchgerungen: Ich war bereit, mich taufen zu lassen. Ich hatte meinen Mentorinnen und Gott meine Sünden bekannt, wir waren sogar mal auf der Strasse gewesen, um - genau wie bei mir damals - Leute einzuladen. Der Tauftermin wurde auf den 21. Januar 2001 festgelegt, ich war 22 Jahre alt. Irgendwie freute ich mich darauf, weil ich mich endlich ganz für Gott entschieden hatte und gleichzeitig sicher sein konnte, dass ich gerettet wurde. Andererseits erinnere ich mich an fast depressive Gefühle. Ich wusste, dass ich, um in den Himmel zu kommen, dafür in Kauf nehmen musste, mein ganzes restliches Leben in einem - wie ich es empfand - Gefängnis zu verbringen. In einer Gemeinschaft, wo vieles vorgeschrieben war und die in fast alle Bereiche des Lebens eindrang. Von meiner ersehnten Freiheit blieb nicht mehr viel übrig. Aber ich war überzeugt, dass ich keine andere Wahl hatte, wenn ich in den Himmel kommen wollte.

Bezeichnenderweise war mein Taufvers Joh. 8, 31-32: “Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.”

Ich wusste, dass es in diesem Vers um Freiheit von der Sünde geht. Das störte mich ein bisschen, denn ich verstand nicht, dass man in der Sünde gefangen ist, wenn nicht Jesus einen durch seinen Tod am Kreuz frei macht. Aber ich hatte immer noch die Hoffnung, echte Freiheit zu finden und klammerte mich deshalb an diesen Vers.

So wurde ich also ein Mitglied dieser Gemeinde und tauchte in ein ganz neues Leben ein. Ich war Teil einer Studentengruppe, die viel zusammen unternahm und wie eine Familie wurde. Noch heute habe ich zu einigen von ihnen Kontakt. Es entstanden Freundschaften fürs Leben. Später wohnten wir auch zusammen in WGs. Wir veranstalteten regelmässig Parties, wozu wir Interessierte einluden, damit sie Gott kennenlernen konnten.

Ich lernte auch einige nette Jungs kennen und genoss es, von der Männerwelt nicht mehr links liegen gelassen zu werden. Einer von ihnen wurde später mein Mann…

Doch obwohl ich täglich in der Bibel las und betete, alle Gottesdienste, Andachten und Frühgebete besuchte, Leute auf der Strasse einlud, mit einer Mentorin wöchentlich über meine Fortschritte sprach und meine Sünden bekannte und mit Interessierten die Bibel studierte, stellte sich nach nicht allzulanger Zeit das gleiche nagende Gefühl ein wie früher: Ich fragte mich einmal mehr, ob ich wirklich Christ war. Diesmal waren die Fragen ein bisschen anders: Hatte ich bei der Taufe alles richtig gemacht? Hatte ich auch wirklich alle meine Sünden bekannt? Nein - nicht ganz, musste ich zugeben. Vielleicht hatte das die ganze Taufe ungültig gemacht und ich kam nicht in den Himmel. Ich war ironischerweise wieder am selben Ort wie vorher.

Schliesslich besprach ich meine Fragen mit einer erfahrenen Christin. Sie versicherte mir, dass meine Taufe gültig sei. So war das Thema vorerst vom Tisch. Aber meine Beziehung zu Gott wuchs nicht. Obwohl mir alle versicherten, was für grosse Fortschritte ich im Glauben mache, fühlte ich mich wie in einem geistlichen Nebel. Ich war völlig orientierungslos. Bibel lesen war ein tägliches To Do, beten eine Qual.

Mittlerweile geschahen in meinem persönlichen Leben einige Dinge, die meine Verwirrung mit dem Glauben in den Hintergrund treten liessen. Ich hatte in der Studentengruppe einen Freund gefunden und war überglücklich. Zwei Jahre später heirateten wir. Ich schloss mein Studium ab und wir gründeten eine Familie. In der Gemeinde war einiges geschehen und die engen Regeln hatten einer grösseren Gestaltungsfreiheit Platz gemacht. Mit Gott kam ich trotzdem nicht recht weiter und ich erinnere mich, dass ich einmal dachte: Vielleicht lerne ich Altgriechisch und Hebräisch und versuche die Bibel in ihrer Originalsprache zu lesen. Das könnte meine Nische im Christentum sein.

Mit Schwangerschaft und Geburt unseres ersten Kindes kamen einige Schwierigkeiten auf mich zu, die mich an meine Grenzen brachten. Unser Kind schlief zwei Jahre lang nicht durch. Und nicht nur das, es war immer wieder nächtelang sehr unruhig, sodass ich nicht schlafen konnte und immer gereizter wurde. Immer wieder flehte ich Gott in der Nacht an: “Mach, dass unser Kind einschläft, jetzt! Ich halte es nicht mehr aus!” Aber Gott beantwortete meine Gebete nicht. Mehrmals geschah es, dass ich mich darauf von Gott lossagte. Ich wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Am nächsten Morgen befiel mich dann die Angst, ich sei jetzt für immer und ewig verloren. Was, wenn ich die Sünde begangen hatte, die nicht vergeben werden kann? Ich entschuldigte mich bei Gott und hoffte, dass er mich wieder annahm.

So ging das monatelang und ich stürzte in eine grosse Glaubenskrise. Was bringt es zu Gott zu beten, wenn er nicht hört? Wie kann ich einem Gott vertrauen, der mir nicht hilft in der Not? In meiner Verzweiflung fand ich eine beängstigende Antwort: Gott will mich nicht. Ich gehöre nicht zu den Erwählten. Ich möchte zwar zu ihm kommen, aber es ist unmöglich. Ich erinnerte mich an den Vers:

Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. (Römer 8,28)

Schon immer hatte mich dieser Zusatz (denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind) verwirrt, aber jetzt glaubte ich, die Wahrheit darüber zu erkennen: Diejenigen, die nicht berufen sind, können gar nicht zu Gott kommen, auch wenn sie wollen! Dabei übersah ich natürlich, dass es auch Verse wie die Folgenden gibt:

Alle, die der Vater mir gibt, werden zu mir kommen, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausweisen.(Johannes 6, 37)

Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr.” (Jeremia 29, 13-14)

Diese falsche Erkenntnis stürzte mich in eine bodenlose Verzweiflung. Ich erinnere mich, dass ich zu Gott schrie: “Gott, wenn es nicht möglich ist, zu dir zu kommen, dann töte mich bitte! Dann habe ich keinen Grund mehr zu leben.” Ich meinte dieses Gebet todernst. Es war alles oder nichts. Mein Innerstes war entblösst vor Gott. Es gab nur entweder - oder. Entweder zu Gott kommen oder sterben. Vielleicht hatte ich wirklich zum ersten Mal Gott von ganzem Herzen gesucht.

Und Gott antwortete! Natürlich nicht, indem er mich tötete, denn es ist ja möglich, zu ihm zu kommen! Gottes Antwort kam kurze Zeit später. Wieder einmal eilte er mir zu Hilfe und diesmal veränderte sich alles.

Dies ist der zweite mögliche Zeitpunkt meiner Bekehrung, im Sommer 2008.

Beitrag von meiner Frau

Eigentlich sollte man doch - zumindest ungefähr - wissen, wann man Christ wurde. Ich bin aber bis heute zwischen zwei Zeitpunkten hin- und hergerissen, die zwanzig Jahre auseinanderliegen. Ausserdem kommt da noch ein dritter Zeitpunkt ins Spiel, den ich lange als Tag meiner Bekehrung ansah - der Tag, an dem ich mich taufen liess. Doch den betrachte ich heute als am wenigsten wahrscheinlich.

Tönt alles ziemlich kompliziert, oder? Was mich beruhigt, ist aber die Tatsache, dass ich weiss, dass ich jetzt Christ bin - weil ich Jesus liebe und nur noch für Ihn leben will. Und das ist ja eigentlich die Hauptsache. Aber fangen wir von vorne an:

Aufgewachsen bin ich in einem wunderschönen, alten, sehr abgelegenen Flarzhaus, ohne Zentralheizung, (fast) ohne Nachbarn, ohne Fernseher, dafür mit Hund, Katzen, Enten, einer Gans, einem grossen Gemüse- und Obstgarten und einer Mutter, die zu Hause war. Ich kann mir keinen schöneren Ort vorstellen.

Ich war die Mittlere von drei Schwestern, introvertiert, scheu und zurückgezogen. Am liebsten las ich oder spielte Klavier (beides stundenlang). In der Schule hatte ich stets gute Noten, bis auf das Mündliche. Ich getraute mich meist nicht, mich zu melden.

Wir gingen in keine Gemeinde. Meine Mutter war in einer Freikirche aufgewachsen und hatte sich dort auch bekehrt. Später zerrüttete sich diese Gemeinde und meine Mutter war erschüttert über die Tatsache, dass bekennende Christen einander so bekämpfen konnten. Sie ist bis heute nie mehr Teil einer Gemeinde gewesen.

Trotzdem war sie es, die mich mit dem Glauben bekannt machte. Vor dem Essen sangen wir jeweils ein Dankeslied und auch beim ins Bett gehen sangen wir ein Lied oder sie sprach ein Gebet. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was genau sie mir von Gott erzählte, aber ich glaube, sie gab mir die wichtigsten Tatsachen weiter.

Ausserdem waren die meisten meiner Tanten und Onkel mütterlicherseits Christen, und eine Tante schickte uns immer wieder christliche Traktate zu. Wir besassen auch einige Kassetten mit christlichen Hörspielen, die ich mir endlos anhörte (z.B. “Im Schluuchboot ufem Ozean”, “Stammt de Mänsch würklich vom Aff ab?”, “Hamid und Kinza”). Ich liebte sie, denn sie waren spannend und zeigten mir (v.a. durch die wahren Geschichten), wie Gott im Leben der Menschen wirkte und real war. Noch heute erinnere ich mich gerne an sie.

Am Ende mehrerer dieser Kassetten wurde die Frage gestellt, ob der Hörer sich auch schon für Gott entschieden habe? Dann folgte ein Bekehrungs-Gebet, das man nachsprechen konnte. Der Teil, an den ich mich erinnern kann, war in etwa “Jesus, bitte komm in mein Herz”. Dieses Gebet sprach ich nach, denn ich wollte in den Himmel kommen. Das ist der erste mögliche Zeitpunkt meiner Bekehrung, mit etwa 10 Jahren.

Ich glaube auch, dass ich das Gebet wirklich ernst meinte. Interessanterweise schien es aber nicht die geringste Auswirkung zu haben. Nicht, dass man unbedingt sofort etwas merken muss. Aber bei mir veränderte sich überhaupt nichts. So kam es, dass ich unsicher darüber blieb, ob mein Gebet genügt habe. Vielleicht hatte ich es zu wenig ehrlich gemeint? Schliesslich führte das dazu, dass ich immer wieder, v.a. nach dem Hören einer Kassette, Jesus von Neuem bat, in mein Herz zu kommen.

Als ich ein Teenager wurde, abonnierte meine Mutter für mich einen Bibelleseplan, den ich treu las. Dadurch fing ich an, regelmässig in der Bibel zu lesen. Bestimmt lernte ich dadurch vieles über Gott und den christlichen Glauben. Aber irgendetwas fehlte. Im Nachhinein muss ich sagen: Es war die persönliche Beziehung zu Gott, die Liebe zu ihm. Ich fühlte nichts für ihn. Ja, ich konnte mir nicht im Entferntesten vorstellen, dass man ihn kennenlernen konnte. Ich war ein eingeschüchtertes, unsicheres Mädchen, dass zwar etwas über Gott lernte und sich wohl unbewusst auch danach sehnte, von ihm geliebt und angenommen zu sein, das aber keine Vorstellung davon hatte, dass man ihn kennen kann. Deshalb betete ich auch nicht um Nähe zu ihm.

So las ich zwar mit Interesse die Bibelstellen und Kommentare dazu und machte mir endlose Listen mit Geboten und Verboten des christlichen Lebens. Und ich versuchte, alles einzuhalten und richtig zu machen. Aber es war keine Beziehung zu Gott, sondern ein Befolgen von Regeln und Normen aus der Ferne. Die Triebkraft dazu kam nicht aus meiner Liebe zu Gott, sondern aus dem Wunsch, das Richtige zu tun. Ich hatte erkannt, dass die Bibel die Wahrheit ist und dass man ohne Gott in die Hölle kommt, also versuchte ich, nach der Bibel zu leben.

In der Sekundarschule lernte ich ein Mädchen kennen, das sich auch als Christ bezeichnete. Wir wurden Freundinnen und beschlossen, einander im Glauben zu helfen. Sie besuchte die lokale Chrischona-Gemeinde und lud mich zu Gottesdiensten und Jugendtreffen ein. Mir gefielen die Gottesdienste recht gut, aber mit der Jugendgruppe konnte ich gar nichts anfangen. Ich war zu introvertiert und schüchtern. Es kostete mich riesige Überwindung, in eine Gruppe fremder Jugendlicher zu gehen, wo nichts voraussehbar war und man auch noch Gruppenspiele machen musste! Alle schienen Spass zu haben. Das konnte ich nicht nachvollziehen und blieb fortan den Treffen fern. Auch in den Gottesdienst ging ich weniger und weniger, denn meine Freundin hatte schon ihre Kollegen aus der Jugendgruppe und ich fand keinen Anschluss.

Dann kam ich aufs Gymnasium. Dort passierte einiges. Ich fand Freunde und getraute mich (zum ersten Mal!) sogar, mit Jungs zu reden. Ich wurde selbstsicherer und auch kritischer. Durch die Lektüre einiger Bücher und Theaterstücke aus der Zeit der Aufklärung wandte ich mich der Philosophie zu. Kant und Schiller wurden meine Vorbilder. Durch das Theaterstück “Maria Stuart” von Schiller erhielt ich eine Idealvorstellung der inneren Freiheit, die unabhängig ist von den äusseren Umständen (Im Nachhinein muss ich sagen: Diese Freiheit habe ich heute im Glauben endlich gefunden!) Meine eigenen Vorstellungen und die aus der Bibel klafften immer mehr auseinander. Meine Sehnsüchte und Wünsche drehten sich um Freiheit, Unabhängigkeit - und natürlich um Liebe. Schon seit der 1. Klasse war ich krampfhaft und permanent in immer wieder neue Jungs verliebt - allerdings nur von Weitem, denn ich hätte nie den Mut aufgebracht, etwas von meinen Gefühlen zu zeigen.

Gleichzeitig wandte ich mich aber nicht ganz von Gott ab, und nachdem ich erfahren hatte, dass es am Gymnasium eine Bibelgruppe gab, nahm ich dort regelmässig teil. Über diese Bibelgruppe empfand ich widerstreitende Gefühle. Etwas drängte mich, mit Christen im Kontakt zu sein. Gleichzeitig kostete es mich aber grosse Überwindung, Woche für Woche dorthin zu gehen, im Kreis zu sitzen und mit fremden Leuten über persönliche Dinge zu sprechen. Wir machten auch Strasseneinsätze (dabei jonglierte ich…) und sprachen mit Leuten über den Glauben. Aber ich fühlte mich sehr unwohl dabei. Wahrscheinlich merkte ich, dass ich den Menschen nichts Wirkliches über Gott sagen konnte.

Die Mentorin der Gruppe, eine junge, lebensfrohe Studentin, nahm sich schliesslich meiner an und traf sich regelmässig mit mir. In ihrer WG hatten wir super Gespräche über alle Fragen des Lebens. Sie war eine grosse Hilfe, meine erste Mentorin im Glauben.

Hatte ich vorher mehrere Jahre Tierärztin werden wollen, so stellte sich nun immer mehr heraus, dass Sprachen meine grosse Leidenschaft waren. Ich entschloss mich, vergleichende Sprachwissenschaft an der Uni Zürich zu studieren. Meine christlichen Verwandten waren ganz begeistert über diese Entscheidung. “Mit diesem Studium kannst du später mit Wycliffe die Bibel übersetzen!”, sagten sie. Aber ich wich der Antwort aus; Bibelübersetzung war gar nicht auf meinem Radar.

Bevor das Studium anfing, reiste ich für drei Monate in die Slowakei, um die Sprache zu lernen. Auch dort war ich zwischen zwei Welten hin- und hergerissen. Mein Verlangen nach Liebe war gross, und ich lernte einen jungen Mann kennen. Nach meinem Aufenthalt schrieb ich ihm noch ein ganzes Jahr lang Briefe, in der Hoffnung, er liebe mich. Es stellte sich jedoch heraus, dass er einfach ein Frauenheld war, der nur einen kurzen Flirt gesucht hatte. Zum Glück, muss ich im Nachhinein sagen, denn ich wäre wahrscheinlich Hals über Kopf in die Slowakei ausgewandert und hätte jemand geheiratet, dem Gott gleichgültig war.

Aber Gott liess mich auch in der Slowakei nicht los. Ich lernte eine Gruppe junger Amerikaner kennen, die in unserer Stadt einen Missionseinsatz machten. Sie machten mich mit einheimischen Christen bekannt und von da ab besuchte ich regelmässig einen Gottesdienst. Zum ersten Mal sah ich hier etwas, was davon zeugte, dass man zu Gott Liebe empfinden kann. In jedem Gottesdienst gab es Zeiten, in denen laut (von allen gleichzeitig) gebetet wurde und jeden Sonntag gab es einen Aufruf, nach vorne zu gehen und Christ zu werden. Irgendwie berührten mich diese Gefühle für Gott und ich betete jeweils mit.

Als meine Zeit dort zu Ende ging, riet mir eine Frau, mit der ich näher Kontakt hatte, in der Schweiz unbedingt eine Gemeinde zu besuchen. Sie schrieb mir sogar eine Adresse in Zürich heraus. Aber die Überwindung und mein Freiheitsbedürfnis waren zu gross; ich meldete mich nie dort.

Das Studium fing an und nahm mich ganz gefangen. Ich dachte, ich hätte meine Bestimmung gefunden: Sprachen analysieren, so viele Sprachen wie möglich lernen, Feldforschung in fernen Ländern betreiben und nebenher Musik machen. Und natürlich einen Mann finden.

In meinen ersten Semesterferien arbeitete ich für zwei Monate als Kellnerin in einem Restaurant in Zürich. Da geschah es, dass einer meiner Mitarbeiter, ein verheirateter Mann, mir gestand, er habe sich in mich verliebt. Nach all den Jahren unerwiederter Liebe und zerschlagener Hoffnungen konnte ich dem leider nicht widerstehen und wir begannen eine (zum Glück kurze) Beziehung. Ich war einfach zu schwach, um der Versuchung zu widerstehen. Wer weiss, wo ich gelandet wäre, hätte Gott nicht eingegriffen. Aber er war schon unterwegs…

Gestern berichtete ich über die Bekehrungsgeschichte und das Wirken von R.C. Sproul. Heute will ich meine Lieblingspredigt von ihm vorstellen.

Es war 2008 und R.C. Sproul predigte auf der Konferenz “Together for the Gospel”. Er litt seit einiger Zeit an einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung und hatte daher ständig Atemprobleme. Die Predigt hielt er im Sitzen! Danach lebte er noch weitere neun Jahre bis er 2017 starb.

Wieso ist es einer meiner Lieblingspredigten?

Zum Einen merkt man die Liebe dieses Mannes. Er spricht väterlich zu seinen Zuhörern, in einer liebevollen Art und Weise. Auf seinem Grabstein stehen die Worte “He was a kind man redeemed by a kinder Savior”. Das sind nicht bloss Worte, es war ihm wichtig, liebevoll zu predigen. Auf dem Heimweg nach der Predigt fragte er jeweils seine Frau, ob er in seiner Predigt freundlich war mit der Gemeinde.

Zum anderen bewegt mich, wie Sproul über das Kreuz sprach. Die Botschaft vom Kreuz ist das Zentrum des Christentums. Deshalb wird - zurecht! - viel darüber gepredigt. Die Gefahr ist, dass das Thema langweilig wird, ausgeleiert. Einige Prediger wechseln zu anderen, spannenderen Themen. Sproul bleibt beim Kreuz und schafft es, die Kraft und Herrlichkeit des Kreuzes zu vermitteln.

Seine Predigt dreht sich um das “Fluch-Motiv”. Dabei erklärt er, was mit jemandem passiert, den der Fluch Gottes trifft. Was mit Jesus passiert ist. Und was mit uns geschehen würde, wenn Jesus den Fluch nicht auf sich genommen hätte. Ein Auszug:

Aber es gibt ein Bild, einen Aspekt des Sühnopfers, der in unserer Zeit fast völlig in Vergessenheit geraten ist. Wir haben vorhin von den Versuchen gehört, ein sanfteres und freundlicheres Evangelium zu predigen, und in unseren Bemühungen, das Werk Christi freundlicher zu vermitteln, fliehen wir vor jeder Erwähnung eines Fluches, den Gott seinem eigenen Sohn auferlegt hat.


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