#Buchbesprechung

Dies ist die Einleitung zu einer Beitrags-Reihe zu Rick Warrens Buch “The Purpose Driven Life” (Leben mit Vision), welches ich mit grossem Gewinn gelesen habe. Keine Angst, in der Reihe werde nicht bloss den Inhalt des Buches abspulen, sondern werde berichten, in welchen Bereichen meines Lebens ich mich vom Buch herausgefordert sehe, in der Hoffnung, dass diese Anregungen dir als Leser ebenso gewinnbringend sein werden wie mir.

Wie das Buch zum Besteller wurde

Rick Warren ist Pastor der Saddleback-Church in Kalifornien. Sein Anliegen ist dabei, dass die Gemeinde im Wandel mit Gott reift, dass sie im Wort “unterwiesen” wird.

Um 2000 hat er für seine Gemeinde eine Kursreihe erstellt, die er in seiner Gemeinde durchnahm. Nach dem Durcharbeiten des Materials hat er 2002 in Buchform publiziert, mit der Annahme, dass nur Christen das Buch lesen würden. Kurz vor Publikation des Buches hat er es erweitert, sodass auch Nichtchristen es lesen können und es ihnen hilft, Jesus Meister ihres Leben zu machen.

Dann passierte das Überraschende: Das Buch wurde ein “overnight success”, es war während neunzig Wochen in der “New York Times Bestseller List”. Mittlerweile wurden vom Buch fünfzig Millionen Exemplare verkauft.

Von evangelikalen Christen wurde das Buch aber kritisiert: Zum einen würde es die Gnade Gottes zu wenig thematisieren, zum anderen würden häufig zu freie Bibelübersetzungen verwendet.

Ich hatte weder von Rick Warren noch von “Purpose Driven Life” etwas gehört, bis John Piper ihn 2010 zu einer Konferenz einlud und damit bei Warren-Kritikern Unverständnis auslöste. Als Antwort darauf führte Piper ein Interview mit Warren, in dem er ihm in einem positiven Setting Fragen zum Buch stellte.

Was mich bei diesem Interview beeindruckte, war einerseits Rick Warrens Herz als Pastor: Er schrieb das Buch, weil er sich als Hirte seiner Gemeinde verstand. Er wollte ihr Richtung geben, sie nicht in der Welt alleine lassen.

Andererseits beeindruckte mich, wie er mit dem Erfolg umging. Die phänomenalen Verkaufszahlen von “Purpose Driven Life” machten ihn zu einem reichen Mann. Er blieb aber in bescheidenen Verhältnissen und fing an, den “verdrehten Zehnten” zu geben, nämlich neunzig Prozent zu spenden und nur zehn Prozent zu behalten. Am Schluss des Interviews geht Warren auf die Frage ein, wie er mit Geld und Ruhm umgeht.

Das Interview motivierte mich, das Buch zu lesen, und nun, gut einen Monat später, bin ich noch immer begeistert. Darum diese Rezension. Doch nochmals zurück zu dem, was am Buch kritisiert wird.

Kritik am Buch

Das Buch wird vor allem darum kritisiert, weil Warren oft sehr freie Bibelübersetzungen benutze, und zwar so, dass er sich einfach die Bibelstelle in der passenden Übersetzung suche, die sein Argument gerade am besten untermauert. In der Tat nutzt er z.B. “The Message”, die eher in die Kategorie “Umschreibung” als in die Kategorie “Übersetzung” fällt (das versteht auch Warren so in seinem Buch, wird aber nicht sehr explizit erwähnt). Ebenso die “New Living Translation”, eine Übersetzung, welche in der Art der deutschen “Guten Nachricht” recht nahekommt.

Warrens Antwort auf die Anschuldigung: Er wählte diese Übersetzungen, um Christen “aus der Bahn” zu werfen, sie aufmerken zu lassen. Hätte er traditionellere Übersetzungen gewählt, so hätten viele Christen über sie hinweggelesen mit “ah ja, diese Stelle, die kenne ich…”.

Ich habe beim Lesen des Buchs fast jede Stelle mit der Schlachter-Übersetzung verglichen. Manchmal kam ich zum Schluss: »Diese Übersetzung lässt spannende Feinheiten aus und vereinfacht Dinge weg, welche im Text wichtig sind!«, manchmal aber auch »Oh, so habe ich diese Bibelstelle noch nie wahrgenommen, und im Kontext sieht es danach aus, als wäre dieser Bibelvers genau so zu verstehen…«.

Ob Rick Warrens Herz wirklich war, dem Christen mithilfe der unorthodoxen Übersetzungen die Augen zu öffnen, weiss ich nicht. Was ich aber weiss, ist dies: Die Aussagen im Buch decken sich grösstenteils mit meinem Verständnis der Bibel und es hätten sich für den Beweis seiner Aussagen eine Vielzahl von anderen Bibelversen zitieren lassen. Daher ist mein Urteil: Seine Methode ist teilweise unorthodox, der Inhalt ist aber sehr wohl orthodox.

Die andere Kritik an Warren ist, dass er ein Werk der Pop-Psychologie geschrieben habe, das nur entfernt etwas mit der Bibel zu tun habe. In der Tat nutzt Warren (bewusst) oft eine einfache Sprache, die den Schluss zulässt, dass Warren biblisch nicht fundiert sei. Doch weit gefehlt: Im oben erwähnten Interview erzählt Warren zum Beispiel, das er alle Werke von Jonathan Edwards gelesen habe. Er hat seine Wurzeln sehr wohl im Wort Gottes und in der christlichen Tradition (insbesondere die Puritaner). Er weiss definitiv, wovon er spricht und seine Theologie ist stimmig.

Was mich an der Kritik stört, ist, dass sie verkannt, wozu das Buch eigentlich dient, nämlich Menschen dazu zu motivieren, ihr Leben unter die Herrschaft von Jesus stellen. Jeden Lebensbereich. Wenn nur 10% aller, die das Buch lesen, die Dinge aus dem Buch in ihrem Leben umsetzen würden, dann würde dies dem Christentum in der westlichen Welt einen enormen Schub geben. Beim Lesen des Buchs wurde mir bewusst, wie weit weg mein eigenes Leben vom Massstab der Bibel ist. Wenn die Kritiker nun auf stilistische Mängel hinweisen, auf die populäre Sprache und so weiter, so haben sie einerseits recht, andererseits legen sie den total falschen Fokus.

Wie hört denn die Bergpredigt auf? Damit, dass man in Kleingruppen darüber diskutieren soll? Damit, dass man nach Hause gehen soll, um die theologischen Zusammenhänge und Referenzen auf das Alte Testament richtig zu verstehen? Ist es ein Aufruf, über die philosophischen Ideen wie Gewaltlosigkeit zu diskutieren? Nein, sondern »jeder nun, der diese meine Worte hört und sie tut, den will ich mit einem klugen Mann vergleichen« aber » jeder, der diese meine Worte hört und sie nicht tut, wird einem törichten Mann gleich sein«. Warrens Buch legt das Gewicht auf das “Tun des Worts”, und das ist das, was mich angesprochen, herausgefordert hat.

Das Buch geht durch alle Bereiche des Lebens und stellt sie unter die Herrschaft Gottes. Gerade das macht das Buch so herausfordernd und gewinnbringend. Ich fühlte mich oft bei Dingen ertappt, welche aus Gründen nicht (mehr) unter Gottes Herrschaft standen, bewusst oder unbewusst. Jemanden zu haben, welche diese Bereiche anspricht, und die Umkehr davon als etwas Herrliches beschreibt, das hat mir geholfen.

Zum Buch und wie ich es gelesen habe

Was mich zunächst enttäuschte, war dass das Buch in 40 Tage eingeteilt ist. Ich mag solche Bücher nicht, da ich mein Lesetempo lieber selber einteile. Im Nachhinein half es mir aber, weil ich mir dadurch täglich dreissig Minuten Lesezeit reservierte und sich ein guter Leserhythmus einstellte. Ich las das Buch jeweils nach dem Mittagessen. Ich empfehle es nicht als Ersatz zum täglichen Bibellesen, da ich finde, dass nichts eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Wort Gottes ersetzen sollte.

Rick Warrens Stil ist einprägsam: Er strukturiert seine Themen in drei bis fünf Punkte, welche entweder alle mit dem gleichen Buchstaben anfangen oder zusammengesetzt Wörter wie SHAPE ergeben. Sein Stil ist ausserdem sehr anschaulich: Er nutzt Vergleiche, Beispiele, Gleichnisse, Wortspiele, Reime und man merkt, dass er aus einem grossen Fundus an Ideen schöpfen kann.

Er ist dabei sehr praktisch, gibt etwa beim Thema “Versuchung” konkrete Hinweise, wie man Versuchungen begegnen kann, hat sich dann aber davon gehütet, Anweisungen oder Aufgaben zu verteilen. Es gibt kein “nimm dir heute vor, …” oder “überlege dir, welche Bereiche in deinem Leben…”. Es hat am Schluss jedes Kapitels eine Bibelstelle, welche das Kapitel zusammenfasst, und ein “Punkt zum Nachsinnen”, und das war es dann auch. Sein Stil ist eher geprägt zu motivieren als zu instruieren. Und so hat das Buch für mich auch gut funktioniert.

Am Anfang des Buches empfahl er, die tägliche Bibelstelle auswendig zu lernen. Das habe ich auch gemacht (ich nutzte das Programm Anki dafür). Durch das Auswendiglernen der Bibelstelle wurde der Punkt von einzelnen Kapiteln erst richtig lebendig. Weil 40 Tage durch verschiedene Themen zu rasen, bringt normalerweise nicht viel, aber wenn sich das Wort Gottes im Herzen festsetzt, dann kann es über die 40 Tage hinweg im Leben wirksam sein.

Es gibt kein Buch über Smartphones.

Ja, doch. Natürlich gibt es Bücher über Smartphones, aber ich suchte eines, das die zugrundeliegende Psychologie dahinter erklärt, wie auch wie die Smartphone-Industrie funktioniert, oder was es mit der Gesellschaft macht. Und das fand ich nicht.

Irgendwie komisch, denn es gibt Bücher über die dümmsten Themen. Darm mit Charme zum Beispiel. Nicht, dass jetzt alle meine Freunde über Darm-Probleme reden würden. Aber trotzdem kommt das auf die Bestenliste.

Addiction by Design

Bei meiner Internet-Recherche stiess ich durch einen Smartphone-Artikel auf das Buch “Addiction by Design”. Das Buch behandelt die Glücksspielautomaten, die zugehörige Industrie und vor allem: wieso sie süchtig machen.

Auf den ersten Blick scheint der Vergleich Glücksspielautomaten - Smartphones etwas weit hergeholt: Die Automaten sind Gaming, die Smartphones bieten viel mehr als nur Gaming. Automaten trägt man nicht rum, Smartphones schon. Automaten versprechen Geld, Smartphones nicht.

Doch beim Lesen des Buchs fällt immer wieder die schiere Ähnlichkeit mit der Smartphone-Welt auf. Eine Ähnlichkeit vorneweg: beim Design von Automaten wird, wie auch bei Smartphone-Apps auf “time spent” optimiert: Seitdem die Automaten-Hersteller entdeckten, dass sie mehr Profit machen können, je länger ein Spieler am Automat hängen bleibt, optimieren sie hauptsächlich darauf, eine Session möglichst lange hinzuziehen. Genauso bei Apps: ist eine App werbefinanziert (wie Youtube, Facebook, Twitter, Instagram) so heisst es: je mehr Werbe-Einblendungen, desto mehr Profit. Und je länger die “time spent” eines Users, desto mehr Werbe-Einblendungen, desto mehr Profit.

Dieses Ziel macht alles aus. Ob die Hersteller nun absichtlich oder unabsichtlich Features bauen, welche die “time spent” erhöhen, ist egal. Schlussendlich wollen die Firmen Profit und werden immer die Features bevorzugen, welche ihrem Ziel zuträglich sind.

Doch zuerst zum Buch: Die Autorin, Natasha Dow Schüll, ist Anthropologin und hat während fünfzehn Jahren Feldstudie betrieben - vor allem in Las Vegas. Herausgekommen ist ein gut 400 seitiges Werk, das auch für den Laien gut zugänglich ist. Das Buch ist eine Mischung aus Einzelschicksalen, Interviews mit Casino-Betreibern/Glücksspielautomaten-Herstellern und psychologischen Hintergrundinformationen.

In diesem Post habe ich versucht, die wichtigsten Parallelen zur Smartphone-Problematik herauszuschälen. Doch eine kleine “word of warning” vorneweg: Das Thema ist düster. Das schwingt im ganzen Buch mit. Der Grund ist, dass es Ungerechtigkeit aufdeckt, ohne dafür Lösungen aufzuzeigen. Und dies ist eine treffende Beschreibung der Smartphone-Welt: es ist nicht recht, dass mehr und mehr Zeit in das Starren eines Bildschirms verschwendet wird, zum Profit von ein paar Wenigen.

Geschichte der “Slot Machines”

Glücksspielautomaten (Englisch: “slot machines”) sind rund ein Jahrhundert länger auf dem Markt als Smartphones. Daher sind die psychologischen Effekte, Suchtsymptome und Therapiemöglichkeiten viel ausgereifter als die von Smartphones.

Anfangs waren die slot machines ausschliesslich mechanisch und ziemlich primitiv. Doch über die Jahre optimierten die Hersteller die Geräte sukzessive nach Gewinn. Parallel bemerkten Casinos, dass die Umgebung um die Slot Machines den Umsatz stark beeinflusst. Es gibt “Innenarchitekten”, welche sowohl die Anordnung der Glücksspielautomaten, den Teppich, die Belüftung wie auch die Musik und das Licht optimieren. Es wurden Geld-Automaten in die Nähe gestellt, so dass, wenn einem Spieler das Geld ausgeht, er schnell neues besorgen kann. Idealerweise werden keine Getränke serviert, damit Toiletten-Besuche die Sessions nicht unterbrechen.

Die Maschinen waren anfangs auf grosse Gewinne konzipiert, bis die Hersteller herausfanden, dass den Spielern die lange Spieldauer wichtiger war als grosse Gewinne. Sie änderten die Slot Machines so, dass mit demselben Einsatz länger gespielt werden kann. Dies verhinderte, dass neue Spieler durch grosse Verluste frustriert wurden, band die Spieler länger an die Geräte und unter dem Strich sprangen grössere Gewinne heraus.

“Addiction by Design” beschreibt die wahre Geschichte von Darlene, welche süchtig wird und auf einem Forum fragt, was der Sucht-Faktor der Glücksspiele ausmacht. “Ja, machen sie halt”, waren im Grunde die ersten Antworten auf ihre Frage. Bis später jemand erklärt: der psychologische Effekt basiert auf einem Experiment, der “Skinner Box”:

Die Skinner Box

Skinner Box

Im Skinner-Box-Experiment wird eine Taube in eine Box gesteckt. An der Wand der Box befindet sich eine Taste. Pickt die Taube auf die Taste, so werden in die Box Körner ausgeschüttet. B. F. Skinner hat analysiert, wie lange die Taube am Spiel teilnimmt, je nach dem wie oft die Körner ausgeschüttet werden. Das überraschende: die Taube liess sich länger auf dieses Spiel ein, wenn nicht jedes Mal Gewinn ausgeschüttet wurde. Der Zufall machte das Spiel spannender, da der Ausgang nicht zum Vornherein klar war.

Diese Logik nannte Skinner “the schedule of reinforcement” (“Zeitplan der Verstärkung”). In einem Interview erklärt Skinner, wie sich die Gambling-Sucht durch sein Experiment erklären lässt:

The human subject […] doesn’t gamble because it feels exciting when it does so, […] but people gamble because of the schedule of the reinforcement that follows. And this is true of all gambling machines because they all have winning ratios built into them.

Vergleich zum Smartphone: Bei vielen Apps gibt es denselben Effekt: Um bei Twitter auf neue Beiträge zu checken, nutzt man das “Swipe-Down”, das Wischen nach unten. Das erinnert überraschend an die Urform der Slot Machines, den einarmigen Banditen. Und wie bei der Slot Machine kommt bei Twitter manchmal ein Gewinn (ein Like, ein Retweet), manchmal nicht. Bei der Mail-App ist es dasselbe, bei Facebook auch, bei den News ebenfalls.

Sind sich die Entwickler dabei eigentlich bewusst, was sie da machen? In “Addicted by Design” scheint die Antwort: Nein. Ein Zitat aus dem Buch:

“Our game designers don’t even think about addiction,” IGT’s Connie Jones told us in the introduction, “they think about beating Bally and other competitors. They’re creative folks who want machines to create the most revenue”

Ja, und das Management? Das scheint sich ganz auf auf die Friedman Doktrin zu berufen, welche besagt, dass eine Firma allein seinen Shareholdern verpflichtet ist. Ausserdem appellieren sie an die Verantwortung der Spieler:

Unsurprisingly, the gambling industry aggressively dismisses the possibility that technology is part of the problem, or that adjusting its design might be part of the solution. “The problem is not in the products they abuse, but within the individuals,”

Dieselben Mechanismen spielen auch bei der Internet-Industrie: Tristan Harris, der heute bezeichnet wird als “the closest thing Silicon Valley has to a conscience”, hatte als Google-Mitarbeiter bei Google die Skinner-Box-Effekte angeprangert mit dem Appell an Google, etwas zu ändern. Prompt erhielt er innerhalb Google eine neue Funktion, die es ihm erlaubte, sich Vollzeit für sein Anliegen einzusetzen. Leider hatte er in dieser Funktion keine Befehlsgewalt, und so konnte er nichts bewegen. War ja auch klar, denn auch Google ist nur seinen Shareholdern verpflichtet. Das musste Harris schmerzlich erfahren und hat darauf die Firma verlassen.

Ludocapitalism

Das “Spielgeschäft” wird im Fachjargon “Ludocapitalism” genannt. Addiction by Design formuliert dies ziemlich bissig:

Ludocapitalism: Textbook capitalist exploitation thrives in peaceful and productive coexistence with the play-drive of the exploited. […] gamblers become collaborators in the optimization of industry profits.

Während der Industrialisierung motivierte man die Massen mit Zwang (“Coercion”). Doch Zwang funktioniert nur, wenn der Mensch keine Ausweichmöglichkeiten hat. In der nachindustriellen Zeit wurde das Angebot so breit, dass es andere Motivations-Methoden brauchte. Dies wurde durch “Collusion” möglich, einem trügerisches Einverständnis zwischen Produzent und Nutzer:

Der Nutzer geht auf Etwas ein, ohne rational erklären zu können, wieso er das tut. Ist der Nutzer erst einmal aufgesprungen, versucht ihn der Produzent in einen “Flow” zu kriegen, einem Zustand in der menschlichen Psyche, der als positiv empfunden wird. Dieser Flow ist eine ganz tolle Sache, wenn man sich zum Beispiel in seinem Hobby oder Beruf “verliert”, also einen produktiven Fokus erzeugt, aus dem man nicht mehr raus will. Csikszentmihalyi beschreibt das in seinem Buch “Flow” und hat gerade in der Motivationsforschung eine kleine Revolution ausgelöst. Aber derselbe Mechanismus lässt sich natürlich auch nutzen, um Profit zu schlagen, bei den “Slot Machines” kommt das sehr deutlich zum Ausdruck: Hat ein Spieler erst einmal durch einen unterbewussten Entscheid angefangen zu spielen, lässt der Automat keine Pause mehr offen, wo der Spieler seinen unbewussten Entscheid hinterfragen könnte, und erzeugt so einen “Flow”, welcher für den Spieler als sehr positiv empfunden wird.

Aber: der Spieler verliert dabei viel Geld. Eigentlich sollte ihn das kurieren, so dass er sich auf die nächste Spiele-Session nicht mehr einlässt. Das Überraschende: Was süchtig macht ist nicht primär die Aussicht auf Gewinn, sondern vielmehr der Zustand des Flows, der alles andere in der Welt ausschliesst. Es entsteht eine Welt, welche vom Spieler kontrollierbar ist. In diese einzutreten ist einfach. Davon auszutreten praktisch unmöglich.

Die Ähnlichkeiten zum Smartphone sind zu frappierend! Viele lassen sich mit dem Smartphone wecken, und um den Wecker abzustellen sind sie schon “drin”: Noch schnell Notifications checken, Mail und Facebook. Und der ganze Tag ist irgendwie von diesem “always on” durchtränkt; denn für die Meisten - behaupte ich mal - wäre das Weglegen des Smartphones für ein paar Tage ein enormer Willensakt.

Was nun beim Smartphone auf den ersten Blick nicht klar ist: vordergründig scheint der Nutzer nichts verlieren zu können, denn de facto sind die Dienste ja gratis. Da sind die Verhältnisse etwas komplizierter als beim Glücksspiel, wo auf den ersten Blick klar ist, wie das Business-Modell aussieht. Beim Smartphone wird nun indirekt die Zeit des Nutzers ausgenutzt, damit die App die Werbezeit einem Dritten verkaufen kann. Dass diese Konstellation nicht durchsichtig ist, macht es aber nicht besser, sondern nur schlechter.

Im Endeffekt haben wir einen Apparat, wo am längerem Hebel Technologie-Giganten wie Google, Facebook und co. stecken, am kürzeren der Nutzer, welcher nicht versteht, was da gespielt wird und mehr und mehr seiner Zeit opfert, und damit ein paar wenige grosse Firmen noch reicher macht.

Regulation

Government agents smash slot machines in Chicago, 1910

Die Slot Machines kamen um ca. 1900 auf. Schon bald wurden sie attackiert (auch physisch, siehe Bild), es wurden Gesetze aufgestellt, welche aber immer wieder umgangen wurden.

Als dann nach dem 2. Weltkrieg die Slot Machines stark zunahmen, wurden sie überall verboten, ausser im Bundesstaat Nevada, wo auch Las Vegas liegt.

Nach und nach wurden die Regulationen aber wieder aufgehoben, und jetzt sind sie in den meisten Bundesstaaten erlaubt, allerdings mit Einschränkungen, wie z.B. dass in die Maschine kein Geldautomat eingebaut werden darf.

In der Schweiz sind die Casinos dazu “verpflichtet, eine Sperre an­zuordnen, wenn sie wissen oder annehmen müssen, dass ein Gast über seinen finanziellen Verhältnissen spielt”. Ebenso in Deutschland.

Bei Smartphones sind solche Regulationen noch in weiter Ferne. Nichts deutet darauf hin, den Konsumenten zu schützen, zu viel seiner Zeit in dieses Gerät zu stecken. Der Konsens: Der Konsument hat sich ja freiwillig dafür entschieden, wieso soll nun eine übergeordnete Stelle entscheiden, was davon gut sein soll und was nicht?

Klar, das sind die Mechanismen der freien Marktwirtschaft. Der Kunde konsumiert was er will. Und doch müssen auf Zigaretten-Päckchen die Folgen eines übermässigen Konsums sehr plakativ aufgezeigt werden.

Doch hier nimmt niemand Verantwortung an. Die Produzenten nicht. Der Staat nicht. Bleibt die persönliche Verantwortung, welche ich für mich und für meine Kinder treffen muss und will.

Beim Lesen von Orthodoxie ist mir aufgefallen, wie bildhaft Chestertons Sprache ist. Es kam mir so vor, als wollte er eigentlich ein Bilderbuch schaffen, doch dann fehlte ihm die Musse, dies auszuführen.

Ich suchte also die griffigsten Zitate raus, suchte passende Bilder dazu und versah die Zitate mit Erklärungen (da einige Zitate ohne Zusammenhang nicht ganz verständlich sind). Ursprünglich sind diese (und weitere 14) Bilder auf einer Facebook-Page erschienen, doch da kamen sie nicht richtig zur Geltung, darum habe ich sie alle in ein quadratisches Format gebracht und hier nochmals publiziert:

Chestertons Orthodoxie als Bilderbuch

Update: Hier gibt’s das Bilderbuch auch als PDF.

Birgit Kelle

Die Diskussionen über Gender, Familie, Homosexualität etc. sind ja im höchsten Grade verfahren, die Argumente alle gehört, beide Seiten bewegen sich keinen Millimeter von ihrem Standpunkt.

In dieser Situation kann man sich einfach genervt ausklinken. Es gibt aber auch eine Alternative: Birgit Kelles Kolumnen sowie ihr Buch “Dann mach doch die Bluse zu: Ein Aufschrei gegen den Gleichheitswahn”, das ich gerade gelesen habe.

Obwohl (oder gerade weil) Kelle nicht aus der christlichen Ecke argumentiert, sind ihre Texte bissig, ehrlich, ungezwungen, voll von gesundem Menschenverstand und smart.

Und das braucht’s. Denn das Thema ist zum Teil rabenschwarz. Beim Durchlesen ihres Buches hatte ich einige Male gestockt und gedacht: »oh the humanity«, was wird aus der Rasse Mensch noch werden? Vor allem wenn es um Gender-Mainstreaming oder Abtreibungen geht, bekroch mich ein kaltes Gruseln ob dem Gedanken, wohin das alles noch führt.

Doch genau deshalb braucht es einen Schuss Zynismus gemischt mit einer Brise gesunder Menschenverstand, wo man dem Gegner recht geben muss und wo nicht.

Hier drei der unterhaltsamsten Zitate aus dem Buch:

Über Frauenquoten:

Kollektiven Atemstillstand und Hysterie löst es jedes Mal aus, wenn ich in einer Diskussionrunde über Fauenquoten die These aufstelle, dass gar nicht alle Frauen in einen Vorstand wollen und möglicherweise deswegen so wenige dort ankommen. Sie wollen nicht?!? Das ist ein feministisches No-Go. Alle haben zu wollen… Man weiß doch, was Frau will. Diskussion abgeschlossen. Ist doch alles schon gesagt worden von den Vorkämpferinnen der Frauensache a la Simone de Beauvoir, Alice Schwarzer, Bascha Mika, Elisabeth Badinter und wie sie alle heißen.
Sie meinen es wirklich sehr gut mit uns Frauen. Und damit wir nicht auf die Idee kommen, selbst darüber nachzudenken, haben sie schon einmal für uns mitgedacht. Es ist im Übrigen auch der einzige Weg, um das Frauenkollektiv nicht zu gefährden. Denn wenn alle Frauen über ihr Dasein nachdenken, über die Frage, was sie wollen oder gar, was sie glücklich macht, könnten natürlich völlig unterschiedliche Meinungen dabei herauskommen.

Über Kitas:

Ich bin kein Brutkasten, ich bin Mutter, ich werde es immer sein, bis zu meinem letzten Atemzug. Weil ich nicht Kinder bekommen habe für Deutschland… Weil ich nicht müde werde, jeden Abend die gleiche Lieblingsgeschichte von Bäcker Olsen vorzulesen. Weil ich über jeden hundertfach erzählten Häschen-Witz immer noch lachen kann. Einfach, weil es meinem Kind Freude bereitet. Weil es mich begeistert, wenn mein Kind Dinge wie Humor oder gar Ironie begriffen hat. Was für eine intellektuelle Meisterleistung! Ich vergöttere unsere Kinder, und ich halte sie für die schönsten und klügsten auf der ganzen Welt, so, wie nahezu alle Eltern es tun. Ich bin froh, dass das erste Wort meiner Kinder „Mama“ war und nicht “Sabine aus der Kita”.

Über Gender-Mainstreaming:

Die Gender-Theorien arbeiten nicht auf eine rechtliche oder gesellschaftliche Gleichstellung von Mann und Frau hin, sondern fordern ein komplettes Aufweichen der Kategorie Geschlecht – denn nur damit sei angeblich die Ungleichheit der Geschlechter zu überwinden. Ganz nach der Theorie von Marx und Engels, wonach der Beginn der ersten Arbeitsaufteilung und somit der Beginn jeder weiteren ökonomischen und kulturellen Klassenteilung seinen Ursprung in der natürlichen Unterschiedlichkeit von Mann und Frau findet. Deswegen genügt es nicht einfach, die Privilegien des Mannes zu beseitigen, was mit Gleichstellungspolitik ausreichend bewerkstelligt werden könnte. Nein, man muss die Geschlechtsunterschiede komplett beseitigen.

Also Gleichmacherei statt Gleichberechtigung.

Die Natur ist dabei das rote Tuch im Kampf um die Auflösung des Geschlechts. Sie zieht einfach nicht mit, ist störrisch, unbeirrbar und pflanzt sich immer noch weiter zwischen Männern und Frauen fort.

Meine Empfehlung

Lest es, auch die Männer. Für unterhaltsame Aufklärung über die Feminismus-Themen und für einen bunten Strauss an Argumenten, wenn es beim nächsten Café an der Arbeit plötzlich um Frauenthemen geht.

Ein Gott, der straft und tötet? von Bernd Janowski

Beim Lesen des Alten Testaments komme ich immer mal wieder ins Stocken: “Wieso musste Ussa sterben, als er die Bundeslade vor dem Runterfallen bewahrte? Wieso, Gott, wieso?”.

Jeder, der sich ernsthaft mit dem Alten Testament auseinandersetzt, kommt irgendwann auf diese Fragen. Manche geben das AT einfach auf, und beschränken sich aufs Neue. Das war für mich aber keine Option. Es muss doch möglich sein, dass ich das Alte Testament als Gesamtes, mit all den schwer zu verstehenden Details gewinnbringend lesen kann!

Als dann noch jemand in der Gemeinde mit ähnlichen Fragen zu mir kam und ich keine rechte Antwort darauf geben konnte, liess ich mir von Dave Jäggi das Buch “Ein Gott, der straft und tötet?“ empfehlen.

Welche Fragen beantwortet das Buch? Welche nicht?

Zunächst zum Autor: Bernd Janowski ist Professor für Altes Testament in Tübingen. Er weiss also, wovon er spricht. Das Buch ist aber auch für Nicht-Theologen wie mich gut verständlich.

Der Kern des Buches ist die Widerlegung der Theorie, dass das Neue Testament einen anderen Gott verkünde wie das Alte. Markion hat diese Theologie begründet und die Folge dessen sind relativ gut in unserer Kultur zu spüren. Aus dem Vorwort:

Während sich die einen ein Christentum ohne Altes Testament nicht vorstellen können, möchten die anderen es am liebsten aus der christlichen Bibel verbannen - vielleicht bis auf die Psalter, der zusammen mit dem Neuen Testament auf vielen Hotelzimmern als Nachttischlektüre bereitliegt.

Die Auflösung dieses Konflikts “Rache-Gott des Alten Testaments” vs. “Liebender Gott des Neuen Testaments”, das ist das Ziel des Buches und das gelingt Janowski gut.

Trotzdem blieben auch nach dem Buch bei mir einige Fragen offen, insbesondere die Auslöschung ganzer Städte (inkl. Frauen und Kinder) im Buch Josua und Richter. Weiter: Ein ganzes Kapitel lang beleuchtet Janowski die Aufforderung zum Opfern von Isaak, dabei schafft er es aber nicht, wesentlich mehr zu erklären, als dass Gott von Abraham einen “blinden Gehorsam” forderte.

Doch im Grossen und Ganzen kann ich das Buch sehr empfehlen: Janowski bleibt der Bibel treu - ist zwar historisch-kritisch, aber sicher nicht liberal. Für mich war es das erste Buch über das Alte Testament, und zu einem “Einstieg ins Alte Testament” hat es mir einen wertvollen Dienst getan.

Einige wertvolle Einsichten aus dem Buch will ich Euch nicht vorenthalten:

Feindes-Psalmen: Was machen wir mit »Selig, wer deine Kinder packt und sie am Felsen zerschlägt«?

Treffend sagt Bonhoeffer:

(Wer die Psalmen betet) versucht zunächst, sie persönlich als sein eigenes Gebet nachzusprechen. Bald stößt er dabei auf Stellen, die er von sich aus … nicht glaubt, beten zu können. Wir denken etwa an die Unschulds­psalmen, an die Rache­psalmen, teilweise auch an die Leidens­psalmen. Dennoch sind diese Gebete Worte der Heiligen Schrift, die er als gläubiger Christ nicht mit billigen Ausreden als überholt, veraltet, als ›religiöse Vorstufe‹ abtun kann.

Bei den Ufern von Babylon

Ja, was soll man z.B. mit Ps. 137,9 machen, wo steht, »Selig, wer deine Kinder packt und sie am Felsen zerschlägt!«

Janowski hat ein paar Anhaltspunkte:

Erstens: Einiges ist nicht wörtlich gemeint. Gerade Ps. 137,9 ist vermutlich nicht wörtlich zu nehmen, denn zuvor wird von ›Mutter Babylon‹ geredet, wo ja “Mutter” auch nicht wörtlich gemeint ist. Ein Zitat aus Keels Bildsymbolik:

Man könnte [Ps. 137,9] also sinngemäss übersetzen: ›Selig, wer deiner sich stets erneuernden Herrschaft ein Ende bereitet!‹. So würde der Satz vermutlich niemanden verletzen, obgleich er ebenfalls einen brutalen Vorgang herbeiwünscht. Seine Brutalität wird aber durch den weiten Mantel der abstrakten Formulierung verhüllt. (S. 178)

Zweitens: Anderes ist ein Verarbeiten von schwierigen Erlebnissen: Gerade David hat, statt sich an seinen Feinden (Saul, Absalom, Achitophel etc.) zu rächen, bei Gott Zuflucht gesucht um die enormen Angriffe zu verarbeiten:

[Davids] Psalmen sind deshalb nicht, wie immer wieder unterstellt wurde, auf Verfolgungswahn oder maßlose Übertreibungen zurückzuführen, sondern sind das Resultat einer bestimmten Erlebnisweise … die Klage ist nun seine einzige Waffe, um mit der Unfasslichkeit des Bösen ›fertig‹ zu werden. (S. 185)

Diese Überlegung ermutigt mich dazu, in meinen Gebeten noch ehrlicher zu sein und meinen Emotionen mehr Raum zu geben. Gott verspricht, dass er mich nicht ins Bodenlose fallen lässt, sondern mich emotional wieder auf festen Grund stellen wird, so wie er das auch bei David getan hat. Meine Beobachtung ist, dass viele Christen diesen Schritt der Klage überspringen und gleich damit anfangen, Gott zu preisen, wo sie ja doch gerade etwas sehr Schweres erlebt haben. Das Alte Testament hat mit den Psalmen wie auch mit den Klageliedern lange Teile der Klage, welche uns dienen können, unsere Klage-Emotionen zu formulieren.

Drittens: Der Psalmist überlässt die Rache Gott, deshalb fordert er Gott auch dazu auf (siehe 5. Mose 32,35: »Mein ist die Rache und die Vergeltung«). Ein Zitat von Fuchs (aus: Herausforderungen Israels):

Der Rachewunsch des Subjekts kommt in solchem Gebet immerhin so weit, dass er … selbst nicht zum Täter wird, sondern Gott das Recht der Bestrafung zuschreibt und damit auf die … Ausübung … verzichtet. Ich will hier nicht derartige Gebete als eine besondere Hochform der Spiritualität hochstilisieren, wohl aber deutlich werden lassen, wie sich biblische Spiritualität auch in die Niederungen der sündigen Menschen zu begeben vermag, und dort das Schlimmste verhindert: Indem sie vorübergehend (weil es nicht anders geht) mit seiner sündigen Natur den ›Kompromiss‹ eingeht, die Vernichtungswünsche einerseits aussprechen zu lassen, sie aber andererseits einem anderen Akteur zu überantworten. … Im Moment der Wut [passiert] nicht das Schlimmste [Anm: das Schlimmste wäre die Rachegedanken in Tat umzusetzen], dafür sind solche Gebete nicht nur gut, sondern bitter notwendig! (S. 200)

Hiob – Oder wieso eine Reduktion Gottes auf “Gott ist Liebe” in einer Welt voller Leid zum Atheismus führt

Hiob, Léon Bonnat (1880)

Aus G. Büchner, Dantons Tod, 3. Akt:

Man kann das Böse leugnen, aber nicht den Schmerz; nur der Verstand kann Gott beweisen, das Gefühl empört sich dagegen … ›Warum leide ich?‹ Das ist der Fels des Atheismus. (S. 205)

Warum lässt Gott das Leid zu? Das ist eine der ältesten Fragen der Welt. Und sie ist gut. Auch meine Kinder fragen mich immer mal wieder: “Wieso vernichtet Jesus Satan nicht einfach?“ Wenn wir der Theologie Markions Recht geben würden, dann liesse sich diese Frage schlicht nicht beantworten. Denn wenn Gott bloss ein Gott der Liebe ist (1. Joh 4,16), wie lässt sich dann das Leid erklären? Und schon ist dem Atheismus Tür und Tor geöffnet. Aber gerade das Alte Testament, und insbesondere Hiob, beleuchtet diese “dunklen Seiten” des Lebens gut. Denn Hiob verfällt nicht dem Atheismus, nach seinem Leiden ist sein Glauben an Gott sogar gestärkt.

Wieso verfällt Hiob nicht in einen Atheismus (ganz im Gegensatz zu seiner Frau)?

[Weil] Hiob dadurch sein Gegenüber verlieren würde – auch wenn dieses Gegenüber, nämlich Gott, sich ihm gegenüber (noch) verbirgt. … Hiob versucht eine Beziehung mit Gott zu erreichen, ohne seine Integrität preiszugeben – das ist das große Rätsel, aber auch das große Geschenk des Hiobbuchs. (S. 218)

Oder anders gesagt: Hiob verzweifelt immer mehr, da er keinen Ausweg findet: er will einerseits seinen “Freunden” nicht recht geben, weil er weiss, daß ihre Vorwürfe unwahr sind. Andererseits will er Gott nicht absagen. So hält er diese Spannung so lange aus, bis Gott endlich antwortet.

Doch - und das hat mich am Buch Hiob immer fasziniert - Gott beantwortet nicht Hiobs Frage! Er lässt die Frage nach “wieso leide ich?” offen! Seine Antwort läuft auf etwas ganz Anderes hinaus. Janowski dazu:

Hiob nimmt Abschied von der Vorstellung, an seinem Schicksal bemesse sich der Lauf der Welt. [Anm: Hiob hört auf zu fragen: “Warum leide ich?”]. Das ist nicht die Folge einer Änderung seiner äußeren Situation - er sitzt ja noch immer noch auf Staub und Asche - … sondern weil er jetzt alles neu und anders sieht… Das ist der Fortschritt vom Gotteszweifel zur Gottesfurcht und diese bewährt sich in rückhaltloser Offenheit für Gott. (S. 227)

Das ist ganz wesentlich! Gott bringt ihm von der “Wieso leide ich?”-Frage ab, indem er Hiob Gottesfurcht beibringt. Was Hiob im ganzen Prozess vorbildlich macht, ist, dass er nicht einknickt und resigniert, unnachgiebig bringt er bei Gott seine Klagen an, in der Hoffnung, dass Gott irgendwann darauf antwortet:

Hiob ist rückhaltlos »aufrichtig« gegenüber Gott, gerade indem er ihn anklagt und zum Dialog herausfordert.

Diesbezüglich ist Hiob den Psalmen sehr ähnlich: Hiob fürchtet sich nicht davor, ehrlich mit Gott zu sprechen.

Die noch grössere Frage als “Wieso gibt es Leid?”

Ist die Frage “Warum gibt es Leid auf der Welt” wirklich die grösste Frage? Ravi Zacharias behauptet “Nein”! Ein Zitat:

Als Apologet werde ich immer wieder auf die “emotionalste aller Fragen” angesprochen, nämlich wieso Gott Leid zulässt. Glauben Sie mir, dies ist einfacher zu beantworten als das Folgende: Chesterton sagt: »Bedeutungslosigkeit kommt nicht daher, dass dich Leid müde macht. Bedeutungslosigkeit kommt daher, dass dich das Vergnügen müde macht«.
Also ist es das gottlose Vergnügen, jenes Vergnügen ausserhalb der heiligen Grenzen, das Sie schlussendlich leer zurücklässt. Dies lässt sich in der Bibel beobachten, es lässt sich aber auch im Leben beobachten: Die Einsamen findet man bei den reichsten, berühmtesten Menschen, bei denen die keine Grenzen für ihr Vergnügen kennen.
(Aus “An Evening with Ravi Zacharias, Dennis Prager, Jeff Foxworthy”, Originalzitat)

Die Frage war “was ist die grösste Lüge der Menschheit?“ Und Ravi Zacharias’ Antwort: “der Glaube, dass man in gottlosem Vergnügen Erfüllung findet”. Das beschreibt ziemlich genau, was Sünde ist. Und das Alte Testament ist sozusagen die Geschichte der Sünde: wie sie bei Adam ihren Anfang nahm und sich dann ausbreitete, sodass die Menschheit schlechter und schlechter wurde, bis es zur Sintflut kam.

Janowski stellt die Frage: “Wieso sündigt der Mensch eigentlich?“ Und kommt zu folgender Antwort: “weil es ihm recht erscheint”. Es geht dem Menschen nicht darum, absichtlich Unrecht zu tun. Alles, was er will ist, sein Recht einzufordern mit einer Tat. Was der Sünder dabei übersieht, ist, dass er ein völlig verdrehtes Verständnis hat, was recht ist und was nicht. Angefangen hat dies damit, dass Adam dachte “es steht mir zu, vom Baum zu essen” weiter zu den Vergeltungsmorden (“die Rache steht mir zu”) etc.

Die Stelle des Leibes, wo der Sünder das Maß des Menschlichen verliert, sind seine Augen… die Fenster des Menschen zur Welt sind keine Fenster mehr. Das Instrument, mit dem Wirklichkeit wahrgenommen und akzeptiert werden sollte, funktioniert nicht mehr. Denn vor den Augen müsste … Gottes Schrecken ansichtig werden … Er hat Augen, die nicht fähig sind, die eigene Verkehrtheit aufzudecken und zu hassen (S. 240)

Ist das Urteilungsvermögen (die Augen) erst einmal verfärbt (und das ist bei jedem Menschen der Fall), so dünkt es ihn, als dass er im Recht ist. Weil sein Handeln genügt seinem eigenen Massstab. Nie und nimmer wird er sich von seinem Standpunkt abbringen lassen, wieso auch? Daher muss die Sündenerkenntnis auch “von innen kommen”, nämlich durch die Überführung durch den Heiligen Geist:

Was [der Sünder] dabei erkennt, nämlich seine eigene Sündhaftigkeit, ist schwerwiegend. Sie kommt aus einer rätselhaften Tiefe seiner menschlichen Existenz (S. 256)

Ist den Opfergesetzen etwas abzugewinnen? Opfer waren doch schon im Alten Testament überholt

Hohepriester opfert eine Ziege, Henry Davenport Nothrop

Die Opfergesetze des Alten Testaments lassen es ziemlich “alt” aussehen, denn, ähm, Tieropfer, das macht man seit 2000 Jahren nicht mehr, nicht mal die Juden:

[Viele Theologen bezeichnen] das Opfer als eine »schockierende Absurdität« bz. »nackten Unsinn«, als »Abgrund des Blödsinns« (S. 263)

Ich hätte es wohl nicht zugegeben, aber insgeheim dachte ich genau so über die Opfer und all die Opfergesetze, und das Lesen der langen Passagen über Opfergesetze (2. bis 5. Mose) wurde zur Qual. Wieso genau steht das hier? Wieso so ausführlich? Hätte man beim Einbruch des Neuen Testamentes nicht einfach rausstreichen können?

Von Janowskis Buch erhoffte ich mir eigentlich eine Erklärung der verschiedenen Opferarten, doch so ins Detail ging er dann nicht. Er unterschied lediglich zwischen…

  • Opfer, welche die Schuld sühnen. In diese Kategorie fällt das Brandopfer (ganzes Tier wird verbrannt) oder der Bock, dem die Sünden auf den Kopf gelegt werden und der dann in die Wüste läuft (Sündenbock)
  • Opfer, welche die Gemeinschaft mit Gott wiederherstellen: In diese Kategorie fallen die Schlachtopfer bei den jüdischen Festen. Das Tier wurde zubereitet und dann von den Israeliten gegessen als Gemeinschaftsmahl mit Gott.

Janowski betont vor allem die zweite Bedeutung, welche unter Christen recht in den Hintergrund geraten ist:

Wenn Gott anlässlich eines Opfers kommt, dann nicht in Feindseligkeit, sodass man ihn - wie immer wieder behauptet wird - gnädig stimmen müsste, sondern um die Gastfreundschaft seines Volkes anzunehmen und um es zu segnen. (S. 271)

Diese Unterscheidung hilft bestimmt, wenn ich das nächste Mal durch 2. bis 5. Mose lesen werde. Ich hatte aber noch einen weiteren Vorbehalt gegenüber Opfern: Waren sie nicht schon im AT überholt? In Hosea 6,6 steht doch “Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer”!? Janowski dazu:

Immer wieder ist im Zusammenhang mit der prophetischen Opfer- und Kultkritik von der »Überwindung« oder dem »Ende« des Opfers die Rede. Hält man sich an die Texte, kommen allerdings andere Aspekte zum Vorschein. Sie hängen damit zusammen, dass die Krise, um die es in solchen Texten geht, »keine Krise des Kultes, sondern der Gesellschaft ist« (S. 271)

Janowski beleuchtet einige dieser Bibelstellen und kommt zum Schluss:

der Gottesdienst [Anm: die Opferzeremonien, die jüdischen Feste] erreicht Gott nicht mehr und ist insofern zum ›Dienst an sich selber‹ pervertiert… Israel feiert seinen Gott, als ob sein Gottesverhältnis intakt wäre und merkt nicht, dass [Gott] bei der Feier gar nicht anwesend ist. (S. 273)

Anders gesagt: Gott hat im Alten Testament die Opfer selbst nie infrage gestellt. Seine Anklage war gegen Israel, wenn sie die Opfer mit Murren darbrachten, im Sinne von “ach, jetzt muss ich schon wieder Opfer bringen, was tut denn eigentlich Gott für mich?” (Micha 6).

Die beste Zusammenfassung von was Gott beim Opfer forderte findet sich in Ps. 50,14a:

Opfere Gott Dank.

Michael Winterhoff – Warum unsere Kinder Tyrannen werden

Früher – also als ich noch Kind war – früher, da galt es etwas, wenn ein Erwachsener etwas sagte. Kinder fluchten Erwachsene nicht an, sie sagten nicht einfach trotzig “Nein!”, sie schlugen nicht, die Spielregeln waren einfach klar. Aber heute ist das ganz anders.

Soweit so gut. Haben wir schon tausendfach gehört. “Früher war alles besser”. Alter Kaffee.

Was mich aber fast verrückt macht, ist, dass meine Kinder so sehr in diese respektlose Haltung abdriften, obwohl ich sie nicht dazu erziehe. Was meine Eltern mit mir machten, mache ich doch auch: Ich bin konsequent, ich verbringe Zeit mit ihnen, zeige Interesse, etc. aber der Narzissmus, die Unfähigkeit auf andere einzugehen, Respekt zu zeigen wird gross in ihnen. Die Rezepte meiner Eltern greifen einfach nicht mehr; es ist alles viel zäher, mühsamer, und natürlich fängt man dann an an sich selbst zu zweifeln …

Wieso driften die Kinder heute viel stärker in Respektlosigkeit wie früher? Ein grosser Teil ist die Beeinflussung durch ihre Umwelt: Ihre Freunde sind respektlos; bei Kindergeschichten, -filmen und -liedern (z.B. Schtärnefoifi) ist fast immer der Tenor “Eltern sind blöd, Kinder sind schlauer”. Natürlich durchtränkt dies die Kinder, natürlich braucht es heute umso mehr Gegensteuer, um auf Kurs zu bleiben.

Nun, ist es die Mühe wert? Ist es denn wichtig? Ich komme zu Schluss: ja! Bei gefühlt der Hälfte der Bibelversen über den Umgang mit Kindern geht es darum, ihnen Respekt beizubringen. (z.B. fünftes Gebot, Exo. 20,12: »Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt!«).

Michael Winterhoff beschreibt den Wandel der Kindererziehung über 20 Jahre

Michael Winterhoff

Michael Winterhoff ist Kinder- und Jugendpsychiater und ist Autor des Buches mit dem dreisten Titel “Warum unsere Kinder Tyrannen werden“. Das Buch ist 2008 erschienen und ist mittlerweile recht populär: Es wurde ca. ½ Million mal verkauft. Ich fand es sogar bei uns in der Dorfbibliothek.

In seinen 20 Jahren Praxiserfahrung hat er einen Wandel in der Kindererziehung festgestellt. Waren anfangs nur 2-3 Kinder pro Klasse auffällig, so waren es zum Schluss ein Drittel. Die Erwartungen an die Kinder fielen von Jahr zu Jahr, aber Winterhoff blieb seinen Massstäben treu und behandelte die Kinder stets nach dem Schema, auch wenn er dabei etwas “altbacken” erschien. So vermied er, dass er sich dem Zahn der Zeit anpasste, und konnte den Wandel des Erziehungsstils gut dokumentieren.

Ich erhoffte, dass ich im Buch Antworten auf meine Frage bekomme, wieso Respekt beibringen schwieriger als früher ist und welche die effektivsten Methoden hierzu sind. Diese Fragen werden im Buch nur teilweise beantwortet: Praktische Tipps leider fehlen völlig. Dafür ist Winterhoffs Analyse im Gebiet der Kinderpsychologie grösstenteils überzeugend, nur bei der Gesellschaftskritik schafft er es nicht recht zu überzeugen, er stellt z.B. die These auf, dass der Grund der Misere ist, dass Eltern mit Technik überfordert sind. Ein weiterer Kritikpunkt am Buch: Zum Teil sind seine Beschreibungen einfach zu extrem, ein Artikel der “Zeit” beschreibt treffend:

Das ist etwa so, als schriebe ein Gefängnisdirektor ein Buch über die Moral der Gesellschaft und führte als Nachweis die Verbrechenskarrieren seiner Häftlinge an.

Ron Kubsch hat hier eine umfassende Rezension zum Buch geschrieben, ich will das Buch hier nicht umfassend beschreiben, sondern picke mir drei Rosinen aus dem Kuchen raus:

1. Die Kinder in ihrer psychologischen Entwicklung fördern

Winterhoff schreibt: Kinder werden von ihren Eltern in ihrer psychologischen Entwicklung alleine gelassen, lernen sich nicht unterzuordnen und scheitern dann schlussendlich an der Lehre. Dasselbe entnehme ich auch der Tagespresse, z.B. diesem griffigen Beispiel:

Ich erinnere mich auch an einen Lehrling, der im Spital gearbeitet hat. Als er die Nachttische hätte putzen sollen, verweigerte er die Arbeit. Er sagte, er selber habe ja nichts dreckig gemacht. Er hat die Lehre schliesslich abgebrochen.

Die Reaktion des Lehrlings ist so weltfremd, dass man gar nicht weiss, wie man es ihm verständlich erklären könnte. Es gibt weitere Beispiele, etwas vom Maurerlehrling, der sich weigert, draussen zu arbeiten, wenn es zu kalt ist,. Quintessenz: Viele Kinder sind bei Schulabschluss zwar genügend intelligent, aber psychisch den Anforderungen der Berufswelt nicht mehr gewachsen. Ein Zitat von Winterhoff:

Der Irrglaube ist, dass sich Psyche von alleine entwickelt. Das Gegenteil ist der Fall: Die Psyche wird vor allem durch die Umwelt beeinflusst, besonders durch ein erwachsenes Gegenüber als Begrenzung der eigenen Individualität (S. 70)

Winterhoff führt auf - und da gebe ich ihm recht - dass Eltern ihren Kindern viel zu früh zu viel Mitbestimmungsrecht geben. Bei Dingen, welche sie selbst gar nicht beurteilen können, lassen Eltern sie mitreden, bei der Wahl des Urlaubsortes zum Beispiel. Wenn Eltern danach gefragt werden, wieso sie dies tun, kommt als Beispiel die Antwort: »Manuel ist pfiffig und trifft den Nagel oft auf den Kopf«. Die Konsequenz daraus ist aber, dass erstens die Familie aus Unreife falsche Entscheidungen fällt, und zweitens das Kind absolut überfordert ist:

Persönlichkeit setzt erst mit dem achten oder neunten Lebensjahr ein. Was man [davor] „Persönlichkeit“ nennt, ist, dass die Kinder lustbetont sind, und annehmen, sie seien alleine auf der Welt und können rein lustbetont ihren Willen ausleben. Diese Kinder haben noch nicht gelernt, die Aussenwelt/andere Menschen als Begrenzung des eigenen Ichs zu akzeptieren (S. 28)

So wie das Kind seine Zeit braucht um sich körperlich oder intellektuell/sprachlich zu entwickeln braucht es seine Zeit um sich psychisch zu entwickeln. Das sind drei verschiedene Stränge, die voneinander getrennt gefördert werden müssen. Gemäss Winterhoff kommt der psychologische Strang am ehesten zu kurz. Oft geschieht es, dass die Erziehung nur auf die körperlichen und intellektuellen Fähigkeiten fokussiert wird und die psychologische ausser Acht gelassen wird.

Winterhoff listet vier Bereiche auf, wo Kinder Hilfe in ihrer psychologischen Entwicklung brauchen (S. 33)

  1. Frustrationstoleranz
  2. Gewissensinstanz
  3. Arbeitshaltung
  4. Leistungsbereitschaft

Leider geht er dann auf diese Bereiche nicht näher ein. Für konkrete Schritte empfehle ich Hanniels Reihe “Buben in die Selbstständigkeit leiten”.

2. Es ist einfach so! Bei kleinen Kindern funktioniert Erziehung nicht primär über den Verstand

Winterhoff beschreibt: Eltern versuchen den Kindern zu viel zu erklären, in der Hoffnung über den Appell an ihren Verstand Besserung herbeizuführen. Wo noch wenig Verstand ist - nämlich bei kleineren Kindern - muss der Verstand nicht appelliert, sondern aufgebaut werden. Ein Zitat:

Der alte Kant’sche Leitsatz »Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen« ist in unserer spätaufklärerischen Gesellschaft zum Mantra geworden, das wir innerlich unablässig vor uns hinmurmeln und das unterschiedslos auf alle Menschen in unserer Umgebung [Anm: auf unsere Kinder] projiziert wird. […]
Folglich unterstellen wir, diesem modernen Denkansatz folgend, auch Kindern die Fähigkeit, das »Sapere aude« [Anm: »Wage es, weise zu sein«] zu leben und verstandesgesteuert ihr Verhalten einrichten zu können.

Auch hier gibt es im Buch keine praktische Anweisung, der einzige halb-konkrete Anhaltspunkt ist der Appell an den gesunden Menschenverstand:

Kurzum: Es war [früher] völlig normal, dass das Gros der wichtigen Entscheidungen von Erwachsenen getroffen wurde und die Kinder das Ergebnis zu akzeptieren hatten. Der Grund dafür war stets die Anerkennung einer unsichtbaren Grenze zwischen Erwachsenenwelt und Kinderwelt, erkennbar beispielsweise auch an der Tatsache, dass wertende Äußerungen über Erwachsene Kindern nicht zugestanden wurden, sondern dem Kind zumindest verbal deutlich gemacht wurde, dass es sich so etwas nicht herausnehmen dürfe. Diese verbale Sanktionierung kam dann auch in Form einer Feststellung daher (»So redet man nicht über Erwachsene!«) und nicht mit dem Versuch einer ausführlichen Begründung, warum das so sei.

3. Erziehung setzt voraus: Du bist du, und ich bin ich

Erziehung kann nur dann funktionieren, wenn der Erwachsene das Kind nicht “als sich selbst” sieht, sondern als eigenständige, unabhängige Persönlichkeit. Das ist wohl die Hauptaussage des Buches. Fangen Eltern und Kinder miteinander zu “verschmelzen” wird der Erziehung den Boden unter den Füssen entzogen. Dann hilft alles Schelten und Strafen nichts, alle Versuche verpuffen ohne merkliche Auswirkung.

Winterhoff beschreibt drei Stufen der Verschmelzung:

  1. Partnerschaftlichkeit (»mein Kind ersetzt meine Ehe/fehlende Freundschaften«)
  2. Projektion (»ich will, dass meine Kinder gut sind, damit es mir selbst gut geht«)
  3. Symbiose (»mein Glück hängt vom Glück meiner Kinder ab«)

Die Beschreibung der einzelnen Stufen (wobei Winterhoff die Stufe 3 als die schlimmste bezeichnet) fand ich nicht sonderlich hilfreich. Folgende Überlegung von Winterhoff machte aber Sinn: Wenn das System Eltern=Erzieher, Kinder=Lernende/Unterordnende durcheinandergerät, dann hilft alle Konsequenz, alles Grenzen setzen nicht mehr. Dann ist die Erziehung “ausser Rand und Band”. Ein treffendes Zitat:

Wenn der Erwachsene [bei offensichtlicher Rebellion des Kindes] mit Blickkontakt, also äußerlich erkennbarer Zuwendung auf das Kind zugeht, wird das Kind grinsend beweisen, dass es [die Situation im Griff hat]. Bevor der Erwachsene das Kind greifen kann, wird es dann um den Tisch herumlaufen und es witzig finden, dass der Erwachsene es nicht erwischt. […] Die Verweigerungshaltung des Kindes erzeugt bei den Eltern in der Regel sofort Druck, weil sie das Gefühl bekommen, dass sich ihr eigener Körperteil weigert, eine Funktion richtig auszuführen. Das Gefühl des Drucks führt zu gesteigerter Aufregung mit dem Ergebnis entsprechender Strafandrohungen oder schließlich gar dem Abstrafen des Kindes [was aber keine grosse Wirkung erzielen wird, …]

Die normale Reaktion der Eltern würde [aber] darin bestehen, sich dieser provokativ wirkenden Verweigerungshaltung von Seiten des Kindes nicht zur Verfügung zu stellen, sich also abgegrenzt zu zeigen (genau wie bei den Provokateuren, an denen man in der Stadt einfach vorbeigeht) und dem Kind damit zu bedeuten, dass es die Eltern mit seinem frechen Verhalten nicht steuern kann. Es ist sehr wohl denkbar, das Kind wegen dieser Frechheit auf sein Zimmer zu schicken. Sinn dieser Handlung wäre die räumliche Trennung, um auf diese Weise zu einem natürlichen Aggressionsabbau beim Kind zu kommen.

Dieses Zitat beweist, dass Winterhoff nicht für besonders strenge, strafende Erziehung ist (was ihm häufig vorgeworfen wird), sondern sich für die richtige Basis zwischen Eltern und Kindern einsetzt. Ist diese Voraussetzung erfüllt, genügen Worte, einfache Handlungen um die Kinder wieder auf den richtigen Weg zu bringen.

Wie man aber nun zu dieser gesunden Basis kommt, darüber schweigt das Buch leider auch. Was mir bleibt, ist, Missstände im Gebet vor Gott zu bringen und immer wieder mit meiner Frau darüber zu sprechen, welche Schritte wir tun können, um die Eltern-Kind-Beziehung wieder ins Lot zu bringen.

John Piper - When I don't desire God

Schleichend kam sie, die Lustlosigkeit: Keine Lust zum Beten, das Bibellesen gemäss Leseplan am Morgen abgehakt und los geht’s in den Tag.

Das war doch früher anders! Ich erinnerte mich wie John Piper in “Desiring God” beschrieb, wie sich “Lust” nach Gott anfühlt. Aber nun, wenn sie nicht mehr da ist, ist sie halt nicht mehr da.. Aber oh weh, leidig ist es, wenn Christen freudlos sind, Lloyd-Jones dazu:

Zu oft scheinen Christen in einer Dauer-Flaute zu sein; sie erwecken den Eindruck von Unzufriedenheit, fehlender Freiheit und Freudlosigkeit. Ohne Frage ist dies der Hauptgrund, wieso eine grosse Anzahl Menschen kein Interesse mehr am Christentum haben.

Doch was, wenn bei mir gerade Flaute ist? Genau dazu hat Piper das Buch geschrieben “When I Don’t Desire God: How to Fight For Joy“. Der Titel hat mich angesprochen und als Fan von John Piper kam ich eigentlich nicht um das Buch herum.

Im ersten Teil erweckt er eine “Lust nach Gott” (ähnlich wie in “Desiring God”), im zweiten Teil wird er praktisch: Es gibt natürlich viele Gründe, wieso man die Freude an Gott verloren hat: U.a. behandelt er das Thema “Depression”. Bei mir brauchte es einfach eine Portion “naht Euch zu Gott, so naht Er sich zu Euch” um meine Freude zu Gott wiederzufinden. Zwei Dinge haben mir dabei sehr geholfen:

1. Das Morgengebet

Ein englischer Prediger sagte mal: »well, do you need to read your bible in the morning? You only need to, if you want to do well spiritually«. Damals fand ich den Satz gesetzlich, aber mittlerweile stimme ich der Aussage zu (auch wenn ich sie vielleicht etwas anders formulieren würde). Auch Piper schlägt vor, jeden Morgen eine feste Zeit zu haben, sozusagen das “feste Fundament, worauf die freie Beziehung zu Gott stehen kann”.

Die meisten seiner Empfehlungen habe ich umgesetzt: Ich habe mir 1 Stunde Zeit eingeplant und einen speziellen Ort eingerichtet. Er empfiehlt, die Zeit mit einem Gebet zu beginnen:

  1. »Neige mein Herz zu Dir, dass ich weder aus stolzer Gewinngier noch aus falschen Motiven bete« (Ps. 119,36) – ich füge jeweils dazu an, dass Gott mich vor der Gesetzlichkeit schützt, die behauptet, dass ich nun ein besserer Christ wäre, da ich morgens bete.
  2. »Öffne meine Augen, so dass sie Dein Wort verstehen« (Ps. 119,18) – ich füge jeweils dazu, dass Gott mir seine Schrift öffnet, damit ich nicht darüber hinweg lese.
  3. »Richte mein Herz auf das eine, dass ich Dich fürchte« (Ps. 86,11) – ich füge dazu, dass Gott mir Aufmerksamkeit schenkt und kein wanderndes Herz, das bei der Arbeit oder Alltagssorgen ist.
  4. »Sättige mich mit Deiner Gnade« (Ps. 90,14) – nähre mich, damit ich in den Tag satt starten kann und selbst für die andere eine Quelle sein kann.

Auf Englisch lautet das Akronym zu den vier Schritten IOUS (Incline, Open, Unite, Satisfy). Das Deutsche NÖRS ist nicht ganz so hübsch aber dafür einprägsam..

Ich finde dieses Gebet enorm hilfreich. Zu meiner Schande muss ich sagen, dass mein Herz am morgen früh meist “kalt für Gott” ist, dass ich häufig gar keine Lust auf die Zeit mit Gott habe. Während dieses Gebets erwärmt Gott mein Herz, macht es weich, damit es sich überhaupt auf Gott einlassen kann.

Und nun die Überraschung: Damit ist der “freie Gebetsteil” zu Ende, Piper spricht sich gegen das lange, freie Gebet aus! Der Grund ist dieser: Wenn wir frei beten, sind wir automatisch mit uns selbst beschäftigt und das Gebet besteht hauptsächlich aus unseren eigenen Emotionen (ich habe hier schon mal darüber geschrieben).

Anstelle des freien Gebets schlägt Piper vor, das Gebet in das Lesen der Bibel einzuflechten: Er empfiehlt, ein paar Verse zu lesen, und dann darüber zu beten:

Ist es ein Gebot? So bete, dass Gott dein Herz zur Umkehr bringt, damit es das Gebot gerne hält. Ist es eine Verheissung? Dann danke Gott dafür oder bete für Vertrauen, dass Gott die Verheissung erfüllen wird; etc.

Erst dachte ich, dass so meine persönliche Anliegen keinen Platz hätten, aber erstaunlicherweise kommen sie so fast immer zum Zug.

Nach gut einem Monat kann ich sagen: Wenn es etwas gibt, das mein Glaubensleben in den letzten Jahren bereichert hat, dann ist es solches “Bibel-Lesen-Gebet”!

2. Bibelverse auswendig lernen

Bibelverse auswendig lernen mit AnkiDroid

Bibelverse auswendig lernen schien mir etwas altbacken. Macht man heute nicht mehr. Ich kann die Verse ja aufschlagen auf meinem Handy, und das habe ich immer dabei. Ich war einigermassen überrascht, als Piper diesem Thema ein halbes Kapitel widmete.

Doch, einmal ausprobiert, habe ich die Wirkung geschmeckt: Verse auswendig lernen ist sozusagen der “Seitenwagen” des morgendlichen Bibellesens. Oder anders gesagt: Das Lesen am Morgen ist ein Lesen mit den Augen, das Auswendiglernen ist ein Essen des Wortes mit dem Mund. Es gibt in meiner Erfahrung nichts, was mir das Wort Gottes näher ans Herz zieht.

Ganz praktisch schlägt Piper vor, jede Woche ein paar Verse zu lernen. Ich habe mir dazu die App “Anki” (gibt es für Android und für iPhone, Mac und Windows) installiert und in etwa Folgendes gemacht:

  1. die Anki-Karte anlegen mit einem Vers, der mir beim Bibellesen ins Auge gestochen ist (Copy-Paste des Bibeltexts auf dem Laptop oder auf dem Handy)
  2. Vers(e) 10x Wort für Wort durchlesen, den Text sichtbar vor sich halten.
  3. die Verse 10x versuchen auswendig aufzusagen (da merke ich dann, welche Teile ich mir nicht so gut gemerkt habe).
  4. den Vers durch den Tag immer wieder ins Gedächtnis rufen

Die Schritte 1-3 lassen sich gut unterwegs machen (Schritt 4 sowieso). Ich persönlich nehme mir dafür nach der Mittagspause ca. 10 Minuten Zeit.

Nach 1-2 Tagen ist der Vers “drin”, sodass ich ihn bei einer “brenzligen” Situation, bei einem geistlichen Kampf sofort in Gedanken rezitieren kann und so die Schlacht gewinnen kann.

Dann fühlt es sich so an, als wäre die Zeit mit Gott nicht mehr nur auf den Morgen beschränkt, sondern kann den ganzen Tag erfüllen.

Die Predigt und der Prediger von Martin Lloyd-Jones, hier in der englischen Fassung

Martyn Lloyd-Jones gilt für viele als der letzte grosse Prediger. Seine Antwort auf leere Kirchbänke war lebendige, Gott-zentrierte, Geist-erfüllte Predigt. Er predigte in England nach dem 2. Weltkrieg, hielt 3 Predigten pro Woche und hatte ein Publikum von mehreren Tausend Zuhörern (!). Wenn es jemanden gibt, der etwas über Predigen in unserer Zeit weiss, dann er.

Nach rund 40 Jahren Predigterfahrung hielt er eine Vortragsreihe über das Predigen, diese erschien als Buch “Preaching and Preachers” (auf Deutsch: “Die Predigt und der Prediger“, 3L-Verlag).

Warum habe ich das Buch gelesen? Ich predige seit letztem Jahr jeden 2. Monat in unserer Gemeinde. Da ich einerseits einfach besser werden wollte im Predigen und andererseits wissen wollte, ob Predigen überhaupt meine Berufung ist habe ich ein Buch über dieses Thema gesucht. Dieses Buch ist mittlerweile zu dem Standardwerk zum Thema Predigt/Predigen geworden, darum war das meine erste Wahl. Über meine Berufung bin ich mir auch nach dem Buch noch nicht sicher. Was ich nach dem Buch nun aber weiss ist, was eine Predigt ist, wie man sie vorbereitet und wieso Predigen so wichtig ist.

Im Buch begeisterten mich die Fülle von Lloyd-Jones’ Einsichten; ich war überrascht über seine ansteckende Ernsthaftigkeit. Es ist zudem sehr praktisch und gespickt mit vielen Erlebnissen, welche Lloyd-Jones in seinem vierzigjährigen Dienst erlebt hat. Am unterhaltsamsten fand ich die Episode, als er für eine Predigt eingeladen wurde, welche ausgestrahlt wurde und er die Predigt eigentlich auf eine bestimmte Uhrzeit fertig vorgetragen haben musste, er sich dann aber dafür entschied, auf den Heiligen Geist zu hören und dann nicht ganz zur Zeit fertig wurde :-) (S. 258).

Begeistert über das Buch wollte ich die wichtigsten Erkenntnisse aufschreiben. Um die Zusammenfassung unterhaltsamer zu gestalten (und die Lebendigkeit des Buches zum Ausdruck zu bringen), habe ich den Inhalt kurzerhand in ein Interview umgeformt. Die Seitenangaben beziehen sich auf die 2005 erschienene Hardcopy-Auflage der 3L-Verlages.

Martyn Lloyd-Jones am Predigen

Interview: Die Wichtigkeit der Predigt

Herr Lloyd-Jones, wieso setzen Sie sich für die Wichtigkeit der Predigt ein?

Die Predigt hat im letzten Jahrhundert enorm an Wichtigkeit eingebüsst. Hauptsächlich ist dies passiert, weil die Gesellschaft weniger an die Echtheit und Autorität der Bibel glaubt (S. 16). Das Wort Gottes ist aus dem Zentrum gerückt und stattdessen geht es mehr um ein Zeremoniell, um das “drum herum”.

Die Folge davon ist ein Rückgang des Glaubens, leere Kirchen, teilnahmslose Christen.

Betrachtet man die Kirchengeschichte aus der Vogelperspektive, dann sieht man Folgendes: Der Glaube verfällt immer dann, wenn die Predigt ihre Bedeutung verliert. (S. 27)

Diesen momentanen Verfall wollen nur wenige wahrhaben. Der Grund dazu ist, dass unsere Wohlstandsgesellschaft die Menschen betäubt. Sie vermittelt ihnen das Gefühl, dass mit ihnen alles in Ordnung sei (S. 36). Es ist die Aufgabe der Kirche und die Aufgabe der Predigt - und sie allein vermag dies zu tun - bei der Wurzel der Probleme zu beginnen.

Es gibt doch bestimmt auch andere Methoden dasselbe zu erreichen. In unserer Zeit...

Einer der grössten Irrtümer unserer Zeit ist die Meinung, dass wir, weil wir im Zwanzigsten Jahrhundert lebten, ein völlig neues Problem hätten. Obwohl wir aus der Geschichte sehen, dass die Predigt einen eingeschlafenen Glauben aufzuwecken vermochte, denken wir, dass unsere Umstände nun ganz anders sind. Wir denken, dass mit der Wissenschaft und den technischen Errungenschaften alles anders kam. Und doch, wenn wir uns die Geschichte ansehen, dann ist unsere Zeit der Zeit Jesu sehr ähnlich: Zu seiner Zeit war die grosse griechische Blüte vorbei; es herrschte eine ähnliche Müdigkeit und Mattheit mit der Folge, dass man Vergnügen und Belustigung suchte. Also ist unsere Zeit nicht gerade neu! Und dazumal wurde der Glaube durch die Predigt ins Leben gerufen, wieso sollte dies nicht auch heute nochmals passieren?

Denken Sie wirklich, dass ein Prediger die Kirchenbänke wieder füllen kann?

Natürlich! Ich bin der Meinung, dass primär die Kanzel dafür verantwortlich ist, dass die Kirchenbänke leer sind. Ich glaube, dass ein berufener Knecht Gottes mit einer wahren Predigt die Menschen anziehen wird. Was heute geschieht, ist aber, dass wir anfangen unsere Gottesdienste anders zu gestalten, die Predigt unter eine andere “Form der Kommunikation” stellen (S. 56), doch bei dem allem verirren sich die Leute in all jenen Details und Diskussionsgegenständen. Das Zentrum eines Gottesdienstes ist die Predigt und diese sollte den Effekt haben, dass der Zuhörer danach nicht derselbe ist wie vorher. Wenn das geschieht, dann werden die Leute kommen.

Wirklich? Die Leute kommen, wenn sie ihr Leben ändern müssen? Müssen sie nicht erst einmal Zuspruch erhalten?

Nein, ganz und gar nicht. Vergleichen wir die Predigt mit einem Operationssaal (S. 58): Als Prediger bin ich der Chirurg, Sie als Zuhörer der Patient. Soll ich, der Chirurg, mich denn hinsetzen und Ihnen eine ganze Reihe schöner Sätze mitgeben, sodass ich Sie lobe und Sie dann so weggehen wie Sie gekommen sind? Soll ich Sie wegschicken mit dem ausgekugelten Arm, mit dem Abszess, mit den Kopfschmerzen?

Nein, die Menschen sollen darum in den Gottesdienst kommen, weil etwas mit ihnen nicht stimmt; und wenn ihnen das nicht klar ist, dann müssen wir ihnen das klar machen. Wenn Menschen uns zuhören können, ohne besorgt über sich selbst zu werden oder über sich selbst nachzudenken, haben wir keine Predigt. Die Predigt spricht uns auf eine Art und Weise an, dass sie uns unter das Gericht bringt.

Die Menschen sollten nach der Predigt nicht sagen: “Das war nun eine schöne Predigt” und “Was hat dir am besten gefallen?”. Denn das heisst, dass die Leute in der Predigt sitzen und den Redner beurteilen als objektive Zuhörer. Die Predigt ist nicht der Ort, wo unterhalten wird, wo interessante Gedanken entwickelt werden, etc. sondern die Predigt soll das Problem des Hörenden aufgreifen, nämlich die Sünde, die in ihm ist.

Die Predigt

Wie soll denn eine solche Predigt aussehen? Was macht denn eine Predigt aus?

Das ist eine gute Frage, nämlich, was unterscheidet die Predigt von z.B. einem Vortrag? Ist es nur der Inhalt oder der Fakt, dass das in einer Kirche passiert? Nein, ich glaube die Predigt ist nur dann eine Predigt, wenn sie in einer bestimmten Form daher kommt (S. 77). Wenn Sie die aufgeschriebenen Predigten z.B. von Petrus an Pfingsten oder bei Stephanus bei der Steinigung oder auch Paulus’ Verteidigungsrede anschauen, dann folgen sie alle einer bestimmten Form, und das ist nicht zufällig!

Zunächst muss die Predigt “aus der Bibel” heraus sein. Das beginnt bei der Vorbereitung des Predigers: Diese muss mit einer Bibelstelle anfangen. Auch der Vortrag der Predigt muss mit der Schrift anfangen. Es darf nicht so sein, dass der Prediger einen Gedanken hat und danach schaut, welche Bibelstellen diese Gedanken untermauern könnten. Falls es so ist, dann gleicht die Predigt einer Vorlesung, denn diese beginnt mit dem Thema und bemüht sich darum, möglichst viele Informationen und Erkenntnisse über dieses Thema zu vermitteln. Eine solche Rede richtet sich primär an den Verstand. Eine Predigt aber beginnt nicht mit dem Thema, sondern mit einem Bibeltext. (S. 79)

Dann sollte die Predigt einen klaren Aufbau haben, nämlich sollte sie auf ein Ziel zusteuern, auf eine Schlussfolgerung. Die Struktur der Predigt soll sein, dass Punkt 1 in Punkt 2 führt etc. bis die ganze Predigt in der grossen Schlussfolgerung endet und diese alles dominiert, was gesagt worden ist, und die Zuhörer beim Weggehen daran denken werden (S. 81)

Das klingt nach viel Arbeit!

Ja, das ist es auch! Die ganze Vorbereitung der Predigt besteht darin, Ihre Gedanken zum Bibeltext in diese Form zu bringen.

Wirkungsvolle Predigten sind das Ergebnis von Studium, Disziplin, des Gebets und ganz besonders der Salbung des Heiligen Geistes. Sie müssen fortwährend das Material ins Feuer halten und es auf dem Amboss liegen lassen und es immer und immer wieder mit dem Hammer treffen. Jedes Mal ist es ein wenig besser, aber noch nicht ganz gut; also bearbeiten Sie es immer wieder, bis Sie damit zufrieden sind oder es nicht mehr besser machen können (S. 84).

In der Geschichte der Kirche gibt ein paar wenige Ausnahmen, eine war Alexander Maclaren, ein Baptistenprediger dessen Predigtbände immer noch aufgelegt werden, der schien eine Art goldener Hammer in der Hand zu haben mit der er nur an einen Text klopfen musste, und unmittelbar teilte er sich in Punkte auf. (S. 215)

Doch stützen Sie sich niemals auf diese Ausnahmen, denn sie bestätigen nur die Regel und die Regel ist, dass die Vorbereitung einer Predigt viel Zeit, Gebet und Disziplin in Anspruch nimmt.

Sicher macht nicht nur einfach die Form eine Predigt aus, sondern auch ihr Wesen, die Art, wie sie vorgetragen wird, richtig?

Richtig! Zunächst soll eine Predigt ernsthaft sein. Richard Baxter z.B. predigte, als ob er sich nicht sicher war, dass er jemals wieder predigen könne. Es heisst, dass, als er auf der Kanzel erschien, bevor er auch nur ein einziges Wort ausgesprochen hatte, Leute im Stillen zu weinen begannen. Wir haben eine sehr wichtige, grosse Botschaft, und daher muss auch unser Auftreten ernsthaft und dringlich sein.

Dann komme ich nochmals auf die Tendenz einiger Prediger zurück, dass ihre Predigt eher einem Vortrag als einer Predigt gleicht. Nichts ist bei einem Prediger so fatal, als dass er den Eindruck vermittelt, persönlich unbetroffen zu sein. Viele Prediger treten als Rechtsanwalt auf und erörtern ein Thema, als wenn es einen Fremden beträfe. Das soll so nicht sein! Ein Prediger soll als Zeuge auftreten, als Mitbetroffener!

Braucht der Prediger eine Beziehung zu seinen Zuhörern? Oder genügt es, wenn er sich die ganze Woche durch im Studierzimmer einsperrt, um am Sonntag für 2 Stunden zu erscheinen?

Nun, es ist eine Sache gerne zu predigen, gerne vorzubereiten, gerne zu lesen, eine ganz andere Sache ist es aber diejenigen zu lieben, welche der Predigt zuhören (S. 98). Als Jesus die Volksmenge sah, hatte er Erbarmen mit ihnen, denn “sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben” (Mk 6,34). Wenn Sie dieses Gefühl überhaupt nicht kennen, dann sollten Sie nicht auf der Kanzel stehen.

Was können Sie weiter über das Wesen der Predigt sagen?

Sie soll Überzeugungskraft haben. Eine Predigt ist keine trockene Sache, sie soll den Zuhörer hineinziehen, sie soll ein Empfinden von Gott und seiner Gegenwart vermitteln. Der Inhalt muss gut sein, wie gesagt muss der Inhalt aus dem Wort Gottes herauskommen, aber der Vortrag davon muss etwas von Gottes Grösse und Eifer beinhalten, es ist eine Kombination zwischen Logik und Feuer.

Alles in Allem muss gesagt werden, dass das Predigen an sich einer der grössten Aufgaben ist, welcher ein Mann annehmen kann, und der Prediger soll das Empfinden vermitteln, dass er, obwohl er selbst untüchtig ist, etwas behandelt, was sehr gross und sehr herrlich ist (S. 104)

Das ist eine enorme Verantwortung! Welcher Mensch ist dazu tüchtig?

Allerdings! Jeder, der auch nur ein gewisses Bewusstsein dessen hat, was es bedeutet, zu predigen, wird unweigerlich empfinden, dass er noch nie gepredigt hat. (S. 105)

Wer soll predigen?

Was raten Sie jemandem, der sich nicht sicher ist, ob er zum Predigtdienst berufen ist?

Die Frage ist gut, und jeder Prediger sollte sich diese Frage stellen, denn ganz eindeutig sind nicht alle Christen zu diesem Dienst berufen. In Apg 8,4-5 z.B. wird die Verkündigung von Philippus von der Verkündigung anderer Christen unterschieden. Die Christen predigten das Wort, man kann das griechische Wort auch mit “tratschen” übersetzen, Philippus predigte das Wort auch, aber dieses Wort ist besser übersetzt mit “herolden” (S. 109). Dieser Unterschied ist nicht zufällig!

Durch meine Jahre als Prediger habe ich viele Anwärter zum Predigtdienst kennengelernt und kann daher mit einiger Erfahrung sagen, was einen guten Prediger ausmacht. Das Erste ist, dass er sich nach diesem Dienst sehnt, so sehr, dass er sich wünscht, dass die Gemeinde ihn finanziell so unterstützen kann, dass er sich ausschliesslich diesem Dienst widmen kann.

Ausschliesslich?

Sagte ich bereits, dass die Wichtigkeit der Predigt in den letzten Jahrhunderten enorm gelitten hat? Das ist eine Konsequenz davon, dass es nur noch wenige Christen nötig finden, ihr ganzes Leben diesem Dienst zu unterstellen.

Das Predigen nimmt, von aussergewöhnlichen Umständen abgesehen, die ganze Zeit in Anspruch. Das Predigeramt ist nicht etwas, was man gleichsam nebenbei ausüben kann; das ist ein verkehrter Ansatz und dazu eine falsche Haltung. (S.110)

Das Zweite ist, dass sich ein Anwärter nichts anderes vorstellen kann, worin er glücklich werden könnte. C.H. Spurgeon hatte folgenden Rat gegeben: “Wenn Sie irgendetwas anderes tun können als Predigen, dann tun Sie das”. Sie müssen dieses Drängen fühlen und es muss sich darin zeigen, dass wenn immer Sie etwas anderes tun, Sie immer wieder auf den Predigtdienst zurückgeworden werden. Es fühlt sich an als eine Art Druck, den Sie auf Ihrem Geist lasten fühlen, eine Unruhe in Ihrem Geist und dann damit, dass Ihre Gedanken ganz auf die Frage des Predigens gerichtet werden.

Was ist, wenn ich einen anderen Beruf ausübe?

Falls Sie dieses Drängen spüren, das ich vorher erwähnt habe, aber die Umstände lassen es nicht zu, dass sie Vollzeitprediger sind - z.B. wenn die Gemeinde Sie finanziell nicht tragen kann - dann sehe ich hierzu keine Probleme. Was ich problematisch finde ist, wenn Laienprediger ein so hohes Selbstvertrauen haben, dass sie kritisch oder sogar verächtlich über ordinierte Prediger eingestellt sind; wenn sie denken, dass sie sozusagen nebenbei genau den gleich guten Dienst verüben können als ein Prediger, der seine ganze Zeit dafür investiert.

Wie viel soll ich der Gemeinde zumuten?

Viele Prediger von heute sind "seeker-friendly", sie versuchen, die Hürde für Nichtchristen möglichst tief zu halten. Was halten Sie davon?

Tatsache ist, dass die Welt von uns erwartet, anders zu sein; und dieser Gedanke, dass man die Welt gewinnen könne, indem man ihr zeige, dass man ihr ja letztlich sehr ähnlich sei, mit fast überhaupt keinem Unterschied ist nicht nur in theologischer, sondern sogar in psychologischer Hinsicht grundlegend falsch. Wir dürfen nie den Eindruck vermitteln, dass die Leute lediglich eine kleine Anpassung in ihrem Denken und ihren Ideen und ihrem Verhalten vornehmen müssten; denn damit widersprächen wir unserer Botschaft, nämlich dass jeder Mensch von “neuem geboren werden” muss. (S.146-148)

Nun ja, der Inhalt wird für sie neu sein, aber wenigstens die Form, die Sprache, können wir doch auf die heutige Zeit anpassen, nicht?

Ja, sicher ist es gut, die Predigt so verständlich wie möglich vorzutragen, aber bedenken Sie, dass der natürliche Mensch das Evangelium von sich aus nicht verstehen kann, darum ist es aussichtslos, die Nachricht vollständig verständlich zu machen, denn damit müsste man das Evangelium entleeren (S. 138). Wir sollten von den Leuten nicht erwarten, dass sie die christlichen Begriffe wie Rechtfertigung verstehen, denn der ganze Sinn der Predigt ist es ja, ihnen dieses Verständnis zu vermitteln!

In meinen Predigten habe ich dem Publikum sehr viel zugetraut, ich habe es ihm nicht gerade einfach gemacht. Ich habe oft von Leuten gehört, die beim ersten Gottesdienstbesuch praktisch nichts verstanden, aber die ganze Atmosphäre, die Ernsthaftigkeit hatte sie nicht mehr losgelassen, und so kamen sie Sonntag für Sonntag und sie merkten allmählich, dass sie die Wahrheit in sich aufnahmen, bis sie dann fähig waren, den ganzen Gottesdienst zu geniessen. (S. 135)

Wie lange soll die Predigt sein? Der Mensch sich nicht mehr so lange konzentrieren wie früher!

Meine Predigten sind gewöhnlich 45 Minuten und mehr. Ja, ich weiss, die modernen Studien sagen, dass der Mensch sich nicht so lange konzentrieren kann, aber darauf gebe ich nicht viel. Ich hatte einen Brief erhalten von einem zwölfjährigen Mädchen, das in eigenem Namen schrieb: “Sie sind der einzige Prediger, den wir verstehen können.” Wenn schon 45 Minuten für ein Mädchen nicht zu viel sind, dann wird es auch einen Erwachsenen nicht überfordern.

Soll der Prediger sich auf die Zuhörerschaft anpassen? Soll er zu Intellektuellen anders predigen, als zu Handwerker?

Hüten Sie sich davor! Der Prediger braucht diese Details nicht zu kennen. Warum nicht? Weil er weiss, dass alle Leute, die vor ihm sitzen, an derselben Krankheit leiden, nämlich der Sünde - jeder Einzelne von ihnen.

Ja, aber die Probleme sind doch ganz andere! Der Handwerker betrinkt sich mit Bier und der Intellektuelle ist stolz, da muss sich doch etwas unterscheiden! Man muss doch denen helfen, aus ihrer Sünde herauszukommen!

Dieser moderne Ansatz basiert auf einem völlig falschen Denken. Es basiert darauf, dass man den wahren Charakter der Sünde nicht erkennt; man sieht nicht ein, dass Sünde das Problem ist, nicht das Sündigen. Bei einer richtigen Verkündigung müssen Männer und Frauen dahin geführt werden, dass sie ihre fundamentale Not erkennen, und sie werden in derselben Weise durch denselben Geist bekehrt und wiedergeboren (S.145)

Wiedergeboren? Die meisten Gottesdienstbesucher sind ja schon Christen!?

Das dürfen Sie nicht voraussetzen! Die heutige Verkündigung basiert immer auf der Annahme, dass alles Christen sind, dass die Menschen nicht in der Gemeinde sässen, wenn sie keine Christen wären. Dies ist, denke ich, einer der kardinalen Irrtümer der Kirche, insbesondere in diesem Jahrhundert. Dies zeigt den völligen und gefährlichen Irrtum der Annahme, dass jeder, der treu den Gottesdienst besucht, auch automatisch Christ sein müsse.

Nun aber, wenn wir annehmen, dass meine Zuhörer Nicht-Christen sind, wird die Predigt dann nicht langweilig für die Zuhörer, welche tatsächlich Christen sind?

Mir erscheint es undenkbar, dass jemand, der ein wahrer Gläubiger ist, sich eine Darstellung der schrecklichen Sündhaftigkeit der Sünde und der Herrlichkeit des Evangeliums anhören kann, ohne in zweierlei Hinsicht bewegt zu werden: Nämlich zu verstehen, dass sein eigenes Herz im Grunde böse ist, und dann, dass das Evangelium dieses Herz erlösen kann, wenn es das nicht schon getan hat. (S. 158)

Ist es nicht einfacher, wenn wir annehmen, dass einfach alle Christen sind? Das erspart uns, dass unsere Predigten so angriffig sind.

Ich kenne nichts, was noch wahrscheinlicher für eine Gemeinde von Pharisäern sorgen wird als gerade das. Ein weiteres Ergebnis dieser falschen Haltung ist, dass Leute, die sich selbst für Christen halten, aber eigentlich keine sind, jeden Sonntag nur einen Gottesdienst besuchen; einmal genügt ihnen, sie brauchen nicht mehr! Sie besuchen den Gottesdienst gemeinhin nur am Sonntagmorgen; sie sind zu “Einmal-Kirchgängern” geworden, wie man sie nennt. (S. 160)

Nun ja, mal angenommen, wir führen einen evangelistischen Gottesdienst pro Woche durch, dann würden wir diesen zusätzlich zu unserem jetzigen Gottesdienst (für Christen) einführen. Wie bringe ich die Leute dazu, auch den evangelistischen zu besuchen?

Die erste Antwort lautet, dass Christen, wenn sie nicht in jedem Gottesdienst anwesend sind, eines Tages wohl entdecken könnten, dass sie nicht zugegen waren, als etwas wirklich Bemerkenswertes stattfand. Also sage ich zu diesen “Einmal-Kirchgängern”, dass sie, wenn sie nicht zu jedem Gottesdienst kommen, einen Tag erleben könnten, wo Leute ihnen von einem erstaunlichen Ereignis in einem evangelistischen Gottesdienst berichten - und da sie waren nicht da, ihn verpasst haben. Mit anderen Worten: Wir sollten diesen Geist der Erwartung in den Leuten bewirken und ihnen die Gefahr aufzeigen, wunderbare “Zeiten der Erquickung vom Angesicht des Herrn” (Apg 3,19) zu verpassen.

Mit jemandem, der behauptet, Christ zu sein und der kein Verlangen danach hat, alles das zu haben, was man aus dem Dienst der Kirche empfangen kann, stimmt in geistlicher Hinsicht etwas Grundlegendes nicht. (S. 161)

Sind das nicht übersteigerte Anforderungen an das Herz der Christen?

Nein, sicherlich nicht. Die Frage ist, wie ich es ihnen erkläre: Ich würde Christen, welche keine hohen Erwartungen an den Gottesdienst haben so wenig wie möglich ermahnen sondern ihnen einfach erklären, dass wenn sie aus blosser Pflichtgefühl in den Gottesdienst kommen, dass wenn die Kirchbänke halb leer sind, und die Zuhörer die da sind immer wieder auf ihre Uhr schauen, dass dies keinen Eindruck macht auf einen Unbekehrten. Ein voller Gottesdienst aber, eine Kirche voller Zuhörer, die auf der Stuhlkante sitzen, diese Atmosphäre alleine ist ein guter Boden für die Bekehrung von Menschen.

Das Problem ist, dass so viele nicht dabei verweilen und über die Angelegenheiten nachdenken. Sie gehen bloss aus Pflichtbewusstsein in diese Gottesdienste und fühlen sich, nachdem sie dort gewesen sind, besser, weil sie ihre Pflicht getan haben.

Predigtvorbereitung

Wie sollte man sich auf die Predigt vorbereiten? Reicht es, wenn ich eine Woche davor anfange, wenn ich dann jeden Tag daran arbeite?

Ich bin ein Gegner von universal festgelegten Regeln. Nichts ist wichtiger, als dass ein Mensch sich selbst kennenlernen sollte. Lassen Sie mich das veranschaulichen: Wir leben im Körper, und unsere Körper unterscheiden sich von Fall zu Fall. Wir haben auch unterschiedliche Temperamente und Wesensarten, sodass man keine universellen Regeln aufstellen kann. Manche von uns fangen morgens langsam an; andere wachen frisch und voller Energie am Morgen auf. Es ist von vielen Faktoren abhängig. Daher argumentiere ich, dass es unsere erste Aufgabe ist, uns selbst kennenzulernen, zu erkennen, wie Sie, mit ihrer speziellen Konstitution, funktionieren. Erkennen Sie, wann Sie am besten in Form sind und wissen, wie Sie mit sich selbst umgehen können. Denn wenn Sie das nicht tun, dann ist es durchaus möglich, dass Sie ein paar Stunden mit dem offenen Buch vor sich an einem Schreibtisch sitzen und Seiten dabei umschlagen, ohne etwas aufzunehmen. Vielleicht könnten Sie zu einem späteren Zeitpunkt am Tag mehr in einer halben Stunde tun, als Sie in den zwei Stunden am Vormittag getan haben. (S. 175)

Karl Barth z.B. hörte am Vormittag Mozart. Eigentlich überraschend, dass ein solcher Denker eine so unintellektuelle Musik hört, um “warm” zu werden. Es ist von unschätzbarem Wert, wenn Sie etwas finden, das Sie entspannt, Sie in eine gute Stimmung versetzt. Musik bewirkt das bei manchen auf ganz wunderbare Weise. (S. 190)

Was ist denn die Rolle des Gebets beim Vorbereiten der Predigt? Ich nehme an, dass das einen grossen Stellenwert einnehmen soll?

Das Gebet ist für einen Prediger von unerlässlicher Bedeutung. Lesen Sie die Biografien der grössten Prediger aus allen Jahrhunderten: Sie waren immer Männer des Gebets. Ich habe immer damit gezögert, diese Thema zu behandeln, ich bekenne frei heraus, dass ich es oft als schwierig empfunden habe, am Morgen mit Gebet anzufangen.

Wieso?

Weil man nicht auf Befehl beten kann. Man kann nicht auf Befehl auf die Knie gehen; aber wie soll man beten? Fangen Sie an, indem Sie etwas lesen, was Ihren Geist erwärmt. Sie müssen lernen wie Sie eine Flamme in Ihrem Geist anzünden. Vor allem sollten Sie immer auf jeden Impuls zum Gebet reagieren. Sei es während dem Lesen oder während dem Ringen mit dem Text.

Wie wichtig ist das persönliche Bibelstudium?

Ich würde sagen, dass alle Prediger mindestens einmal im Jahr die ganze Bibel in ihrer Gesamtheit durchlesen sollten. Ich fand einen Plan, der Robert Murray McCheyne für die Mitglieder seiner Gemeinde in Dundee erstellte. Wenn sie seinem Plan folgen, lesen Sie jeden Tag vier Kapitel der Bibel, und dabei lesen Sie das Alte Testament einmal und die Psalmen und das Neue Testament zweimal jährlich durch.

Ja, aber was hat das mit dem Predigen zu tun? Soll ich mein persönliche Bibelstudium dafür benutzen, andere zu lehren?

Nein, lesen Sie Texte nicht, um Texte für Predigten zu finden, sondern lesen Sie sie, weil sie die Speise ist, die Gott für Ihre Seele geschaffen hat. Wenn Sie die Bibel auf diese Weise lesen - dabei macht es nichts aus, ob Sie wenig oder viel gelesen haben - dann lesen Sie nicht einfach weiter, wenn ein Vers hervorsticht und Sie trifft und gefangen nimmt. Halten Sie sofort an, und hören Sie auf den Text. Redet er zu Ihnen, so hören Sie auf ihn, reden Sie zu ihm. Hören Sie sofort mit dem Lesen auf, und arbeiten Sie an der Aussage, die Sie so sehr getroffen hat. Fahren Sie so fort, bis Sie das Gerüst der Predigt angefertigt haben. Viele Jahre lang habe ich meine Bibel nie gelesen, ohne einen Notizblock entweder auf meinem Tisch oder in meiner Tasche zu haben. (S. 180)

Und dann? Soll ich gleich bei der nächsten Gelegenheit darüber predigen?

Nein, Sie bereiten Sie auf Vorrat vor! Ein Prediger muss wie ein Eichhörnchen sein, und muss lernen, wie er Material für die bevorstehenden Wintertage sammeln und aufbewahren kann. Jedes Mal, wenn Sie beim lesen etwas entdecken, dann schreiben Sie es auf. Sie entdecken bald, dass Sie auf diese Weise einen kleinen Stapel von Gerüsten angesammelt haben. (S. 181)

Was ist mit anderen Büchern? Welche andere Bücher sollte ich lesen?

Es ist wichtig, dass Sie lesen. Es ist tragisch, wenn Prediger zu Schallplatten werden, die immer wieder dasselbe ausspucken. Das wird jeden früher oder später langweilen.

Ich würde sagen am Wichtigsten ist es, Kirchengeschichte zu lesen: Biografien und Tagebücher von Männern Gottes, von grossen Predigern, Wesley, Whitefield usw. Diese Bücher haben zweierlei Wert: Einerseits vermeiden Sie es entmutigt und depressiv zu werden. Dies ist wohl eine der grössten Gefahren als Prediger. Andererseits hilft es Ihnen, sich nicht zu sehr zu überheben. Wenn Sie versucht sind, zu meinen, dass Sie Ihre Aufgabe ausserordentlich gut ausführen und dass nie zuvor jemand so gepredigt hätte, nun, dann lesen Sie einfach nur in George Whitefields Tagebüchern, und Sie sind in weniger als fünf Minuten geheilt.

Als Nächstes lesen Sie apologetische Lektüre. Es ist die Aufgabe des Predigers die momentanen Modeströmungen in der Theologie zu beurteilen und darüber zu predigen. z.B. über den scheinbaren Konflikt zwischen Wissenschaft und Glaube. Oder die Psychologie und ihre subtilen Angriffe auf den Glauben. Die Menschen sind in Unschuld und Unwissenheit immer noch bereit, durch gute Redner falsche Lehren aufzunehmen. Als Prediger ist es unsere Aufgabe, sie davor zu schützen und ihnen zu helfen (S. 185).

Wie viele Notizen soll ich mir von der Predigt machen? Soll ich den Wortlaut niederschreiben?

Ich fange damit an, wovon ich Ihnen abraten kann: Keinesfalls sollten Sie Ihre Predigten ablesen, denn so verlieren Sie den Kontakt zu den Zuhörern. Was auch nicht funktioniert ist Predigten auswendig lernen; sie können die Zuhörer zwar ansehen, aber Sie werden dabei so sehr damit beschäftigt sein zu rezitieren, dass doch kein rechter Kontakt zum Publikum entstehen kann. Statt sich eine Predigt zu merken, machen Sie doch einfach Notizen von ihr.

Und wie sehr sollen diese Notizen ausgeschrieben sein?

Ich rate Ihnen: wenn Sie noch nicht viel Erfahrung im Predigtdienst haben, dann schreiben Sie umso mehr auf. Wenn Sie einige Jahr(zehnt)e Erfahrung haben, dann können Sie mit weniger Notizen die Kanzel betreten.

Das Wichtigste bei alledem ist: Sie brauchen die Freiheit auf den Heiligen Geist hören zu können, Sie müssen fähig sein von Ihrem Skript abzuweichen. Haben Sie z.B. bemerkt, dass Paulus in seinen Briefen immer mal wieder ein Argument anfängt, und dann so weit vom Thema abkommt, dass er nicht mehr zum angefangenen Argument zurückkommt? Das ist Freiheit. (S. 238)

Die Rolle des Heiligen Geistes

Können Sie noch etwas mehr über die Rolle des Heiligen Geistes während der Predigt sagen?

Ja, allgemein wird diese unterschätzt. Bedenken Sie, dass sich sogar Jesus auf den Heiligen Geist berief bei seinem Predigtdienst (Lk 4,18: “der Geist des Herrn ist auf mir”). Über Petrus heisst es, dass er eine besondere Salbung des Heiligen Geistes empfing (Apg 4,8), und zwar war das ein Ausgiessen des Geistes im Moment der Predigt. Dies bezieht sich nicht etwa auf das Pfingstereignis, denn es steht explizit “da sprach Petrus, vom heiligen Geist erfüllt”; dies war etwas, was gerade im Moment geschah!

Nun ja, unser Hoffen auf den Heiligen Geist schliesst eine gute Vorbereitung nicht aus, oder?

Nein, natürlich nicht. Doch eine gute Vorbereitung allein reicht nicht. Paulus, ein Mann der grossen Worte, schrieb in 1. Kor 4,20, dass seine Verkündigung nicht primär aus Worten besteht, denn diese blähen auf. Das Reich Gottes besteht nicht aus Worten, sondern aus Kraft. Das, sagt der Apostel, ist der Test der Verkündigung, die Kraft und nicht die Worte! (S. 320)

Und, wenn Sie sich den Zustand der Welt ansehen; wenn Sie sich die moderne Mentalität ansehen; wenn Sie da nicht an die Kraft des Geistes glauben, dann ist es ein herzzerbrechender Auftrag.

Sofies Welt beantwortet die Frage: In welche Zeit bin ich hineingeboren worden?

Jede Generation hat ihre verfärbende Brille auf. Dinge, die nie hinterfragt werden, die “einfach so sind”. Im Nachhinein sagt man dann “Wie konnten sie nur..”.

Wie bitte sehr wurde Sklavenarbeit begründet? Wie konnte es nur zum Nationalsozialismus kommen? Mich lässt die Frage nicht los: Wird man in der Zukunft über unser Jahrhundert sprechen: “Wie konnten sie nur..?”. Ohne Frage! Doch was ist an der heutigen Zeit abartig? Und wie kann ich dies erkennen und mich davon distanzieren?

Ich selbst bin ein Kind der Zeit und bin auch als Christ in gewissen Gedankenmustern gefangen. Doch in welchen? Mir fehlte der Überblick über die Philosophie-Geschichte, um die vielen Gedanken überhaupt einordnen zu können: Woher stammt die heutige Weltanschauung? Woher kommen verschiedene christliche Strömungen (insbesondere das liberale Christentum)? Ich war schon drauf und dran den “Störig“ zu bestellen, als mir ein Kollege Sofies Welt empfahl.

Das Buch ist enorm spannend geschrieben. Trotz der 600 Seiten hatte ich es - als ungeübter Leser - in knapp zwei Wochen durch, da es eine geschickte Mischung zwischen Philosophie-Geschichte und Storytelling ist. Die geschickte Erzählstruktur hat das Buch auch in die “Top 50 Liste” der meist verkauften Bücher katapultiert. Das Buch ist definitiv lesenswert. Obwohl es nicht christlich ist, kann ich es als eine gute Übersicht zur Philosophie empfehlen. Ich habe eine Zusammenfassung aller Philosophen gemacht, welche im Buch behandelt werden.

Was mich besonders interessiert hatte: Ich wollte wissen, woher gewisse Denkensarten herkommen. Ich habe 5 Strömungen analysiert mit einem Wissensstand von “Sofies Welt”, ich kann nicht für mehr Korrektheit als Sofies Welt garantieren, insbesondere wenn es darum geht woher ein gewisses Gedankengut kommt.

Woher kommt die Idee, dass es nur das gibt, was wir messen können?

Der heutige Trend: Eigentlich ist die heutige Philosophie tot. Oder anders formuliert, was früher Philosophen waren, sind heute Naturwissenschaftler: Die Wahrheit wird mittels Teilchenbeschleuniger oder Marsexpeditionen erforscht. Dass es eine absolute metaphysische Wahrheit gibt, glaubt ja fast niemand mehr, deshalb lohnt es sich auch nicht, darüber zu philosophieren. Was wir sicher wissen können, ist nur die messbare Welt. Dieser Trend geht auf die Naturalistische Strömung (ab Mitte 19. Jahrhundert) zurück. Darwin hatte gerade die Theorie aufgestellt, dass der Mensch “ganz natürlich” entstanden sei; Gott und all die übernatürlichen Phänomene brauchte es nicht mehr, nun war alles erklärbar. Naturalismus wird in Sofies Welt so erklärt:

Unter ›Naturalismus‹ verstehen wir dabei eine Wirklichkeitsauffassung, die außer der Natur und der wahrnehmbaren Welt keine weitere Wirklichkeit akzeptiert.

Was mich überraschte ist, dass es diesen Trend schon bei den griechischen Philosophen gab: Schon Aristoteles stellte die Theorie auf, dass ein Kind mit Nichts in die Welt kommt und alles nur über seine Sinne erfährt. Diese Beschränkung der Welt auf das Wahrnehmbare ist also keine “Errungenschaft” der letzten Jahrhunderte, es ist kein Fortschritt aus dem rückschrittlichen Mittelalter, es ist bloss einfach eine Modeerscheinung, welche wieder vorbei gehen wird. Ich finde diese Erkenntnis heilsam, denn es zeigt, dass die Menschheit immer mal wieder in dieses Extreme “es gibt nur, was ich sehe” fällt.

Das Paradoxe an der Geschichte der Philosophie ist, dass sie bei Fragen wie “woher komme ich” anfing, nun aber bei der Teilchenphysik angelangt ist und dabei von der ursprünglichen Frage völlig abgeirrt ist. In “Sofies Welt” wird das schön beschrieben, als die beiden Hauptfiguren vor einem Büchergestell voller Esoterik-Literatur stehen: Da die heutige Philosophie die Fragen der Menschen nicht mehr beantwortet, sucht die Menschheit ihre Antworten halt woanders, nämlich in der Ufologie, im Pendeln, in der Ernährung, oder eben hoffentlich bei Gott.

Das Gegenmittel: Um die verfärbende Brille abzunehmen, hilft eine gute Dosis Descartes: Was er macht ist Folgendes: Fangen wir damit an, was wir wirklich, wirklich sicher wissen können. Die Welt um uns herum könnte Trug sein, auch wenn sie sehr real erscheint. Schliesslich wirken auch Träume sehr real. Auf was können wir aber sicher vertrauen? Auf unser Bewusstsein! Was ich sicher weiss, ist, dass es mich gibt, und dies merke ich, indem ich darüber nachdenken kann. So ist sein berühmtestes Zitat zu verstehen: “Ich denke also bin ich” (cogito ergo sum). Nun ist die Frage, woher dieses Bewusstsein kommt, und diese Frage beantwortet die Bibel, indem sie erklärt, dass wir nach dem Bild Gottes geschaffen wurden.

Woher kommt die Über-Sexualisierung?

Von Sigmund Freud. Er hat behauptet: Wer die Sexualität “unter dem Deckel” hält, lässt sie immer grösser werden. Nach und nach wird sie sich ausbreiten, bis sie überall zum Vorschein kommt: in Träumen, in “Versprechern” bei Gesprächen, etc. Letztlich führe die Unterdrückung der Sexualität zu Psychosen. Er hat behauptet, dass die Gesellschaft die Sexualität bändigen kann, wenn sie ihren sexuellen Trieben mehr Raum gibt. So wie man ein wildes Tier zufriedenstellen kann, wenn man es aus dem Zwinger lässt und ihm ein grösseres Gehege gibt.

Doch die Geschichte hat gezeigt, dass die Sexualität sich so nicht bändigen lässt. Das wilde Tier gibt sich mit dem grösseren Gehege nicht zufrieden. Im Gegenteil: Es wird zum Monster, das immer stärker wird und das immer mehr Freilauf fordert. Über viele Jahrzehnte wird nun der Sexualität grössere und grössere Gehege gegeben, angefangen bei Sex vor der Ehe, weiter bei Seitensprüngen, Prostitution, Pornografie, was nicht stört ist auch erlaubt. Doch irgendwann sollte der Hunger doch mal gestillt sein, oder? Wer mehr und mehr isst, bei dem sollte doch irgendwann mal die Sättigung einsetzen, nicht? C.S. Lewis beschreibt die Situation gut (aus “Mere Christianity” – “Pardon ich bin Christ”):

Nehmen wir ein anderes Beispiel. Mit Striptease-Vorstellungen, also damit, dass sich ein Mädchen auf der Bühne auszieht, kann man großes Publikum anlocken. Nehmen wir aber einmal an, wir kämen in ein Land, wo man ein Theater damit füllen könnte, dass jemand eine zugedeckte Platte auf die Bühne trägt und dann langsam den Deckel abnimmt, so dass jedermann — kurz bevor das Licht ausgeht — sehen kann, dass ein Hammelkotelett oder ein Stück Speck auf der Platte liegt. Würden wir nicht annehmen, dass in diesem Land mit dem Appetit der Leute etwas nicht in Ordnung ist? Und würde nicht jemand aus einer anderen Welt von uns annehmen müssen, dass es um unseren Geschlechtstrieb nicht sehr viel anders bestellt ist?

Woher kommt die Ansicht, dass es keine absolute Wahrheit gibt?

Der Trend: Wir leben in einer Welt voller Individualisten, in der jeder meint, er wisse selbst am Besten, was recht ist. Die scheinbare Lösung: Statt auf Konfrontation zu gehen ist der friedlichste Weg einfach alle mit ihren Behauptungen stehen zu lassen und zu behaupten es gäbe gar keine absolute Wahrheit. Dieser Trend geht auf Hegel zurück, der beobachtete, dass sich philosophische Überzeugungen von Generation zu Generation verändern. Er behauptete, dass die Lebensanschauungen der Welt sich immer weiter entwickeln (Fortschrittsglaube). Ein Zitat über Hegel aus Sofies Welt:

Weil den Menschen immer wieder Neues einfällt, ist die Vernunft ‚progressiv‘. Das heißt, die menschliche Erkenntnis schreitet immer weiter fort und mit der Menschheit insgesamt geht es entsprechend ‚vorwärts‘.

Hegel meint: Wenn die Menschheit sich immer weiter entwickelt, dann wird auch unsere Ansicht früher oder später überholt sein. Wir sind nur ein Baustein eines grossen Gebäudes, unsere Überzeugungen haben also primär gar keine grosse Relevanz für unseren Alltag, sondern sind hauptsächlich als kleiner Fortschritt der Menschheitsgeschichte zu verstehen.

Das Gegenmittel: Um diese verfärbende Brille abzunehmen, hilft eine Dosis Kierkegaard: Er hat bemerkt, dass die Philosophie Hegels dazu führt, dass Menschen für ihr Leben keine Verantwortung mehr annehmen: »Ich lebe halt heute, da handle ich so. Lebte ich früher, dann würde ich mich anders verhalten«. Er kritisiert, dass die Philosophie nur noch betrachtend ist und nicht (wie bei Kant) eine Richtschnur für unser Leben.

Insgesamt empfand ich die Philosophie von Kierkegaard als die heilsamste für unsere Zeit: Der heutige Relativismus (=Toleranz) ist enorm bequem: Mein Nachbar verhält sich komisch? Wenn “es für ihn stimmt” dann darf ich mich doch gar nicht einmischen.. Kierkegaard ruft auf zum Handeln, zum unbequemen Stellung beziehen, zu Konflikten:

In der modernen Stadtgesellschaft sei der Mensch ›Publikum‹ oder ›Öffentlichkeit‹ geworden, meinte Kierkegaard, und das erste Kennzeichen der Menge sei das viele unverbindliche ›Geschwätz‹
Heute würden wir vielleicht das Wort ›Konformität‹ verwenden, das heißt, dass alle dasselbe ›meinen‹ und ›vertreten‹, ohne dass irgendwer ein leidenschaftliches Verhältnis dazu hat.«

Woher kommt “erlaubt ist, was nicht stört”?

Das Credo heute: Solange es niemanden stört ist es ok. Hauptsache, er ist glücklich, es “stimmt für ihn”. Das höchste Gut der modernen Zivilisation ist die Freiheit vor Moral-Massstäben. Gut sichtbar ist das z.B. beim Thema Pornografie: Obwohl der Konsum davon Ehen zerstört und die Porno-Akteure ins Elend (z.B. Drogenkonsum) stürzt, greift niemand ein. Der Grund: Niemand wird zu diesem Handeln gezwungen, die Menschen sind für sich selbst verantwortlich und wer weiss, vielleicht schadet es ihnen ja doch nicht, obwohl alle Anzeichen dies andeuten.

Woher kommt dieser Verlust an Sinn und Moral? Ein bekannter Verkündiger dieser Philosophie ist Jean-Paul Sartre (20. Jahrhundert). Er entwickelte die einzig schlüssige Antwort auf Darwin und die Urknalltheorie: Wenn der Mensch nicht von einem Gott erschaffen wurde, wenn die ganze Evolution sowieso irgendwann wieder in einem weiteren Urknall wiederholt werden soll, dann hat seine Existenz keinen Sinn. Er schuf das “absurde Theater”, in Sofies Welt wird das so beschrieben:

Dem ›absurden Theater‹ – oder ›Theater des Absurden‹ – ging es darum, die Sinnlosigkeit des Daseins zu zeigen. Man hoffte, das Publikum werde dann nicht nur zuschauen, sondern auch reagieren. Es war also nicht das Ziel, die Sinnlosigkeit etwa zu verherrlichen. Im Gegenteil: Durch Darstellung […] von ganz alltäglichen Ereignissen […] sollte das Publikum gezwungen werden, über die Möglichkeiten eines echteren und eigentlicheren Daseins nachzudenken.

Das Gegenmittel: Soweit ich verstanden habe, ist diese Philosophie der “Sinn- und Morallosigkeit” bisher in der Weltgeschichte noch nie so aufgetreten. Daher gibt es auch keine Philosophen, an die wir uns für eine Antwort wenden könnten. Jonas Erne hat mich darauf hingewiesen, dass zur Zeit der griechischen Philosophen schon mal eine ähnliche Situation herrschte: Die Sophisten stürzten die Welt in den Relativismus und erst Sokrates, Platon und Aristoteles glaubten wieder an eine “absolute Wahrheit” und den daraus folgenden moralischen Ansprüchen.

Parallel dazu haben wir heute die Agnostiker welche aus der Postmoderne entstanden sind. Sie sagen: “wir können es eh nicht herausfinden, darum versuchen wir es gar nicht erst”. Und die Gegenströmung dazu entsteht mit dem “Neuen Atheismus”, der wieder an eine absolute Wahrheit glaubt und z.B. behauptet, dass man wissenschaftlich herausfinden kann, wie die Welt entstanden ist. Darauf aufbauend haben die “Neuen Atheisten” einen eigenen Moral-Anspruch, der sich zwar dem christlichen widersetzt aber zumindest logisch herleitbar ist. Daher ist es eigentlich einfacher mit Atheisten zu diskutieren als mit Agnostikern.

Die Gefahr in den Diskussionen mit Atheisten ist aber, dass man mit der Moral anfängt. Das ist nicht zielstrebig. Wenn ich z.B. jemandem versuche zu erklären, dass Pornografie der Ehe schadet, so wird die Antwort sein, dass doch eine “gesunde, freie Sexualität” der Person selbst gut tut, und die Ehe an sich ist nur dann schützenswert, wenn sie auch funktioniert, und dies ist nur dann der Fall, wenn beide ihre Sexualität frei ausleben dürfen. Die Argumentationen sind schlüssig, wenn man davon ausgeht, dass es keinen Schöpfer gibt, der gewisse Spielregeln festgelegt hat und Menschen dafür belohnt, wenn sie sich an die Spielregeln halten. Darum sind Diskussionen um Sexualität (insbesondere auch Homosexualität) zwischen Christen und Nicht-Christen nur vergeudete Zeit, da beiden Parteien von einem ganz anderen Weltbild ausgehen. Die Zeit wäre besser investiert in der Diskussion darüber, ob die Welt geschaffen wurde oder nicht.

Woher kommt der Glaube, dass uns Wissen zu besseren Menschen macht?

Von der Aufklärung. Seither lautet die gängige Annahme: Bildung löst die Probleme der Menschheit. Wenn nur alle Menschen Zugriff auf das Wissen der Menschheit hätten, dann wären alle Probleme gelöst. In Sofies Welt wird das so beschrieben:

»Wenn Vernunft und Wissen sich erst ausgebreitet hätten, meinten die Aufklärungsphilosophen, dann würde die Menschheit große Fortschritte machen. Es war nur eine Frage der Zeit, dann würden Unvernunft und Unwissen verschwunden und eine aufgeklärte Menschheit da sein. Dieser Gedanke hatte in Westeuropa bis vor einigen Jahrzehnten fast schon ein Monopol. Heute sind wir nicht mehr so sehr davon überzeugt, dass immer mehr Wissen zu immer besseren Zuständen in der Welt führt. Diese Kritik der ›Zivilisation‹ wurde allerdings auch schon von den französischen Aufklärungsphilosophen selber vorgebracht.«

Tatsächlich profitieren viele Bereiche von einer Verbreitung des Wissens: Gesundheit, Lebensumstände, etc. haben sich dank dem Gedankengut der Aufklärung massiv verbessert. Doch ausserhalb dieses wissenschaftlichen Bereiches bietet blosses Wissen keinen wesentlichen Beitrag. Immer noch erwartet die Welt die “Lösung aller Probleme” aus der Wissenschaft: Welthunger, Frieden, glückliche Menschen, all das sind immer wieder Themen von TED-Talks in der Hoffnung, dass Forschung und Informations-Verbreitung die Probleme lösen würden. Aber diese Probleme werden so einfach nicht gelöst, da sie nicht wissenschaftlicher Natur sind. Die Blindheit über die Grösse des “ausser-wissenschaftlichen Bereiches” ist frappant.

In Sofies Welt wird dieses Dilemma so beschrieben:

Aber wenn wir uns fragen, woher die Welt stammt – und also mögliche Antworten diskutieren –, dann läuft die Vernunft gewissermaßen im Leerlauf. Dann kann sie nämlich kein Sinnesmaterial ›bearbeiten‹; sie hat keine Erfahrungen, an denen sie sich reiben kann. […] Es ist genauso sinnvoll zu sagen, die Welt muss einen Anfang in der Zeit haben, wie zu sagen, dass sie keinen solchen Anfang hat. Die Vernunft kann zwischen den beiden Möglichkeiten nicht entscheiden, weil sie sie beide nicht ›fassen‹ kann.

Da man nicht “beweisen” kann, welche Religion nun recht hat, dann nimmt man die Toleranz-Keule und sagt “alle haben recht und keiner hat recht” und schweigt einfach darüber und lässt die Menschen im Ungewissen, gerade bei den relevantesten Fragen.

Das Gegenmittel: Die einzige Lösung zu diesem Dilemma kann nur “von Aussen” kommen. Vom Schöpfer, von dem, der uns ins Leben gerufen hat. Es muss über eine göttliche Offenbarung passieren. Und diese Offenbarung kann man dann selbst mit “wissenschaftlichen Methoden” prüfen, sprich es muss geschichtlich, archäologisch, etc. schlüssig sein. Dies trifft auf das Christentum zu, daher finde ich das Thema “Apologetik” spannend, da es genau diese Brücke zwischen Wissenschaft und Glaube schlägt.

Chesterton: Ketzer – ein Aufruf zum scharfsinnigen Denken

G.K. Chesterton (1874 – 1936) war ein Phänomen. Ich habe noch niemanden gelesen, der so konsequent jeden Gedanken umdreht: Mit einer Leichtigkeit ergreift er Behauptungen, welche eigentlich jeder richtig findet, wendet sie vor und zurück und, was vorher mir vorher logisch erschien, erscheint plötzlich völlig absurd! Und dabei schreibt Chesterton witzig, schlicht und niemals ironisch.

Chesterton war als Jugendlicher Agnostiker, ist dann zum Christentum konvertiert und trat am Schluss seines Lebens der katholischen Kirche bei. Er war wohl ziemlich einseitig begabt. Einige Male hat er auf Reisen seiner Frau telegrafiert mit der Frage, wo er nun eigentlich hinsollte (sie hat dann jeweils geschrieben: “Home!”). Er war ein Denker, ein Tagträumer. Solche Menschen finde ich sympathisch, vielleicht, da mir mein Englischlehrer das Gleiche vorwarf. “Philipp, are you with us?” hat er gefragt, wenn ich mal wieder einem Gedanken nachjagte.

Das Buch “Ketzer: Ein Plädoyer gegen die Gleichgültigkeit” war nun das erste Buch, das ich von ihm las (auf Empfehlung von Hanniel). Ich denke, es wird nicht das Letzte sein. Denn Chesterton greift Denkfehler an, welche sich langsam in die Gesellschaft einschlichen. Was mich eigentlich überraschte: Neun Kapitel widmete er zeitgenössischen Schriftstellern und ihren Denkfehlern. Die Schreiber sind heute allesamt nicht mehr bekannt (jedenfalls mir nicht), aber ihre Denke hat hundert Jahre überlebt - in einigen Fällen haben sie sich sogar noch ausgeweitet und sich zu regelrechten Monstern entwickelt.

Ich habe fünf seiner philosophischen Kunststückchen herausgerissen und gebe ein paar einprägsame Zitate wieder - ich hoffe, dass dem einen oder anderen Leser der Reichtum seiner Gedanken erschließt.

These der Gegner: Ernst ist das Gegenteil von Spaß

Selbstporträt von Chesterton basierend auf dem Slogan 'Drei Acker und eine Kuh'

Chestertons Bücher sind voll von Witz, oftmals subtil. Oft treibt er einen Gedanken der Gegner auf die Spitze, um zu zeigen, wie absurd er ist. Seine Gegner warfen ihm vor, seine Sache nicht ernst zu nehmen. Chestertons Antwort (S. 190):

Aber unbegreiflich ist mir, wie jemand, der sich ernsthaft mit der Gesellschaft befasst, zu der Annahme kommt, er könne die Gedankenlosigkeit unserer Generation mit verkrampften Paradoxa heilen.

Wenn [jemand] denkt, ich meinte nichts ernst, sondern machte nur Spaß, so deshalb, weil [er] denkt, Spaß sei das Gegenteil von Ernst. Spaß ist das Gegenteil von Nicht-Spaß und sonst gar nichts. […] In Wahrheit haben Spaß und Ernst nicht das geringste miteinander zu tun und haben nicht mehr Ähnlichkeit miteinander als Merkmale wie schwarz und dreieckig.

Er vergleicht die Absicht eines Witzes - nämlich zu überraschen - mit der Erwartung an einen Propheten oder Lehrer:

Jedenfalls erwarten wir, wenn wir einem Propheten oder einem Lehrer zuhören, nicht unbedingt Esprit oder Eloquenz, aber immer etwas, was wir nicht erwartet haben.

Was das für mich bedeutet: Niemand wird gerne gelangweilt.
Ich fühle mich herausgefordert das Evangelium nicht “trocken” zu verkündigen, sondern immer wieder neue Formen und Wege zu finden, es zu verkündigen. Einen eigenen Stil zu finden empfinde ich dabei die größte Herausforderung.

These der Gegner: Die Menschheit ist fortschrittlich

Die gängige Ansicht: Die Aufklärung hat eine Alternative geschaffen zum Glauben der Religion: Der Mensch wird immer selbstständiger, es steht ihm immer mehr Wissen zur Verfügung, er entwickelt sich immer weiter. Dabei ist ihm der Glaube an eine Morallehre immer weniger wichtig, wichtiger ist der “gesunde Menschenverstand”; dies ist gleichbedeutend mit einer Freiheit von Dogmen.

Chestertons Antwort (S. 34):

Recht verstanden, hat Fortschritt tatsächlich eine höchst erhabene und legitime Bedeutung. Aber als Gegenbegriff gegen inhaltliche moralische Ideen verstanden, ist das Wort lächerlich. […] Schon der Name »Fortschritt« deutet auf eine Richtung hin; sobald wir an dieser Richtung im Mindesten zu zweifeln beginnen, wird uns im gleichen Maße der Fortschritt zweifelhaft.

Nicht nur ist das Zeitalter mit der geringsten Klarheit darüber, was Fortschritt ist, unser »Zeitalter des Fortschritts«. Mehr noch ist Tatsache, dass die Menschen, die am wenigsten wissen, was Fortschritt ist, die »progressivsten« Menschen in unserem Zeitalter sind.

Ich behaupte also nicht, dass dem Wort »Fortschritt« keine Bedeutung zukommt; ich behaupte nur, dass es ohne Bedeutung bleibt, wenn nicht zuvor die Morallehre feststeht.

In der Tat ist es heutzutage fortschrittlich, einfach immer mehr Moral fallen zu lassen: Tu, was den anderen nicht stört und gut ist. Chesterton an einer anderen Stelle (S. 234)

Lässt [der] ausgefuchste Skeptiker eine Lehre nach der anderen fallen; sieht er sich in Gedanken als Gott, der selbst keinerlei Glauben hat, aber auf alle Religionen hinabblickt - dann sinkt er nach und nach zurück in die Unentschiedenheit der streunenden Tiere und die Bewusstlosigkeit der Gräser. Bäume haben keine Dogmen. Rüben sind extrem weitherzig.

These der Gegner: Massen-Zeitungen sind politisch motiviert

Die gängige Ansicht ist, dass Tageszeitungen mit großer Auflage (besonders Gratiszeitungen) die Bevölkerung “umpolen”, dass sie zu viel Macht hätten, etc.

Chesterton kontert (S. 100):

[Das] wirkliche Gebrechen [der Sensationspresse] besteht nicht darin, dass es über die Stränge schlägt, sondern dass [sie] unerträglich zahm ist. Das ganze Ziel ist es, sich im Rahmen eines gewissen Erwartungshorizontes und einer gewohnten Gemeinplätzigkeit zu halten.

Sprich: Die Presse kann sowieso nur das schreiben, was alle denken, sonst würde sie sich nicht verkaufen. Daher ist das Diktat nicht bei der Zeitung, sondern beim Volk. Also muss man die Gründe der “Volksverführung” nicht bei den Zeitungen suchen, sondern woanders. Denn die Zeitungen haben keinesfalls die Absicht große Revolutionäre zu sein, sondern sind gefangen in der Mittelmäßigkeit: (S. 104)

Jeder noch so kluge Mensch, der damit beginnt, den Erfolg zu verherrlichen, muß in reinem Mittelmaß enden. […] Der Kult um den Erfolg ist der einzige unter allen Kulten, von dem sich mit Fug und Recht sagen läßt, dass seine Anhänger dazu verdammt sind, Sklaven und Feiglinge zu werden.

Was das für mich bedeutet: Ich sehe mir die Tageszeitungen nicht als bestimmende Quelle an, sondern als Spiegel der Gesellschaft, als Zeugnis der “herrschenden Verhältnisse”. Trotzdem geht natürlich von ihnen eine Gefahr aus für uns Christen (insbesondere für meine Kinder), da sie unser Denken infiltriert (Röm 12,2).

These der Gegner: Schlussendlich können wir nur der Vernunft trauen

Die Aufklärung brachte uns das Diktat der Vernunft. Wem sollen wir trauen wenn nicht unserem eigenen logischen Denken? Sogar Christen blieben von diesem Gedankenmodell nicht verschont. Rechts ein Bild von Bill Bright das behauptet, dass dem Glauben selber das Kennen der Fakten (also die Vernunft) vorangehe. Ich kann mich gut erinnern, als mir das jemand in meinen ersten Monaten als Christ gezeigt hat und ich dieses Verständnis jahrelang nicht hinterfragt hatte.

Doch dieser Fokus auf die Vernunft ist im Grunde genommen der Kerngedanken der Heiden, aber das Ziel der Christen ist ganz ein anderer. Chesterton dazu (S. 139/140)

die heidnische Tugenden [sind] vernünftig, die christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe hingegen im Kern denkbar unvernünftig.

Da das Wort »unvernünftig« durchaus mißverstanden werden kann, wäre es vielleicht korrekter zu sagen, dass jede dieser christlichen oder mystischen Tugenden ein Paradox einschließt, während das für die typisch heidnischen oder rationalen Tugenden nicht gilt:

Christliche Nächstenliebe heißt etwas zu verzeihen, was unverzeihlich ist, sonst wäre sie gar nicht erst eine Tugend. Hoffnung heißt hoffen, wenn alles hoffnungslos ist, sonst wäre es keine Tugend. Und Glaube heißt das Unglaubliche glauben, sonst wäre auch er gar keine Tugend. […]

Als gar nicht schick gilt der Glaube, und von allen Seiten wird ihm regelmäßig vorgehalten, er sei ein Paradox.

Und dieser Glaube ist der Welt ein Ärgernis (Paradoxon), weil es sich so gar nicht mit der Vernunft vereinbaren lässt.

In eine ähnliche Kerbe schlägt er, als aufzeigt, dass sich Fortschritt nicht mit selbstständigem Denken vereinbaren lässt. Mir fiel es wie Schuppen vor den Augen, ja klar, das sind ja entgegengesetzte Kräfte! (S. 149):

Ich weiß nicht, was für ein unglaublicher Denkfehler heutige Autoren dazu bringt, die Idee des Fortschritts so beharrlich mit der Idee des selbstständigen Denkens zu verknüpfen. Fortschritt ist unverkennbar das gerade Gegenteil des selbstständigen Denkens. Denn jeder selbstständig und individuell Denkende beginnt ganz von vorn und gelangt aller Voraussicht nach nicht weiter als sein Vater vor ihm.

Was das für mich bedeutet: Ich glaube Vernunft ist wichtig, Gott gebietet uns zum Nachdenken. Aber die Vernunft ist weder der Treiber (der Mensch will von sich aus nicht zum Licht) noch das Ziel (das Ziel ist Glaube, Liebe, Hoffnung), sie ist nur der Mittel zum Zweck.

These der Gegner: Der Sinn des Lebens ist sowieso unklar. Die richtige Antwort darauf ist Skeptizismus

Meine Erfahrung: je intellektueller das Umfeld, desto skeptischer und beißender sind die Witze. Ich habe früher gerne Reddit gelesen, bis ich es nicht mehr ausgehalten hatte, dass einfach alles zerrissen wird. Der Skeptizismus fing schon zu Chestertons Zeit an sich auszubreiten. Seine Antwort darauf ist eine treffende Beschreibung der Welt des 20/21. Jahrhunderts: (S. 196)

Unser Einspruch gegen den Skeptizismus lautet, dass er dem Leben jede Triebkraft nimmt. Der Materialismus ist keineswegs etwas, das dem Zwang ein Ende macht. Er ist selber der große Zwang.

Und weiter (S. 145):

Der Urfluch aller Geschichte hat uns die Neigung beschert, der Wunder müde zu sein. Sähen wir die Sonne zum ersten Mal, dann wäre sie der furchtbarste und schönste Meteor überhaupt. […] wir neigen dazu, unsere Ansprüche immer höherzuschrauben.

Und weiter (S. 122):

Aber [wenn] gleichermaßen die Furcht, das Staunen und die Fröhlichkeit abgeht, [damit] will ich nichts zu tun haben.

Und nirgends ist das Kind so wahrhaft kindlich, […] dass es alles, selbst die komplizierten Dinge, mit schlichtem Vergnügen gewahrt.

Was das für mich bedeutet: Ich will nicht “sitzen, wo die Spötter sitzen” – denn der Einfluss einer skeptischen, ironischen Atmosphäre wirkt lähmend auf mich und die Familie. Von meinen Kindern kann ich von dieser “Schlichtheit des Herzens” lernen.

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