Ohne Spiel lernen Kinder nicht viel (Kolumne)

Vor vier Jahren kam unsere Tochter in die erste Klasse. Den Kindergarten hat sie geliebt: Es waren zwei Jahre unbeschwertes Spielen. Selbst die Kindergartenlehrerinnen waren lustig und man durfte ihnen beim Abschied “Auf Wiedersehen Frau Kochtopf” sagen. Lesen und schreiben konnte sie bereits. Das hat sie sich selbst beigebracht. Kein Wunder: die ganze Welt um sie herum war voller Buchstaben.

Dann kam sie eben in die erste Klasse. Von einem Tag zum anderen musste sie lesen und schreiben. Was als spannende Nebenbeschäftigung begann, wurde zur Pflicht. An einem der ersten Schultage teilte die Lehrerin eine Aufgabe aus. Nachdem unsere Tochter die Aufgabe abgeschlossen hatte, streckte sie auf: “Kann ich jetzt in die Spielecke?”. Nein, meinte die Lehrerin. “Ich gebe dir ein Blatt mit weiteren Aufgaben.” Unserer Tochter wurde schmerzlich bewusst, dass die Schule kein Ort des Spiels war.

Und so blieb es. Frage ich meine Tochter am Abend nach den Highlights des Tages, erzählt sie vom Nachmittag nach der Schule. Frage ich sie, ob denn nicht auch in der Schule etwas lässig war, nennt sie höchstens die Pause. Oder das Turnen. Oder: Moment. Es gibt ein Fach, das sie gerne besucht: Das nennt sich “Deutsch-Lernforum”.

Das Lernforum ist freiwillig. Da gehen nur vier bis acht Kinder hin, die Klasse ist also gut viermal kleiner als ihre normale Schulklasse. Die Lehrerin fragt die Schüler, worauf sie Lust hätten. Handlettering, schlägt meine Tochter vor. Ok, hat zwar nur begrenzt etwas mit Deutsch zu tun, aber der Vorschlag wird aufgenommen. Andere Unterrichtsteile gibt die Lehrerin vor, aber auch diese werden spielerisch durchgeführt. Ein Beispiel: Sie bekamen den Auftrag, zu zweit eine Geschichte zu erfinden und aufzuschreiben. Danach haben sie die Geschichten in ein Hörspiel vertont. Das war das Highlight des letzten Schuljahres meiner Tochter.

Als unser Sohn noch in der Mittelstufe war, besuchte er das Mathe-Lernforum. Mein Eindruck: Er hat da um ein Vielfaches mehr schneller gelernt als in der normalen Mathestunde. Ich habe mich ein paarmal mit ihm hingesetzt und mit ihm durch Lernforum-Heft geblättert. Dabei habe ich gemerkt: Da wurde ihm das Interesse an der Mathematik geweckt. Da ging es um alltägliche, spielerische Probleme. Um Kuriositäten. Die Theorie war Mittel zum Zweck. Im Zentrum standen spannende Fragestellungen und die konnte man nur mittels Theorie lösen, daher wurde auch die Theorie spannend.

Wieso schreibe ich das alles auf? Ist es ein Aufruf zu Homeschooling? Nein. Weil ich weiss, wie man es besser machen könnte? Nein.

Ich schreibe dies, weil ich beobachte, dass Lernen vor allem da passiert, wo es Freiräume gibt. Wo das Spiel im Vordergrund steht. Die Neugier. Die Eigenmotivation.

Ich wollte schon lange über das Lernen und die Schule schreiben. Getriggered zu diesem Artikel wurde ich durch einen Beitrag aus der “Homeschooling-Ecke”. Ein paar Auszüge:

Einige von uns geben sich nicht mit kulturellen Normen zufrieden. Einige von uns, die sich an der Forschung und der kindlichen Entwicklung orientieren, wissen, dass Spiel für kleine Kinder keine Ergänzung zum Lernen ist, sondern dass Spiel Lernen ist.

Was die Autorin als “Spiel” versteht:

Spielen ist eine Reihe von intrinsisch motivierten Aktivitäten, die zum Vergnügen und zur Freude an der Freizeitgestaltung durchgeführt werden.

Bei der Durchsicht von Forschungsarbeiten und akademischen Artikeln über das Spielen können die Definitionen ein wenig variieren, aber eine Sache, die immer präsent ist, ist die Idee, dass Spielen freiwillig ist. Spielen ist nicht etwas, das Kindern aufgezwungen wird.

Das klingt schwärmerisch. Romantisch. Und ja, ich frage mich, wie sich das konkret bei unseren zwei Kindern umsetzen liesse. Ich weiss es nicht.

Was ich sehe ist, dass die Schule ein Ort geworden ist, wo die Lehrer davon ausgehen, dass die Schüler nicht freiwillig kommen. Und daher ein ganzes System von Regeln und Strafen geschaffen wurde, um die Schüler “in line” zu halten. Als unser Sohn in die Oberstufe kam, brachte er ein Heft voller Regeln nach Hause. Darin war beschrieben, welche disziplinarische Massnahmen für welche Vergehen gelten.

Das Deutsch-Lernforum auf der anderen Seite - obwohl auch Teil der Schule - ist ein freiwilliger Ort. Da sind nur Kinder, welche Freude an Deutsch haben. Und alleine diese Tatsache schafft eine ganz andere Umgebung. Es ist ein Ort, wo Interesse und Neugier geweckt wird. Wo der Lehrer nicht vorgibt, was die Kinder lernen sollen, sondern sie ihnen die grosse Welt der Sprache zeigt. Wo sie nicht für die Noten lernen, sondern weil sie der Stoff selber fasziniert.

Ja, das ist vielleicht der unfertigste Beitrag, den ich bisher geschrieben habe. Aber es ist ein Thema, das mir einfach keine Ruhe lässt! Und von dem ich hoffe, dass ich ein paar Feedbacks kriege. Denn es kann nicht nur uns so gehen.

Älterer Beitrag: Lesenswichtig 13. September

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