Philipp Mickenbeckers Kritik an der Schule und seine romantisch wirkenden Erinnerungen an sein eigenes Lernen im Homeschooling, in der Natur und beim Experimentieren scheinen etwas extrem. Und doch trafen sie bei mir einen Nerv.

Ich bin Informatiker, und als ich zur Schule ging, gab es noch keine Programmierkurse. Ich habe mir das Programmieren selbst beigebracht durchs Lesen von anderen Programmen, Kaufen von Programmierbüchern und gemeinsames Ausprobieren mit Freunden. Daher kann ich Mickenbeckers Ode an selbstmotiviertes, freies, kreatives Lernen sehr unterstreichen. Obwohl ich denke, dass es nicht auf alle Lernbereiche anwendbar ist.


Dies ist ein Zitat aus dem Buch “Meine Real Life Story: Und die Sache mit Gott”, zu dem ich hier eine Zusammenfassung/Rezension geschrieben habe.


Wir haben bis zur vierten Klasse Heimschule gemacht. Bei uns zu Hause, auf einem kleinen ehemaligen Bauernhof. … [Da hatten wir eine] große Werkstatt! Eine alte Scheune, in der unser Vater alles hatte, was man zum Basteln brauchte. Schon von klein auf haben wir ihm zugeschaut und mitgeholfen, gemeinsam an Fahrrädern geschraubt oder Sachen repariert … Damals wurden wohl die Anfänge unserer Selbstbauleidenschaft gelegt. Das machte einfach viel mehr Spaß, als auf der Spielekonsole zu zocken.

Die ersten vier Jahre unserer Schulzeit mussten wir überhaupt nicht zur Schule gehen, sondern wurden von unserer Mutter zu Hause unterrichtet. … In vielen Ländern ist „Homeschooling“ inzwischen ein gängiges Konzept, nur in Deutschland wird das einfach nicht akzeptiert, obwohl man uns jederzeit auf unseren Leistungsstand hätte überprüfen können, der vermutlich besser war als bei den meisten „normalen“ Schülern. In der vierten Klasse haben wir schon mit x und y gerechnet – und das, obwohl wir nur drei oder vier Stunden am Tag Unterricht hatten. Den Rest des Tages konnten wir mit Freunden im “Real Life” verbringen. … Ab der vierten Klasse sind wir dann auf eine „christliche“ Schule gegangen. Der Staat hat uns beziehungsweise unsere Eltern dazu gezwungen.

Eingeführt wurde die Schulpflicht ja eigentlich mal, um ein gewisses Bildungsniveau für alle sicherzustellen. Schöner Gedanke, aber tatsächlich habe ich manchmal das Gefühl, dass es eher darum geht, Kinder zu beschäftigen und mit sinnlosem Wissen vollzustopfen, als sie zum selbstständigen Denken und zur Bildung einer eigenen Meinung anzuregen. … Ich sehe diesen hässlichen grauen Bau immer noch vor mir. … Hier gab es keine Werkstatt, keinen Wald, keinen Raum für Kreativität, keine Freiheit. Stattdessen hunderttausend sinnlose Regeln, die das ohnehin schon langweilige Schülerdasein so eintönig gemacht haben, dass wir uns vorkamen wie im Knast.

Ich konnte nie verstehen, warum wir die Einzigen waren, die dieses System gehasst haben, aber wahrscheinlich konnten nur wir das so sehen, weil wir das Leben ohne Schule kannten. Ohne diesen Zwang, jeden Morgen stundenlang im Klassenzimmer zu sitzen und sich den Unterricht anhören zu müssen, egal, ob man es schon längst verstanden hatte oder nicht. Wahrscheinlich ging es den anderen wie Hühnern, die in ihren Legebatterien groß geworden waren und das Leben da draußen gar nicht kannten. Die nicht wussten, wie viel Freude es macht, kreativ zu sein, zu versuchen, das Unmögliche zu schaffen und selbst neue Lösungswege zu entdecken, anstatt die Lösungswege auswendig zu lernen, die jemand anders entwickelt hat.

Früher hatten wir einfach aus Interesse gelernt. Ich weiß noch, wie unsere Mutter uns das Dividieren beigebracht hatte. Eigentlich hätten wir noch mit ganz kleinen Zahlen rechnen sollen, aber damals hatte uns der Wissensdrang gepackt. Voller Neugier hatten wir weiter gefragt und gelernt, wie man große Zahlen teilen konnte. Für uns war dieses neue Wissen so interessant, dass wir abends den Taschenrechner mit ins Bett schmuggelten. Dann dachten wir uns beliebige Zahlen aus und fingen an, fünf- oder sechsstellige durch dreistellige Zahlen im Kopf zu teilen. Wenn wir das Ergebnis hatten, rechneten wir es mit dem Taschenrechner nach. Das machte einfach Spaß, wir freuten uns auf den Unterricht, wir lernten nie für Noten, nein, denn bei uns gab es überhaupt keine.

In der Schule lernte niemand aus Interesse. Hier lernte man für die Noten im Zeugnis. Man versuchte, seinem Gehirn durch endlose Wiederholungen vorzutäuschen, dass etwas wichtig sei, bis man es endlich wusste. Das Schlimmste war, sich nach einem siebenstündigen Unterrichtstag zu fragen, was man an diesem Tag tatsächlich gelernt hatte. Das war meist wenig. Und wenn man sich dann noch fragte, was man für sein Leben gelernt hatte, blieb so gut wie gar nichts übrig. Das hätte man auch in einer Stunde zu Hause lernen können.

Philipp Mickenbecker, das ist ein Junge, der nicht gerne in die Schule geht, der gerne verrückte Dinge ausprobiert, der lieber von der Natur lernt als von Schulbüchern. Das ist ein Junge, der mit seinem Zwillingsbruder die Schule unsicher macht mit Explosionen vor dem Fenster des Klassenzimmers, der das Netzwerk der Schule hackt und während langweiligen Schulstunden über Lautsprecher lustige Nachrichten abspielt. Das ist ein Junge, der von der Schule fliegt, weil er es zu weit treibt und sein Leben lang nicht versteht, warum Kinder langweilige Schulstunden absitzen sollen und dafür lieber in der Natur Tiere beobachtet und dafür sogar Preise erhält.

Seine Geschichte liesse sich aber auch so zusammenfassen:

Philipp Mickenbecker, das ist ein Junge, der sieht, dass seine Klassenkameraden lieber zu Hause am Computer gamen, statt nach draussen zu gehen. Das ist ein Junge, der seinen Kameraden erzählt von den Abenteuern, die er draussen erlebt und überrascht ist, als sie sich dafür nicht begeistern lassen. Der sich überlegt, wie er sie weg vom Computer ins “Real Life” motivieren kann. Er baut mit seinen Geschwistern eine Seilbahn über eine 100m lange Kiesgrube, filmt das ganze, stellt es auf Youtube und zeigt es seinen Kameraden. Jetzt verstehen sie, wovon er ihnen erzählen will und fangen an, mitzumachen. Nachdem sie dann weitere Experimente, wie eine fahrende und fliegende Badewanne oder ein selbstgebautes U-Boot, auf Youtube stellen, sind die Geschwister als “The Real Life Guys“ Youtube-Stars geworden und die Werbe-Einnahmen decken die laufenden Ausgaben einer USA-Reise wo sie noch weitere Abenteuer erleben können.

Aber seine Geschichte geht auch so:

Philipp Mickenbecker, das ist ein Junge, der mit sechzehn Jahren seine erste Krebsdiagnose erhält. Der während dem Krankenhaus-Aufenthalt anfängt an Gott zu glauben. Der eine schmerzvolle Chemotherapie durchmacht und merkt, dass Gott ihn begleitet. Der, nachdem es ihm wieder gut geht, Gott wieder vergisst. Der aber, nachdem er seine zweite Krebsdiagnose erhalten hat, wieder anfängt Gott zu suchen. Der ihn auf die Probe stellt. Der nicht verstehen kann, wieso er sich nicht zeigt. Und zu dem Gott dann unmissverständlich zweimal spricht und so anfängt zu glauben. Gerade in der Leidenszeit.

Und auch so geht seine Geschichte:

Philipp Mickenbecker, das ist ein Junge, der in einer Freikirche voller Regeln aufwächst. Dem verboten wird, am Sabbat etwas zu tun. Der das Christentum als ätzend empfindet, als eine Religion, die Menschen griesgrämig und weltfremd macht, der in christlichen Gemeinden keine Liebe empfindet, sondern bloss Vorschriften. Der durch seine Entdeckungsfreude zu den Naturwissenschaften findet und sich immer mehr vom Glauben entfernt, bis er, durch Gleichaltrige ermutigt, eine passende christliche Gemeinde findet, wo der Pastor seine Fragen beantworten kann und wo er sich taufen lässt. Es ist ein Junge, dessen Schwester beim Flug mit einem Ultraleichtflugzeug abstürzt und stirbt. Und der merkt, dass der Glauben seiner Eltern sie in dieser Situation durchträgt - das erste Mal, dass den verstaubten Glauben der Eltern als etwas Positives wahrnimmt.


Auf das Buch kam ich durch eine Rezension auf nimm-lies. Die Rezension hat mich sofort angesprochen, denn ich habe mich in einigen Dingen sofort wiedererkannt. Auch ich habe in der Schule das Netzwerk gehackt, auch ich wurde durch meine Jugendzeit wissenschaftlich geprägt und hatte dieselben Zweifel an Gott.

Beim Lesen des Buchs gab es dann aber auch viel Neues, das ich bisher nicht erlebt habe und das eine Bereicherung war: Homeschooling und die Kritik am Schulsystem. Die Freude an der Natur und den Outdoor-Experimenten. Und dann natürlich die Krebserkrankung. Das Buch blieb bis am Schluss lehrreich und spannend.

Und dann hat mich natürlich die Bekehrungsgeschichte ermutigt.
Philipp Mickenbecker schreibt ehrlich, frisch und unbeschönigt. Er will Gott nicht verteidigen, sondern er zeigt lediglich auf, wie Gott ihn gefunden hat. Mit seiner Krebserkrankung ist er ein Zeuge der Hoffnung, die in ihm ist.

Das alles macht das (Hör-)Buch empfehlenswert für Teenager-Kinder (auf Spotify ist es gratis hörbar). Ein guter Aufhänger ist definitiv auch, dass der Autor Youtube-Star ist.

Ich wollte das Buch auch meinen Kindern (13 und 10) zeigen, doch sie fanden die Sache mit Krebs zu krass. Ich werde es also für später aufbewahren.


Das Buch “Meine Real Life Story und die Sache mit Gott” ist 2020 im Adeo-Verlag erschienen, erhältlich ist es als Buch, Ebook und Hörbuch.

Beitrag von meiner Frau Irene

Ich lese am liebsten Bücher über Missionare, die an einen Ort gehen, wo das Evangelium noch nie verkündet wurde. Es ist einfach einzigartig, wenn Menschen zum allerersten Mal von Jesus hören. Von Gottes Liebe zu den Menschen. Von der Möglichkeit, dass einem seine Schuld vergeben wird. Von einem Gott, der nicht willkürlich und launisch ist und mit Opfern zufriedengestellt werden muss, sondern der seinen eigenen Sohn hat sterben lassen, damit wir mit ihm eine Beziehung haben können.

Die Bekehrungsgeschichten von solchen Menschen zu lesen, ist eine riesige Ermutigung. Ein Zeugnis von Gottes Kraft, Menschen zu verändern. Da gibt es Beispiele von Männern, die vorher ihre Frauen geschlagen und ausgenutzt haben, und deren Herz sich so verändert hat, dass sie ihre Frauen zum ersten Mal lieben können. Eindrücklich ist auch, wenn Angehörige einer animistischen Religion ihre Zaubergegenstände und alles, was sie vor den bösen Geistern beschützt hat, verbrennen. Und Gott beweist seine Macht, indem er sie beschützt und ihnen nichts geschieht. Wieder andere sind bereit, Verfolgungen von der Familie oder dem Stamm auf sich zu nehmen und trotz Widerstand ihren Glauben zu teilen. Er ist ihnen so wertvoll geworden, dass sie ihn nicht für sich behalten können.

Wenn ich solche Geschichten lese, wird mein Glaube gestärkt. Sie sind ein Zeugnis dafür, dass Gott auch heute noch lebt und unter den Menschen wirkt. Und dass er stärker ist als alle bösen Mächte.

Es gibt aber auch Geschichten, die einen traurig machen.

Z.B. wenn Missionare jahrelang unter einem Volk leben, den Menschen vom Evangelium erzählen und ihnen Liebe vorleben - und die Menschen nicht Gott wollen, sondern vielleicht nur die medizinische Versorgung. Oder wenn Menschen sich entscheiden, Gottes Weg zu gehen - vielleicht, weil sie sich davon Vorteile erhoffen - aber sie sich nicht ganz von ihrer früheren Religion lossagen. Dann kann es so aussehen, dass jemand, wenn er Hilfe braucht, zu den Missionaren geht, um für sich beten zu lassen, aber gleichzeitig auch noch den Medizinmann aufsucht, der die Geister befragt oder ein Opfer für ihn darbringt. Solche Menschen haben sich nicht ganz für Gott entschieden. Sie meinen, sie könnten von beiden Religionen das herauspicken, was ihnen hilfreich erscheint. Oder sie befolgen immer noch die Rituale ihrer alten Religion, “zur Sicherheit”, falls der christliche Glaube doch nicht das hält, was er verspricht.

Natürlich gibt es Beispiele, wo ein solches Verhalten nur eine Anfangsphase ist, bis der Betreffende sich ganz sicher ist, dass das Evangelium die Wahrheit ist. Aber es gibt viele traurige Beispiele, wo Menschen sich nie ganz von ihrem früheren Glauben lösen, sondern ein Gemisch von beidem leben. Ja, es gibt ganze Regionen, wo sich über die Zeit eine eigene “Religion” entwickelt hat, die Elemente einer animistischen Religion mit Elementen aus dem christlichen Glauben vermischt. Solche Religionen haben aber nicht die Kraft des Evangeliums, sondern beruhen auf Traditionen und Ritualen.

Was hat das mit uns zu tun?

Eine ganze Menge.

Wir haben hier im Westen zwar keine Götzen in Form von Statuen. Wir glauben auch nicht an böse Geister, die uns strafen könnten. Aber vielleicht wäre es besser, wir hätten sichtbare Götzen, die wir verbrennen können, wenn wir uns für Gottes Weg entscheiden. Denn auch wir haben Götzen.

Im Kolosser 3,5 heisst es:

“Tötet daher, was in den verschiedenen Bereichen eures Lebens noch zu dieser Welt gehört: Sexuelle Unmoral, Schamlosigkeit, ungezügelte Leidenschaft, böses Verlangen und die Habgier (Habgier ist nichts anderes als Götzendienst).”

Viele Christen im Westen verhalten sich genauso wie die vorher beschriebenen Menschen im Busch, die Christus angenommen haben, aber trotzdem noch den Medizinmann aufsuchen, Gegenstände im Haus haben, die sie beschützen sollen und Rituale verfolgen.

Viele Christen hier nehmen Christus zwar an, aber sie wollen ihren Wohlstand, ihre Karriere, ihren Besitz, ihr Geld, ihre Freiheit, ihr Ansehen - kurz: ihre Götzen - nicht aufgeben. Wahrscheinlich ist der Grund dafür derselbe wie bei den Menschen im Busch: Sie sind sich nicht ganz sicher, ob der Glaube an Christus wirklich wahr und tragfähig ist. Ob sie nicht doch etwas verlieren und damit zu kurz kommen, wenn sie ihre Götzen aufgeben. Es muss ja so sein. Denn wenn wir nicht bereit sind, etwas Bestimmtes aufzugeben, klammern wir uns daran, weil wir Angst haben, dass es nicht gut kommen könnte, wenn wir uns davon lossagen.

Ja, was ich von Menschen höre, die nicht bereit sind, Geld, Besitz oder Ansehen aufzugeben, ist genau das: Ich würde etwas verlieren, das mir lieb ist. Es würde mir etwas Wichtiges fehlen. Es würde mir schlechter gehen als jetzt. Ich will es nicht aufgeben.

Natürlich drücken sie sich anders aus. Sie sagen vielleicht: Es ist nicht nötig, als Christ diese Dinge aufzugeben. Man kann genauso gut Christ sein und gleichzeitig Wohlstand, Karriere, Ansehen, Besitz, Geld und Freiheit behalten.

Aber Jesus sagt: Man kann nicht gleichzeitig Gott und dem Mammon dienen.

Und wenn wir nicht bereit sind, etwas aufzugeben, dienen wir diesem Etwas. Genau umgekehrt ist es bei vielen verfolgten Christen, die nicht bereit sind, ihren Glauben aufzugeben, auch unter der Gefahr, dafür leiden zu müssen. Sie zeigen damit, dass sie Gott dienen. Weil sie nicht bereit sind, ihn aufzugeben.

Wenn wir hingegen nicht bereit sind, unseren Besitz oder unser Geld oder unser Ansehen aufzugeben, werden wir als Diener von unserem Besitz, unserem Geld oder unserem Ansehen entlarvt. So einfach ist das.

Wie sehen denn die Leben derjenigen Menschen aus, die gleichzeitig ihre Hilfe von Gott und von den Geistern erwarten? Die versuchen, beiden gleichzeitig zu dienen? Werden sie freudig von der Kraft Gottes weitererzählen? Ich glaube nicht, denn die haben Gottes Kraft gar nicht erfahren! Sie sind ja immer noch unsicher, wessen Kraft grösser ist. Damit bleibt ihr Glaube verkümmert und wächst nicht. Und sie sind keine Lichter für ihre Mitmenschen.

Ist es nicht genauso bei uns? Wenn wir nicht sicher sind, ob es sich lohnt, sich auf Gott allein zu verlassen; wenn wir also gleichzeitig auf Gott und auf die Welt setzen, dann kann unser Glaube nicht gut wachsen. Er bleibt verkümmert und klein, weil wir nie erfahren haben, dass Gott absolut verlässlich ist und genügt. Weil wir immer gleichzeitig auf Gott und, als zweites Standbein sozusagen, auch auf die Welt setzen. Zur Sicherheit, falls Gott sich doch nicht als treu erweist. Und so sind auch wir keine hell scheinenden Lichter für unsere Mitmenschen. Denn sie sehen zwar, dass wir ein bisschen auf Gott vertrauen. Sie sehen aber auch, dass wir uns ziemlich stark auf die Welt verlassen.

Auch ich habe damit zu kämpfen. In der reichen und gut versorgten Schweiz sind wir uns gewohnt, uns auf all diese Dinge zu verlassen: Geld, Besitz, Wohlstand. Das Gebet “unser tägliches Brot gib uns heute” hat mir noch nie etwas bedeutet, weil ich nicht weiss, wie es ist, um Essen zu beten, wenn man hungert.

Mein Mann und ich versuchen seit ein paar Jahren, mit weniger auszukommen, mehr zu spenden und uns damit auch mehr auf Gottes Versorgung zu verlassen. Und ich bin noch weit davon entfernt, zu vertrauen. Immer wieder frage ich mich: Ist es wirklich wahr? Wird Gott sich um mich kümmern, wenn ich mich nur noch auf Ihn verlasse? Was, wenn wir Geld weggeben und sich dann herausstellt, dass wir plötzlich zu wenig haben?

Gerade jetzt sind wir in einer Situation, wo wir Geld brauchen, das in unserem kleineren Budget nicht einberechnet ist. Haben wir doch verantwortungslos gehandelt, als wir unser Budget verkleinert haben? Werden wir jetzt als “fools” abgestempelt? Oder sehen wir gerade jetzt Gottes Versorgung und werden Ihn dafür preisen?

Ich klammere mich an den Vers, den schon viele vor uns als wahr erfahren haben:

“Es soll euch zuerst um Gottes Reich und Gottes Gerechtigkeit gehen, dann wird euch das Übrige alles dazugegeben.” (Matthäus 6,33)

Es gibt zwei Gründe, warum wir unsere Götzen nicht aufgeben wollen: Weil wir sie lieben und weil wir von ihnen Hilfe erwarten. Einerseits haben wir Angst, wir könnten zu kurz kommen oder etwas Wichtiges verlieren, wenn wir uns z.B. von Besitz oder Ansehen lossagen. Andererseits verlassen wir uns auch auf diese Dinge, um unsere Versorgung sicherzustellen.

Das Loslassen von unseren Götzen ist wie ein Sprung ins Leere. Wie, wenn ich beim Abseilen den Boden unter den Füssen loslasse und vertrauen muss, dass mein Partner am Boden das Seil wirklich im Griff hat.

Aber ich bin überzeugt, dass es nicht anders geht. Wir müssen uns von unseren Götzen lossagen. Denn wenn wir das nicht tun, gleichen wir dem dritten Boden aus Matthäus 13:

“Wieder ein anderer Teil der Saat fällt ins Dornengestrüpp. Das bedeutet: Jemand hört das Wort, doch die Sorgen dieser Welt und die Verlockungen des Reichtums ersticken es, und es bleibt ohne Frucht.” (Matthäus 13,22)

Die Sorgen und die Verlockungen. Das, wovon wir uns Hilfe erhoffen und das, wovon wir uns Erfüllung versprechen.

Ich habe oft das Gefühl, dass mein Glaube wie unter einem Dornengestrüpp ist. Zugemüllt von der Welt. Überdeckt mit den Sehnsüchten nach weltlicher Erfüllung und heruntergedrückt von dem sich Festklammern an die Versorgung, die von der Welt kommt: Von unserem Wohlstand, von dem Geld, das wir auf unserem Bankkonto haben, von unserem Besitz, von unserem Platz in der Gesellschaft.

Ich will diese Dornen über mir unbedingt weghaben. Ich möchte ein Licht sein und Frucht bringen. Und ich vertraue darauf, dass Gott mein Gebet erhört und sie nach und nach wegschneidet. Er hat schon so viel davon weggeschnitten, dass ich immer mal wieder einen Blick erhaschen kann, wie es ohne Dornen über mir ist. Das ist genug, um von ganzem Herzen zu sagen: Ich will meine Götzen zerschmettern und verbrennen, und mit weniger gebe ich mich nicht zufrieden!

Folge 13 von “Lesenswichtig”, einer Liste von christlichen Artikeln, die mich diese Woche bewegt haben.

Losing Our Religion

Russell Moore über die Kirchen-Flucht in den USA. Innerhalb von zwanzig Jahren ist die Zahl von Amerikanern, die sich einer Kirche zugehörig fühlten, von 68% auf 47% gefallen.

Seine These ist überraschend: Er sagt nicht, dass die Kirche Werte predigt, welche der westlichen Welt zuwider ist. Er sagt, dass junge Menschen die Kirche verlassen, weil die Kirche eben diese “schwierigen Lehren” nicht mehr lebt!

Sein Kontext ist ein etwas anderer als unsrer: Er lebt im Bible-Belt wo Christentum mit republikanischer Politik gleichgesetzt wird. Doch ich sehe viele Parallelen zu unserer europäischen Lage. Wohl sind unsere Umstände anders, aber die Tendenz unserer Gemeinden ist ähnlich.

Ein paar Auszüge:

Während ein “Ex-Evangelikaler” in den frühen 1920er Jahren wahrscheinlich deshalb wegging, weil er die Jungfrauengeburt oder die leibliche Auferstehung für überholt und abergläubisch hielt oder weil er moralischen Freidenker attraktiver fand als den “veralteten” strengen Moralkodex seiner Vergangenheit oder weil er den erdrückenden Fesseln einer Heimatgemeinde zugunsten eines autonomen Individualismus entkommen wollte, jetzt sehen wir ein deutlich anderes - und erschütterndes - Modell eines desillusionierten Evangelikalen. Wir sehen jetzt junge Evangelikale, die sich vom Evangelikalismus abwenden, nicht weil sie nicht glauben, was die Kirche lehrt, sondern weil sie glauben, dass die Kirche selbst nicht glaubt, was die Kirche lehrt. Die vorliegende Problematik in dieser Säkularisierung ist nicht Atheismus und Hedonismus, sondern Desillusionierung und Zynismus.

Die Trends der Säkularisierung bedeuten, dass die Menschen die Kirche nicht brauchen, um sich als Amerikaner oder als gute Menschen oder sogar als “spirituell” zu sehen. […] Eine Religion, die Menschen dazu aufruft, sich von der westlichen Moderne abzuwenden, muss glaubwürdig sagen: “Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach”, und nicht: “Komm mit uns, und wir werden die Liberalen besiegen.” Letzteres kann man auf YouTube tun, und man muss nicht einmal einen Sonntagmorgen aufgeben.

Das Problem ist nun nicht, dass die Menschen denken, die Lebensweise der Kirche sei zu anspruchsvoll, zu moralisch streng, sondern dass sie zu der Ansicht gelangt sind, die Kirche glaube nicht an ihre eigenen moralischen Lehren. Das Problem ist nicht, dass sie die Vorstellung ablehnen, dass Gott irgendjemanden in die Hölle schicken könnte, sondern dass, wenn sie sehen, dass die Kirche verkehrtes Verhalten in ihren Institutionen vertuscht, sie den Beweis haben, dass die Kirche glaubt, Gott würde “unsere Art von Leuten” nicht in die Hölle schicken.

Was ist, wenn Menschen nicht aus der Kirche austreten, weil sie Jesus ablehnen, sondern weil sie die Bibel gelesen haben und zu dem Schluss gekommen sind, dass die Kirche selbst Jesus ablehnen würde? Das ist eine Krise.

Wir verlieren eine Generation - nicht weil sie weltlich sind, sondern weil sie glauben, dass wir es sind. Was dies erfordert, ist kein Rebranding, sondern eine Umkehr - das heisst, wie die Bibel sagt, eine Kehrtwende. Es sind schon seltsamere Dinge passiert, und das ist gut so, denn wir werden sie brauchen.

Zum Artikel: Losing Our Religion

Ein Buch für die Generation “Glaub an dich selbst!”

Bianca Hopcraft schrieb eine lesenswerte Rezension über das Buch “Enough about me”. Ein paar Auszüge:

Sie stellt fest, dass obwohl uns Frauen in der westlichen Kultur heutzutage mehr Möglichkeiten zur Selbstentfaltung offenstehen als vielen Generationen vor uns, wir nicht glücklicher, sondern sogar deprimierter und dem Burnout näher sind als je zuvor.

Nun fragt man sich: Warum fruchtet es nicht? Warum sind Frauen trotzdem so unglücklich?

Das Problem dieser Slogans ist, dass sie uns vollkommen auf uns selbst werfen. Wir müssen uns nicht nur immer wieder selbst neue Ziele setzen, sondern auch selbst dafür sorgen sie zu erreichen, natürlich aus eigener Kraft. Doch unser Selbst ist begrenzt. Und darum können wir nicht anders als irgendwann erschöpft zusammenzubrechen.

Das eine Problem besteht darin, dass die “Du schaffst es”-Mentalität selbstfokussiert ist und nicht Christus-zentriert. Und dieser Gefahr sind auch Christen ausgesetzt:

Oshman will ebenso gestandene Christen unserer Zeit aufrütteln. Sie zeigt, dass dieses selbstzentrierte Evangelium verschiedene Formen annehmen kann, z.B. „Gott möchte vor allem, dass ich glücklich bin, er würde nie wollen, dass ich leide“ (S. 87) oder „Gott hat mich geschaffen, aber nun bin ich allein dafür verantwortlich, meine Ziele zu erreichen“ (S. 88). Oshman ruft uns dazu auf, die wahre Botschaft der Bibel immer wieder zu verinnerlichen, um solchen „Fälschungen“ nicht auf den Leim zu gehen.

Das andere Problem besteht darin, dass wir es aus eigener Kraft schaffen wollen:

Sie stellt klar: Aus eigener Kraft können wir niemals an Gott dranbleiben. Ja, aus eigener Kraft schaffen wir es noch nicht einmal, das zu wollen. Wir brauchen Gottes Geist dafür. „Gnade brachte uns zum Glauben, Gnade wird uns auch wachsen lassen“ (S. 105). Darum darf ich Gott immer wieder um Hilfe bitten. Was für eine erleichternde Botschaft!

Und nochmals zum Selbstfokus:

Jesus fordert uns tatsächlich dazu auf zu sterben, d.h. unser Selbst aufzugeben, um Sein Leben zu gewinnen (Mk 8,34–35). Und das Umwerfende ist, dass wir genau darin – in diesem Paradoxon – die bleibende Freude erfahren, nach der wir uns so sehnen. Oshman macht deutlich, dass es hierbei keine 0815-Formel gibt, wie dieses Sterben konkret für jeden von uns aussieht. Es gibt verschiedene Dinge, die Gott von uns abverlangen mag. Unverändert bleibt die Zusage, dass wir wahre Freude finden werden, wenn wir Jesus gehorchen (Joh 15,11) und unser Gottesbild dabei wächst.

Zum Artikel: Enough about Me

Bitte bleib

Zum Schluss ein Aufruf von Kristin, der Gemeinde treu zu bleiben. Letzte Woche habe ich ebenfalls dazu aufgerufen, die Lokalgemeinde nicht zu verlassen.

Kristin macht das auf eine sehr poetische und ansprechende Art:

Mein Mann ist Pastor, und an den meisten Sonntagen, nachdem er gepredigt hat und wir nach hinten gehen, um die Leute zu begrüssen, flüstere ich: tolle Botschaft. Und dann drehen wir uns um, um uns mit unserer Gemeinde zu unterhalten, während sie den Gottesdienstsaal verlässt.

Was ich wirklich mit “grossartige Botschaft” meine, ist Folgendes: Deine Worte haben mich heute zutiefst gekränkt. Als du gepredigt hast, wurde mir bewusst, wie oft ich sündige, und dann, als du deine Aussage mit Bibelstellen belegtest, wurde mein Herz durchbohrt. Ich machte mir Notizen und entschuldigte mich bei Gott und bat ihn, mir zu helfen, Busse zu tun, zu gehorchen und mich an ihm zu erfreuen. Als ich meine Sünden bekannte, erweichte Gott mein Herz und öffnete meine Ohren, um seine Wahrheit zu hören. Obwohl ich während dem Gottesdienst besorgt war über dieses und verärgert über jenes, habe ich nun anderthalb Stunden auf dem Operationstisch des grossen Chirurgen verbracht und bin mehr von meiner eigenen Sünde überwältigt als davon, meinen eigenen Willen zu bekommen. Ich habe entdeckt, dass es nur eine Sache gibt, die durch meine Reue zerstört wird, und das ist mein Stolz.

Bitte bleib. Bleib in deiner bibelpredigenden Gemeinde mit unvollkommenen Menschen, unvollkommenen Pastoren und unvollkommenen Lehrern. Bleibe und verpflichte dich, Gottes Wort in deinem Herzen zu verstecken, jeden Tag zu lesen und zu meditieren. Bleibe und tue demütig Busse über deine eigenen Sünden. Bleibe und bete für andere. Bleibe und diene. Bleibe und sprich ein freundliches Wort. Bleibe und konfrontiere eine schwerwiegende Sünde. Bleibe und werde konfrontiert. Bleibe und vergebe.

Bleib und sein die Gemeinde, ohne die Gemeinde zu besitzen, denn die Gemeinde gehört Gott. Bleib und lass dich verändern.

Zum Artikel: Please Stay

Vor fünf Jahren war unser Abfallvolumen das einer Durchschnittsfamilie: 35 Liter pro Woche. Heute sind wir bei 3.4 Liter pro Woche, also haben wir unseren Abfall um mehr als neunzig Prozent reduziert. Pro Jahr stellen wir nur noch vier bis fünf Abfallsäcke vor die Tür. Letzte Woche haben wir den ersten Abfallsack dieses Jahres an die Strasse gestellt.

Doch warum? Um ehrlich zu sein: Das Thema “Minimalismus” finde ich einfacher, aus christlicher Perspektive zu begründen. “Verkauft euren Besitz” aus Lk 12,33 oder “begnügt euch an dem, was vorhanden ist” aus Heb 13,5 sind gute Startpunkte, um Minimalismus zu erklären. Doch Zero-Waste? Das Neue Testament spricht weder über Müllvermeidung noch über Nachhaltigkeit.

Marvin Olasky hat ein hilfreiches Raster erstellt, um alltägliche Themen einzuordnen. “Klasse 1” ist in der Bibel explizit erwähnt, wie z.B. Ehebruch. “Klasse 2” lässt sich biblisch schlüssig ableiten wie christliche Kindererziehung. Bei “Klasse 3” bis “Klasse 6” sind die Themen nur indirekt mit der Bibel begründbar, aber noch immer stimmig. Minimalismus sehe ich bei “Klasse 2” oder “Klasse 3”, Zero-Waste eher ab “Klasse 4”.

Was ich sagen will: Beim Thema Minimalismus sehe ich einen klaren biblischen Imperativ. Das habe ich auf diesem Blog auch recht ausführlich erklärt.

Beim Thema Zero-Waste hingegen ist weniger klar, ob wir dazu berufen sind. Hier geht es um die Frage: “Was ist unser Beitrag als Christ beim Thema Umweltschutz?” Und auf diese Frage gibt es viele Antworten. Also keine Angst: Mein Sendungsbewusstsein bei Zero-Waste ist nicht besonders hoch, doch über die Jahre hat uns Zero-Waste überzeugt, darum will ich euch davon erzählen. Sozusagen als Anschauungsbeispiel.

So viel zum Disclaimer. Wir haben vor fünf Jahren mit Zero-Waste begonnen. Was bringt es uns? Wieso halten wir noch immer daran fest? Fünf Gründe.

1. Konsum wird im Müll sichtbar

Ein genügsames Leben beinhaltet wenig Besitz. Wenig Besitz erreicht man am besten, wenn man weniger kauft. Es gibt den tollen Buchtitel “Ich kauf nix“. Ich habe das Buch nie gelesen, aber der Spruch gefällt mir und hat in den Wortschatz unserer Familie gefunden.

Als wir mit Minimalismus begannen, wurde mir eines bewusst: Ich merke oft nicht, wenn ich etwas kaufe. Das klingt verrückt, aber bestätigt, dass Marketing mit all seinen Facetten funktioniert. Sowie ich beim Sparen erst durch ein Budget merke, wann ich zu viel Geld ausgebe, zeigt sich beim Thema Minimalismus erst im Abfallsack, wann ich wieder was einkaufe.

Bei mir sind es vor allem elektronische Gadgets. Sei es ein Tablet, seien es neue Lautsprecher oder ein Raspberry Pi. Jedes neue Gerät kommt mit einer Plastikverpackung daher, und die muss in den Müll.

Ich bin nicht gegen Gadgets. Ich habe einige tolle Projekte mit Raspberry Pis programmiert. Doch die meisten Gadgets sind nach zwei Wochen nicht mehr spannend und landen auf dem Dachboden. Und beim nächsten Mal entrümpeln produzieren sie zum zweiten Mal Müll, nämlich wenn das Gerät in den Elektroschrott kommt.

Ich finde es traurig, wenn produzierte Gadgets nach zwei Wochen rumfrickeln wieder entsorgt werden. Den Kreislauf von Kaufen, Aufbewahren und Entsorgen zu durchbrechen, das ist eigentlich der Kern von Zero-Waste und hat dann auch sehr viel mit Minimalismus zu tun.

“Ich kauf nix” hilft sowohl weniger Dinge im Haus zu haben, wie auch weniger Dinge im Abfall.

2. Ausbrechen aus der Convenience-Falle

Eigentlich müsste meine Frau diesen Abschnitt schreiben. Denn die meisten Convenience-Produkte gibts beim Kochen und Putzen. Sie versprechen einen mühelosen Haushalt und mehr Freizeit. Weniger Arbeit, mehr Spass. Schlussendlich ist der ganze Haushalt automatisiert, das Essen wird an die Tür geliefert und das Leben besteht nur noch aus Freizeit. Das ist der süsse Traum, der von Plakaten und Online-Bannern trällert.

Ich beobachte, dass zwar einiges den Alltag vereinfacht, doch die gewonnene Freizeit wird mit Smartphone oder Netflix totgeschlagen. Und der mühelose Haushalt bringt mit sich, dass die Bewegung fehlt. Damit der Körper fit bleibt, muss er im Fitnesscenter wieder in Form gebracht werden.

Praktisch alles, was Convenience verspricht, verursacht Abfall. Verzichten wir auf Convenience, braucht es zwar mehr Zeit, aber dafür verlangsamt es den Alltag und bietet mehr Möglichkeiten für Gespräche.

Beispiel Milch: Wir kaufen Milch nicht im Laden, sondern holen sie mit dem Fahrrad beim Bauern. Das braucht mehr Zeit, bietet aber einerseits Fitness und andererseits ein kurzes Schwätzchen mit dem Bauern und eine Einsicht in seinen Alltag.

3. Lokaler einkaufen

Damit sind wir beim lokalen Einkaufen. Wieso braucht es Plastik-Verpackungen? Für den Transport. Seit wir Abfall minimieren, kaufen wir viel mehr lokal ein. Wie gesagt Milch beim Bauern, Fleisch und Käse kaufen wir in der Metzgerei. Holz haben wir vom Forstwerk im Dorf. Gemüse vom Markt in der nächsten Stadt.

Bei jedem dieser Einkäufe treffen wir Leute. Bestellt wird nicht mit Mausklick, sondern im Gespräch. Seit wir auf Zero-Waste umgestiegen sind, kommen wir mit mehr Leuten in Kontakt.

4. Spannende Herausforderung

Ein Zugeständnis: Abfall-Vermeidung ist für uns auch eine tolle Herausforderung. Man kann es sicherlich übertreiben, einige brüsten sich damit, dass sie pro Jahr nur ein Einmach-Glas Müll produzieren.

Wir haben uns gefragt, wie weit wir gehen können, ohne dass unser ganzes Leben sich um Zero-Waste dreht. Einiges haben wir versucht und dann wieder aufgegeben, weil es zu viel Aufwand war (z.B. selber Butter herstellen).

Es erfüllt uns mit Stolz, dass wir unseren Abfall um 90% reduzieren konnten. Man stelle sich vor, dass ein Grossteil der Bevölkerung mitmachen würde. Die Schweiz sähe anders aus. Nur noch ein Zehntel des Abfallbergs. Nur noch ein Zehntel so viele öffentliche Mülleimer, zehnmal weniger Littering, usw.

5. Umweltschutz

Und damit zum letzten unserer Gründe für Zero-Waste: Dem Umweltschutz. Es gibt Vieles, das die Umwelt schützt. Zero-Waste ist vermutlich nicht das Wichtigste. Die globale Erwärmung wird dadurch nicht gelöst.

Und doch kann der Abfall nicht einfach in der Müllverbrennung vernichtet werden, so dass nichts mehr übrig bleibt. In der Schweiz bleibt ein Drittel der Abfallmenge als Asche oder Schlacke übrig, die zumindest zum Teil unterirdisch endgelagert werden muss. In anderen Ländern wird der Abfall auf Abfall-Deponien (Landfills) endgelagert.

Es ist zwar bequem, dass der Abfall von der Müllabfuhr mitgenommen wird. So sehen wir ihn nicht mehr. Doch gelöst ist damit das Abfall-Problem nicht.

Unser Anliegen ist, dass wir dem entgegenwirken können. Und durch Abfall-Vermeidung können wir auch unseren zwei Kindern etwas mitgeben. Sie verstehen, dass Abfall ein Problem ist und dass dies nur durch Verzicht gelöst werden kann.


Wie gesagt: Unser Sendungsbewusstsein diesbezüglich ist nicht so hoch, daher werden wir nicht versuchen, andere von Zero-Waste zu überzeugen. Es geht uns um die Frage, wie wir als Familie mit Gottes Schöpfung verantwortungsvoll umgehen können.

Zero-Waste ist nicht das Wichtigste unseres Lebens. Unseren Kindern erzählen wir mehr vom Glauben an Gott als von Umweltschutz. Wir sind nicht primär Umweltschützer, sondern primär Christen, welche mit dem, was Gott uns anvertraut hat, zuverlässig umgehen wollen.

Oft, wenn ich am Morgen aufstehe, habe ich keine Lust zum Beten. Wenn ich am Beten bin, sind meine Gedanken schon bei der Arbeit.

Was soll ich tun? Verzweifeln, weil mein Herz sich nicht zu Gott hingezogen fühlt? Nur dann beten, wenn ich auch Lust dazu habe? Oder mit lustlosem Herz das Gebet bestreiten?

Nein, sagt Jakobus, sondern…

Naht euch zu Gott, so naht er sich zu euch! […] heiligt eure Herzen, die ihr geteilten Herzens seid!

Ist dein Herz geteilt - es hat sowohl ein bisschen Lust an Gott, aber ebenso oder noch mehr Lust an der Welt - dann verzweifle nicht, sondern nähere dich Gott indem du dein Herz heiligst.

Wie geht das? Luther schreibt an seinen Freund Peter der Barbier Folgendes:

Lieber Meister Peter. Ich sage Euch, so gut ich es vermag, wie ich es selbst mit dem Beten halte. Unser Herr und Gott gebe es Euch und allen anderen, es besser zu machen. Amen.

Wenn ich fühle, dass ich durch fremde Geschäfte oder Gedanken kalt und unlustig zum Beten geworden bin, weil ja das Fleisch und der Teufel immerzu dem Gebet widerstehen und es verhindern, so nehme ich mein Psalterbüchlein und laufe damit in meine Kammer. Wenn es Tag und Zeit ist, gehe ich in die Kirche und unter das Volk. Dann fange ich an mit den Zehn Geboten und dem Glaubensbekenntnis, und wenn ich Zeit habe, sage ich mir etliche Sprüche Christi oder des Paulus oder Psalmen auf, so wie es die Kinder tun.

Es ermutigt mich zu sehen, dass Leute wie Luther damit zu kämpfen hatten, dass ihr Herz kalt geworden ist. Denn dann befremdet mich mein eigenes kaltes Herz nicht, sondern lässt mich hoffen, dass es wieder erwärmt werden kann.

Zum Aufwärmen am Morgen hilft mir das Vaterunser, auswendig gelernte Bibelverse oder eine Seite aus Luthers “Aus der Tiefe, rufe ich Herr zu dir“.

Folge 12 von “Lesenswichtig”, einer Liste von christlichen Artikeln, die mich diese Woche bewegt haben. Diese Woche zur Abwechslung mit nur deutschen Artikeln!

Nietzsche hatte recht

Tim Keller darüber, wie unsere westliche Gesellschaft auf den Schultern des Christentums steht. Evangelium21 hat den Artikel auf Deutsch übersetzt. Der Beitrag ist wahnsinnig gut. Ich würde ihn am liebsten in voller Länge zitieren. Hier ein Auszug:

Nietzsche sah, wie die Gebildeten Europas dem Christentum den Rücken kehrten und sich als wissenschaftliche Freidenker stilisierten, die angeblich ohne Gott lebten. Allerdings, argumentierte Nietzsche, glaubten sie immer noch an Menschenrechte, die Würde eines jeden Menschen, den Wert der Armen und Schwachen und an die Notwendigkeit, sich um sie zu kümmern und für sie einzutreten. Sie glaubten immer noch, dass Liebe ein großer Wert ist und wir unseren Feinden vergeben sollten. Sie glaubten immer noch an moralische Absolute – dass manche Dinge gut und andere Dinge böse sind – und insbesondere daran, dass es falsch ist, die Machtlosen zu unterdrücken.

Allerdings sind all diese Ideen, so Nietzsche, unverwechselbar christlich. Sie haben sich nicht in östlichen Kulturen entwickelt und die Griechen und Römer empfanden sie, als sie mit ihnen konfrontiert wurden, als lächerlich und unverständlich. Holland zeigt, dass die Schamkulturen des alten, heidnischen Europas – die der Angelsachsen, Franken und Germanen – die christliche Ethik mit ihren Forderungen, den Feinden zu vergeben und die Armen und Schwachen zu ehren, als gesellschaftliche Grundlage für völlig unbrauchbar hielten. Diese Ideen wären niemandem in den Sinn gekommen, der nicht an ein von einem einzigen, persönlichen Gott erschaffenes Universum glaubt, in dem alle Wesen nach seinem Ebenbild geschaffen sind und in dem es einen Erlöser gibt, der gekommen und in aufopfernder Liebe gestorben ist.

Die Ideen konnten nur aus einer solchen Weltanschauung erwachsen – in einer anderen machen sie überhaupt keinen Sinn. Wenn wir stattdessen glauben, dass wir durch einen Prozess des Überlebens des Stärkeren zufällig hier sind, dann kann es keine moralischen Absolute geben und im Leben muss es, wenn überhaupt, um Macht und die Beherrschung anderer gehen, nicht um Liebe. Das, erklärte Nietzsche, ist die einzige Art zu leben, wenn man wirklich bereit ist, zuzugeben, dass der christliche Gott nicht existiert.

Als Nietzsche so argumentierte, wurde er als Wahnsinniger abgetan.

Zum Beitrag: Nietzsche hatte recht - Die Entstehung des Westens

Warum “Intelligent Design” für Wissenschaft unverzichtbar ist

Dr. Reinhard Junker ist Autor bei Wort und Wissen. Sein Spezialgebiet ist “Intelligent Design”. Dabei widerlegt er die Evolutionstheorie und ist ein wichtiger Vertreter der biblischen Schöpfung im deutschsprachigen Raum.

Eben hat er ein neues Buch “Schöpfung ohne Schöpfer” herausgebracht. (Hier ein Interview mit dem Co-Autor Markus Widenmeyer).

Auf dem Blog AIGG hat Junker die Hauptaussagen des Buchs zusammengefasst. Ein paar Auszüge:

Erstaunlicherweise geht die überwältigende Mehrheit der heutigen Biologen in ihren Forschungen zum Ursprung der Lebewesen so vor wie ein Kommissar, der eine geplante Handlung eines Täters grundsätzlich ausschließt. Die Möglichkeit, dass ein Schöpfer absichtsvoll gehandelt hat und dass dies die korrekte Erklärung für die Existenz von Lebewesen ist, wird prinzipiell ausgeschlossen.

So schreibt Scott Todd (1999) in der Wissenschaftszeitschrift Nature: «Selbst wenn alle Daten auf einen intelligenten Schöpfer weisen, würde eine solche Hypothese aus der Wissenschaft ausgeschlossen werden, weil sie nicht naturalistisch ist.»

Der erste Teil des Artikels fand ich etwas schwierig zu folgen, doch das Beispiel mit der Vogelfeder fand ich eindrücklich. Ein paar Auszüge:

Vogelfedern sind die komplexeste Körperbedeckung im Tierreich und erfüllen vielfältige Funktionen. […] Ganz speziell gebaut sind auch die Federstrahlen, die von den Federästen nach beiden Seiten hin abgehen. Die Hakenstrahlen auf der einen Seite haben winzige Häkchen, die mit den Strahlen des benachbarten Astes wie bei einem Reißverschluss verhaken. Sie schließen dabei so dicht, dass die Federfahne luftundurchlässig ist. Bei zu starker Belastung kann der “Reißverschluss” kontrolliert aufreißen, ohne dass die Feder beschädigt wird. Der Vogel kann die Feder mithilfe des Schnabels wieder in Ordnung bringen. Auch der Schaft hat es in sich: In seinem Inneren befindet sich ein schaumartiges Netzwerk von Fasern. Diese Fasern sind mit einem chemischen Stoff beschichtet, der Gase bindet. Das führt dazu, dass die Feder unter schwachem Druck steht. So kann sie nicht so leicht geknickt werden und springt nach einer Verbiegung in die normale Form zurück.

Aber selbst die allerbesten Federn ermöglichen noch lange keinen Flug. Es wird auch eine zweckmäßige Verankerung im Körper benötigt.

Außerdem muss insgesamt ein funktionsfähiges Federkleid ausgebildet sein, vielfältige Steuerungsmechanismen und Koordination der Bewegungen, eine entsprechende Gehirnorganisation und anderes mehr.

Aufgrund der vielfältigen Verflechtungen vom Baumaterial bis zur Bewegungssteuerung weisen viele Forscher auf den Aspekt der Synorganisation hin. Die einzelnen Module und Ebenen können nicht isoliert voneinander verstanden werden und auch nicht isoliert entstanden sein. In Summe haben wir mit dem Federkleid eine Gesamtorganisation vor uns, die insgesamt bezüglich der Flugfähigkeit in wesentlichen Teilen nichtreduzierbar komplex erscheint und ein klares Design-Indiz (vgl. Kasten „Der Kern des Design-Arguments“) darstellt, weil zahlreiche typische Merkmale für eine kreative Entstehung vorliegen.

Evolutionäre Entstehungsmodelle beinhalten 5–8 hypothetische Stadien von einem haarartigen Auswuchs bis zur asymmetrischen flugtauglichen Feder. Solche Modelle sind viel zu grob und zu vage und daher völlig ungeeignet, eine evolutive Entstehung zu erklären, denn sie berücksichtigen die zahlreichen Details und Wechselbeziehungen nicht einmal ansatzweise. Man kann leicht zeigen, dass die Unterschiede von Stadium zu Stadium viel zu groß sind, um sie durch kleine Schritte Veränderungen erklären zu können, die auf richtungslosen Mutationen und zukunftsblinder Selektion beruhen.

Vor diesem Hintergrund kann man sagen: Die evolutionären Modelle zur Entstehung von Federn von Flug bleiben nur deshalb im Rennen, weil die grundsätzliche Alternative einer Schöpfung ausgeschlossen wird.

Zum Artikel: Warum „Intelligent Design“ für Wissenschaft unverzichtbar ist

Ehrliche, zuhörende Diskussion auf Facebook zwischen Paul Bruderer und Thorsten Dietz

Ich habe Facebook die letzten Wochen gemieden. Ich kann es nicht ausstehen, wenn Leute ihre Parolen kundtun, ohne der anderen Seite zuzuhören.

Doch es gibt auch Ausnahmen. Lothar Krauss hat in seinem Blog auf eine gute, konstruktive Diskussion zwischen Paul Bruderer und Thorsten Dietz hingewiesen.

Der Hintergrund: Thorsten Dietz hat mit dem Podcast “Das Wort und das Fleisch” die “Evangelikalen Christen” kritisiert, Paul Bruderer hat auf seinem Blog eine Antwort geschrieben, die Dietz als nicht fair empfand.

Zugegeben, die Diskussion auf Facebook hatte ihre Grenzen. Paul Bruderer schlug dann auch vor, das bei einem Bier richtig zu besprechen, was der Diskussion den richtigen Rahmen geben würde, aber auch die Annäherung auf Facebook zeigt, dass es Christen gibt, die zuhören und doch gleichzeitig klaren Standpunkt beziehen können.

Zum Beitrag vom Lothar Krauss: Ringen um Verständnis: Wenn man die Dinge anders sieht!

Direkt zur Facebook Diskussion: Hier

Lasst mich mit einem Bekenntnis anfangen: Es fällt mir oft schwer, einer Predigt zu folgen.

Das hat zwei Gründe. Zum Einen bin ich verwöhnt mit rhetorisch einwandfreien Predigten. Nehmen wir mal Matt Chandler oder Francis Chan. Zwei Männer, mit einer grosser Kommunikations-Begabung. Auch der gewandteste Prediger unserer Gemeinde kann sich nicht mit ihnen messen.

Zum anderen gehöre ich zur Spezies der Theologen. Oder zumindest Möchtegern-Theologen. Ich habe mir über die meisten biblischen Themen eine Meinung gebildet. Durch das Studium der Bibel, Lesen von Kommentaren und Hören von Online-Predigten bin ich zu einem Schluss gekommen, der sich oft nicht mit den Aussagen des Predigers deckt.

In einigen Fällen kommt das daher, dass der Prediger eine evangelistische Natur hat, oder die Einstellung des Hirten, und er das Gewicht nicht auf die Lehre legt. Betrachte ich die Predigt mit meiner theologischen Brille, dann werde ich ganz viele Splitter in seinen Augen entdecken, ja der Prediger wirkt als ein mit Splittern zugedeckter Mann.

Mit diesen zwei Tendenzen fällt bei mir eigentlich jede Predigt durch. Da ich am Karfreitag selbst gepredigt habe, kann ich das hier einfügen: So fallen auch meine Predigten durch bei Hörern mit derselben Einstellung.

Das ist nun eine etwas ernüchternde Betrachtung. Wie soll ich damit umgehen? Soll ich auf Durchzug stellen und die Predigt an mir vorüber gehen lassen? Oder soll ich so tun, als wäre das Problem nicht da, und einen eifrigen Zuhörer mimen?

Interessanterweise wird praktisch nie darüber gesprochen, wie man gewinnbringend einer Predigt zuhören kann. Doch die Bibel ist voll von Versen wie “sei schnell zum Hören und langsam zum Sprechen”. Oder “Wer antwortet, bevor er gehört hat, dem ist es Torheit und Schande” - sie hat also sehr wohl Ansprüche an den Hörenden, nicht nur an den Prediger.

Was mir klar ist: Die Bibel lehnt meine Einstellung ab. Meine Einstellung, dass ich die Predigt vorschnell richte, fällt durch.

In der Apostelgeschichte gibt es das Vorbild der Beröer:

Diese […] nahmen das Wort mit aller Bereitwilligkeit auf; und sie forschten täglich in der Schrift, ob es sich so verhalte. Es wurden deshalb viele von ihnen gläubig, auch nicht wenige der angesehenen griechischen Frauen und Männer. (Apg 17,11-12)

Hier wird noch deutlicher, zu was meine Einstellung führt: Die Beröer wurden gläubig, indem sie bereitwillig zuhörten, wenn ich hingegen mit kritischem Geist mich der Unterweisung der Predigt verweigere, weil ich scheinbar einen guten Grund gefunden habe, dann verpasse ich das Wachsen im Glauben.

Natürlich, es gibt auch schlechte Predigten. Nicht alles, was am Sonntag verkündet wird, ist automatisch Gottes Wort. In fast jedem Brief des Neuen Testaments wird von Irrlehrern gewarnt.

In dieser Sache kann man also auf beide Seiten des Pferdes runterfallen: Ein überaus kritischer Geist verwirft alles, auch Worte, welche die Kraft zum Glauben hätten. Ein überaus zustimmender Geist nimmt alles an, auch die Worte, die mehr vom Zeitgeist zeugen als vom Wort Gottes.

Aber die Beröer waren sich dessen bewusst. Weder lehnen sie voller Vorurteile alles ab (wie etwa die Pharisäer), noch nehmen sie blind alles an.

Im Folgenden werde ich nur auf die Tendenz eingehen, zu viel abzulehnen. Denn das ist die Tendenz, welche ich in meinem Herzen vorfinde. Die Frage ist, wie kann ich der Tendenz entgegenwirken, ohne dabei blind alles anzunehmen?


Vor drei Monaten nahm ich zum Gottesdienst mein Moleskine-Notizbuch mit, um darin Predigt-Notizen aufzuschreiben. Das habe ich seit Jahren nicht mehr gemacht. Ich kam mir streberhaft vor. Verstohlen blickte ich mich um: Bin ich der Einzige mit Notiz-Buch? Ich sah drei bis vier andere, die mir gleich taten, doch sie waren alle mindestens zehn Jahre älter.

Was war meine Absicht? Ich merke, dass ich besser denken kann, wenn ich meine Eindrücke aufschreibe. Eine Predigt regt allerlei Gedanken an: “Stimmt das wirklich?”, oder “Ah, hier weicht er aber vom Thema ab…”, oder “Das ist spannend, ich würde das gerne zu Hause nachlesen”. Ohne Notizen verfliegen diese Gedanken in Sekundenschnelle. Mit Notizbuch aber kann ich sie festhalten und einen Moment lang weiterspinnen.

Hier ein paar Einsichten aus den letzten drei Monaten “Schreibend denken mit meinem Moleskine-Notizbuch”:

1. Überraschende Wendungen

Manchmal weicht die Predigt plötzlich vom Thema ab. Es scheint nicht mehr um die Stelle zu gehen, sondern um ein anderes Thema. Dann schreibe ich mir auf, wieso ich denke, dass die Predigt nichts mehr mit der Bibelstelle zu tun habe. Dabei werde ich aber oft überführt, da ich merke, dass die Predigt Aspekte der Bibelstelle betrachtet, welche ich bisher ausgelassen habe.

2. Nichts Neues

Ich bin oft darauf aus, etwas Neues zu hören. Falls die Predigt hier nicht punkten kann, dann laufe ich Gefahr, auf Durchzug zu stellen. Mein Hirn wendet in dieser Situation “auto-complete” an: Es scheint zu wissen, was der Prediger die nächsten fünf Minuten erzählen will und schaltet einfach ab. Doch auch Paulus meint: «Euch immer wieder dasselbe zu schreiben, ist mir nicht lästig; euch aber macht es gewiss». Wir brauchen Erinnerungen. Es reicht nicht, dass wir einmal auf den richtigen Weg zurückgeführt werden, denn wir werden ihn immer wieder verlassen und brauchen regelmässig Korrektur.

Was einen guten Prediger ausmacht ist, dass er die “alten Wahrheiten” so vortragen kann, dass sie anregend sind. John Piper redet oft über sein Ringen, neue Wörter zu finden, welche noch nicht verbraucht sind. Bringt ein Prediger “abgedroschene Phrasen”, dann ist es um ein Vielfaches schwieriger, sich vom Gesagten bewegen zu lassen.

Doch auch hier hilft das Notizbuch. Ich schreibe mir etwa den Bibelvers in vollem Wortlaut auf. Oder ich denke schreibend darüber nach, ob das Gesagte in meinem Leben Gestalt angenommen hat.

Und oft wird es nach kurzer Zeit auch wieder spannend, und so kann ich die “Zwischenzeit” mit Notiz-Schreiben überbrücken und verpasse den Anschluss danach nicht.

3. Ich störe mich an einer Aussage

Wie gesagt, ich störe mich oft an einzelnen Sätzen. Dinge, die ich finde, kann man einfach so nicht sagen. Es hilft mir, zu notieren, wieso ich denke, dass die Aussage nicht stimmt. Und dabei versuche ich auch zu sehen, in welchem Kontext der Prediger die Aussage verwendet, und unter welchen Umständen die Aussage stimmen könnte.

Das Herz ist schnell dabei, Belehrung abzuweisen. Es findet schnell eine Entschuldigung, sich nicht ändern zu müssen. Es gibt immer einen Grund, das Gesagte abzulehnen, doch:

Wer die Unterweisung verwirft, verachtet seine Seele, wer aber auf Zurechtweisung hört, erwirbt Verstand. (Spr. 15,32)

Ich versuche mir also zu überlegen, ob ich das Gesagten nur deshalb ablehne, weil ich mich nicht dem Wort Gottes unterstellen will.


Weiterführende Beiträge:

Wenn es so phänomenale Online-Predigten gibt, wieso sollte ich überhaupt noch meine Lokalgemeinde besuchen?

Die Globalisierung lehrt uns, dass wir als Kunden die Wahl treffen sollen. Wieso soll ich ein schlechteres Produkt wählen, wenn es im gleichen Gestell dieses andere bessere Produkt zu kaufen gibt?

Ebenso in der Wahl der Sonntag-Morgen-Predigt. Wieso soll ich der rhetorisch schwächeren Predigt unserer Lokalgemeinde zuhören, wenn ich im Internet die meines wortgewandten Lieblingsprediger anhören kann - und dies auch noch bequem von zu Hause aus? Diese Frage gewinnt gerade in der Pandemie-Zeit an Relevanz. Schätzungen sagen, dass nach der Pandemie ein Drittel der Gemeinde nicht mehr in den physischen Gottesdienst zurückkehrt. Ob die Schätzung stimmt oder nicht, ich sehe diese Tendenz schon jetzt in unserer Lokalgemeinde bestätigt.

Ich habe mir deswegen schon ein schlechtes Gewissen gemacht, da ich hier auf dem Blog meine Lieblingspredigten vorstellte und befürchtete, dass ich Menschen zum Hören von Online-Predigten und damit zum Fernbleiben vom physischen Gottesdienst aufrief. Mit diesem Beitrag will ich dem entgegenwirken.

Ich kenne das Verlangen, sich abzusetzen. Keiner Gemeinde anzugehören. Gemeinden sind anstrengend, sind Konflikt-Herde und sorgen für Missverständnisse.

In Sprüche 18,1 heisst es:

Wer sich absondert, geht nur seinen eigenen Wünschen nach; er verweigert alles, was heilsam ist. (Spr 18,1)

Auch hier wird der Wunsch zum Absondern bemerkt, es scheint also nicht bloss ein Ding des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu sein. Doch diesem Weg des geringsten Widerstandes fehlt “alles, was heilsam ist”. Inwiefern stimmt dieser Vers in Bezug auf die Gemeinde? Hier drei Gründe, wie ich denke, dass dieser Vers wahr ist in Bezug auf die Lokalgemeinde.

1. Ein Christ ist ein Organ in einem Körper

Das Bild, dass wir Glieder eines Körpers sind, ist in unserer individualistischen Gesellschaft eine Beleidigung. «Wie? Meine Aufgabe besteht darin, Teil eines Ganzes zu sein?».

Rick Warrens Buch “The Purpose Driven Live” hat mich bezüglich Gemeinde sehr herausgefordert, er paraphrasiert Römer 12,4-5 folgendermassen:

Jeder Teil erhält seine Bedeutung vom Körper als Ganzem, nicht umgekehrt. Der Leib, von dem wir sprechen, ist der Körper von Jesus, der aus auserwählten Menschen besteht. Jeder von uns findet seine Bedeutung und Funktion als Teil dieses Leibes. Aber als abgehackter Finger oder abgeschnittener Zeh hätten wir keine Bedeutung, oder?

Dieses Zusammenwirken der Glieder passiert einfach nicht, wenn ich mir meinen Lieblingsprediger anhöre. Es ist schon praktisch unmöglich, wenn die Gottesdienste online gehalten werden (das muss aber derzeit leider so sein), doch sich deshalb emotional von der Gemeinde lösen und denken “mir fehlt eigentlich nichts” gleicht einem Organ, das sich entscheidet, nicht mehr Teil des Körpers zu sein. Es wird schrumpfen und absterben.

Teil der Gemeinde zu sein, ist während der Pandemie natürlich erheblich schwieriger. Bei uns in der Gemeinde haben wir ein Ticketing-System, wo die fünfzig Plätze per “first come, first served” vergeben werden. Die Plätze sind jedes Mal “ausverkauft”, was mich einerseits freut, andererseits aber auch traurig macht, da ich sehe, dass einige gerne physisch präsent sein würden, es aber nicht können.

Beim physischen Gottesdienst wird zudem nach der Predigt die Gemeinschaft aufgelöst. Kein Kaffee. Kein Zusammensitzen. Es können nur noch ein paar Sätze ausgetauscht werden, ehe der Saal geschlossen wird.

Darum, wenn wir physisch anwesend sein können, versuchen wir eine Viertelstunde vor dem Gottesdienst da zu sein, damit wir wenigstens noch ein paar kurze Gespräche mit unseren Geschwistern haben können.

2. Jesus wird sichtbar in der physischen Gemeinde

Was mich bei 1. Korinther 12 überrascht hat:

Denn gleichwie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des einen Leibes aber, obwohl es viele sind, als Leib eins sind, so auch Christus.

Ich dachte immer, dass Jesus bloss der Kopf der Gemeinde ist, aber hier steht, dass Christus die Gemeinde ist. Das heisst, er wird sichtbar in der Gemeinde. Nicht bloss in der Predigt, sondern im Zusammenkommen.

Wie werden andere die Gemeinde Jesu erkennen?

Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt. (Joh 13,35)

Die Liebe untereinander passiert ganz einfach nicht, wenn wir uns nicht treffen. Eine Online-Predigt kann wohl die richtige Lehre vermitteln, aber die Liebe, das Erkennungsmerkmal der Jünger, fehlt.

Carl Trueman zum physischen Gottesdienst:

Es macht die Anbetung hier und jetzt auch zur Feier der Gegenwart Christi angesichts seiner Abwesenheit. Tatsächlich ist die Frage, wie der physisch abwesende Christus gegenwärtig sein kann, entscheidend dafür, wie wir den Gottesdienst und seine Elemente verstehen. (Aus “A Protestant Apocalypse?“)

3. Worship wie auch die Predigt sind kein Frontalunterricht

Was bei Online-Predigten gänzlich verloren geht, ist das gemeinsame Unterstellen unter Gottes Wort, das gemeinsame Hände aufheben zur Ehre Gottes.

Sehe ich mir die Predigt von unserer Lokalgemeinde zu Hause an, habe ich noch immer das Gefühl, dass duzende andere gleichzeitig mit mir die Predigt anhören (ich sehe ja die Zahl der Anzahl Viewers).

Doch wenn ich mir meine Lieblingspredigt anhöre, dann fehlt dieser Aspekt völlig. Eine Predigt ist eben kein Frontalunterricht. Die Interaktion mit der Gemeinde ist ein wesentlicher Teil.

Die Predigt ist in gewisser Weise ein Dialog zwischen dem Gott, der sein Volk durch sein Wort mit seiner Gegenwart konfrontiert, und der Antwort des Volkes in Glaube und Reue. Erfordert das die unmittelbare, physische Nähe von Prediger und Volk? Nicht in einem absoluten Sinn […]. Aber unmittelbare körperliche Nähe ist am besten. Es mag schwer zu erklären sein, warum das so ist, so wie es schwer zu erklären sein kann, warum ein Livekonzert oder eine Theateraufführung besser ist als dasselbe im Fernsehen zu sehen, aber es ist dennoch wahr. Ein persönliches Wort wird am besten im Kontext der Begegnung zwischen dem Boten und dem Empfänger überbracht.
(Aus “A Protestant Apocalypse?

Die Gemeinde nach der Pandemie

Zum Schluss: Was wird passieren, wenn die Pandemie zu Ende ist? Wenn wir uns wieder physisch treffen können? Werden wir den Online-Gottesdienst weiter bevorzugen, weil er bequemer ist?

Dazu Trevin Wax:

Ich glaube, das Gegenteil wird der Fall sein. Es ist wahrscheinlich, dass die Coronavirus-Krise, die Gläubige daran gehindert hat, sich zu treffen, dazu beigetragen hat, dass die Menschen - vielleicht stärker als zuvor - die völlige Unzulänglichkeit der Technologie als Ersatz für persönliche Interaktion erkannt haben.

Im besten Fall können soziale Medien und andere digitale Räume wunderbare Initiationsräume sein, die zu wahrer menschlicher Verbindung führen, aber sie können niemals das Zuhause für diese Verbindungen werden; sie werden immer zu kurz kommen und etwas vermissen lassen. Wenn ich mit meiner Frau und meinen Kindern einen FaceTime-Call halte, dann ist das ein wunderbarer Vorteil der Technologie - aber letztendlich macht es mich nur begierig darauf, nach Hause zu kommen und sie wirklich zu umarmen. Das ist digital in seiner besten Form - es steigert unseren Appetit auf das echte, analoge Leben.
(Aus: “Will the Church’s Digital Wave Continue after the Coronavirus?“)

Folge 11 von “Lesenswichtig”, einer Liste von christlichen Artikeln, die mich diese Woche bewegt haben.

Über Konversation

Die erste Empfehlung kommt aus der Homeschooler-Ecke um Charlotte Mason.

Was ich an dieser Community schätze (und was das eigentliche Erbe von Charlotte Mason ist): Die Neugier, wie sie die Welt betrachten. So auch in diesem Artikel. Er erzählt davon, wie die Autorin beim aufmerksamen Zuhören in der Predigt das Wort “Konversation” aufschnappte, es zu Hause nachschlug und so in die etymologische Geschichte eintauchte.

Zum Artikel: What If The Great Conversation IS The Good Life?

Befreit von der Tyrannei der Emotionen

Ich werde oft von meinen Gefühlen umhergetrieben, daher hat mich dieser Artikel ermutigt. Ein paar Ausschnitte:

Ich tendiere dazu, ein Schwamm zu sein - ich sauge die Emotionen anderer auf, fülle mich mit ihnen und mache sie mir zu eigen - auch wenn sie mir nicht gehören. Ich habe Folgendes erkannt: Wenn ich mich mit Ängsten oder Frustration fülle, dann kann ich als Schwamm nur eines: es wieder auswringen, und zwar bei jedem, der mich im falschen Moment ausquetscht.

Die Autorin spricht über Naomi aus dem Buch Ruth:

Naomi unterdrückt weder ihre Gefühle, noch wird sie von ihnen gefangen gehalten. Sie musste nicht nach ihren Gefühlen handeln. Sie fühlte Angst, doch sie war frei von der Tyrannei ihrer Gefühle. Wenn wir unseren Gefühlen folgen, werden wir von ihnen gefangen.

Und der Trommelschlag des Predigers in meinem Kopf geht weiter und erinnert mich daran: Du kannst klagen, ohne dich in Unterwerfung vor deinen Gefühlen beugen zu müssen, denn dein König hat dich aus ihrem Griff befreit. Halleluja!

Zum Artikel: Delivered from the tyranny of emotions

Gedanken zum christlichen Lebenswandel von John Stott

Nochmals über den Lebenswandel von John Stott.

Als alter Mann, wenn [John Stott] in All Souls predigte, gab es lange Schlangen von Menschen, die darauf warteten, ihn nach dem Gottesdienst zu treffen. Oftmals waren diese Personen sehr anspruchsvoll. Einer seiner Studienassistenten […] erzählte mir, dass [John] sich antrainierte, sich innerlich zu sagen: “John, Christus ist für sie gestorben - sie sind also unendlich wertvoll für Gott. Jetzt musst du ihnen zuhören.” Das spiegelte sein Hauptmotto wider: Die andere Person ist wichtiger als du selbst. Er verwies damit ständig auf Phil 2, 3-5: “in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst”.

John Stott übte sich in Demut. Seine Prinzipien, wie er die Demut kultivierte:

  1. Bekenntnis und Danksagung machen den Boden aus, in dem Stolz nicht leicht wächst.
  2. Freue dich über Demütigungen - sie sind gut für dich
  3. Pflege mit Freunden zusammen zu sein, die über dich lachen
  4. Lache über dich selbst

Das könnte nicht weniger zeitgemässer sein! Weiter, aus einer Predigt von John Stott:

[John Stott lehrte uns folgendes:] Wir müssen uns zwischen zwei Wertesystemen und zwei Lebensstilen entscheiden. Es gibt eine Art zu leben und das ist die Art von Jakobus und Johannes: “Wir wollen, dass ihr für uns tut, worum wir euch bitten” (Mk 10,35). Die andere Art zu leben steht in Vers 45: ‘Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele’.

Dann forderte er uns auf, in unseren Bibeln vier Worte in Mk 10,43 rot zu unterstreichen: “Nicht so bei euch.”

Zum Artikel: Reflections on the Christlike leadership of John Stott

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