#Gebet

Dies ist Gastbeitrag Nr. 4 in der Reihe, wo Christen erzählen, wie sie ihr Bibellesen und Beten gestalten. Hier geht’s zur Übersicht


Dave Jäggi

Dave, erzähle kurz über Dich: Wie lange bist Du schon Christ? In welcher christlichen Tradition lebst Du? Was machst Du beruflich? Hast Du Familie?

Ich bin “christlich sozialisiert” aufgewachsen, wie man so schön sagt. Und zwar in einer Freikirche. Ich war 6 Jahre alt, als ich Jesus bewusst in mein Leben eingeladen habe. Das war an einem unspektakulären Abend, im Korridor vor dem Kinderzimmer, zusammen mit meiner Mutter. Sehr schlicht, aber bis heute prägend.
Ganz kurz gesagt würde ich mich als evangelisch bezeichnen. Mit meinen Glaubensansichten habe ich manchmal das Gefühl, zwischen Stuhl und Bank zu fallen. Den Evangelikalen zu liberal und den Liberalen zu christozentrisch. Darum bin ich von Karl Barth angetan: Er war in grosser Freiheit christozentrisch. Ich schätze es, in Freiheit zu glauben und bin sicher, dass Gott damit wenig Probleme hat. Weil das Hören auf den Heiligen Geist und seine Kraftwirkungen eine grosse Rolle in meinem Leben spielen, würde ich mich als liberal-charismatischen Pietist bezeichnen.
Ich arbeite 50% an einem theologischen Bildungsinstitut, bin mitten in meinem theologischen Masterstudium und stehe zusammen mit einem Team in einer missionalen Gemeindepflanzungs-Arbeit bei Chrischona Schweiz.
Das alles wäre nicht zu schaffen ohne meine liebe Frau, mit der ich seit bald 14 Jahren verheiratet bin. Wir haben drei Kinder im Alter von 3 bis 9 Jahren.

Welches sind die Herausforderungen um Zeit zu finden für das persönliche Gebet/Bibellesen?

Die grösste Herausforderung für mich sind meine unterschiedlichen Tagesrhythmen. Jeder Tag beginnt zu einer anderen Zeit. Zudem bin ich viel unterwegs. Da ist es schwierig, eine fixe Zeit zu finden, um die Spiritualität ganz bewusst zu pflegen.

Nutzt Du einen Bibelleseplan? Wenn ja, welchen?

Nein. Lange Zeit habe ich als Kind den “Guten Start” vom Bibellesebund genutzt. Das war wahrscheinlich gut so. Aber als ich älter wurde, hat es mich genervt, immer nur einige Verse zu lesen und von gewissen Geschichten auch nach Jahren noch nie gehört zu haben. Oder hast du als Kind mal gehört von den beiden Bären, die 42 Kinder aufgefressen haben (2Kön 2,24)?
Als ich das erste Mal ein ganzes Kapitel am Stück las, hatte ich ein schlechtes Gewissen. Ich hatte gelernt, die Bibel lese man nicht einfach wie ein normales Buch, sondern lasse Vers für Vers auf sich wirken. Doch als ich mehr zusammenhängend las, wurden mir auch mehr Zusammenhänge klar. Einige Jahre habe ich mich an den Rat von Bonhoeffer an seine Theologiestudierenden gehalten: Jeden Tag ein Kapitel aus dem AT und ein Kapitel aus dem NT zu lesen. Momentan konzentriere ich mich auf die Evangelien und lese dazu meist noch etwas aus den Briefen von Paulus.

Wie teilst Du Gebet und Bibellesen auf?

Aufteilen? Ich weiss nicht, ob ich da von aufteilen reden kann. Ich lese oft betend. Beim Lesen trete ich in die Beziehung zu Gott und nehme mir Zeit nachzudenken, zu meditieren über dem Text, da betet es manchmal ganz von alleine.

Führst Du eine Liste mit Anliegen, für die Du regelmässig betest?

Damit habe ich immer mal wieder begonnen und es dann doch nicht konsequent genutzt. Gebetslisten tragen für mich den Geruch des “Abarbeitens” von Anliegen in sich. Das Gebet konzentriert sich dann sehr darauf, was ich für wichtig halte, was ich Gott zu sagen habe. In diesem Zusammenhang wurde mir Mt 6,7 wichtig. Jesus selber sagt, “plappern” ist ein Kennzeichen der Heiden. Ich bete daher oft das Vater Unser, vorgefasste Gebete, Psalmen. Das lenkt den Blick weg von mir und meinen Problemen, hin zu Gott. Ich denke es ist eine Gratwanderung zwischen frei formulierten Gebeten und Anliegen und dem Fokus weg von mir, hin zum Höchsten.

Gebetsbank vor Kreuz

Wie schaffst Du es, dass deine Zeiten mit Gott “frisch” bleiben und nicht einschlafen?

Lebensverändernd war für mich die Auseinandersetzung mit den verschiedenen geistlichen Stilen (siehe dazu z.B. das Buch von Christian A. Schwarz). Die klassische Stille Zeit mit Gebet und Bibellese ist ja hauptsächlich einem von mehreren Frömmigkeitsstilen zuzuordnen. Wenn man aber eine andere „Antenne” zu Gott hat, wird das schnell zum Stress. Ich denke ich sollte so und so meine Beziehung zu Gott pflegen, aber eigentlich hat mir Gott eine andere Antenne geschenkt.
Ich bin ein „mystisch-sakramentaler Typ”. Mich sprechen Symbole, Liturgien, Gerüche, Farben oder Rituale wie das Wiederholungsgebet an. Als ich mich näher damit auseinandergesetzt habe, wurde die Zeit mit Gott immer spannender. Ich experimentiere gerne mit ganz unterschiedlichen Formen und Zugängen: Bild- oder Text-Meditation, Kerzen, Stille Zeiten im Wald, am nahen Fluss, das Hören auf Gott durch seine Schöpfung (Röm 1,19)…
Manchmal interessiert mich eine Passage oder ein Vers besonders und ich will mehr wissen, dann starte ich die Bibelsoftware Logos und bekomme so ganz viele Hinweise, Bilder, Kommentare. Das wird dann richtig spannend und ich könnte mich darin verlieren.

Das heisst aber keineswegs, dass dies jeden Tag so bei mir läuft. Das Beschriebene ist sozusagen ein Idealzustand. Sehr oft räume ich diesen Zeiten nicht genügend Priorität ein. Ich habe vielleicht 2x in der Woche ausgedehntere Zeiten mit Gott. Es ist dauernd ein Kämpfen um diese Zeiten und sehr oft habe ich auf dieses Ringen keine Lust. Hier will ich der Zeit mit Gott noch grössere Priorität einräumen in meinem Leben. Das ist mein Lernfeld. Weil ich gerne lese, muss ich auch darauf achten, nicht nur Sekundärliteratur über und zur Bibel zu lesen, sondern immer wieder „ad fontes” zu gehen, die Bibel als Primärquelle ernst nehmen und mich neu von ihr faszinieren lassen.
Was ich jeden Tag wenigsten mache: Den Arbeitsweg nutzen und im Zug 1-2 Kapitel aus der Bibel lesen. Die Losungen in den Ursprachen gehören auch immer dazu. Damit ich nicht grad ganz alles vom Griechischen und Hebräischen wieder vergesse… ☺

Was rätst Du jemandem, dem seine Stille Zeit “eingeschlafen” ist?

Ich rate ihm/ihr, sich mit der persönlichen Antenne zu Gott auseinanderzusetzen, mutig andere, unbekannte Formen der Spiritualität auszuprobieren, den eigenen Stil kennenzulernen und gleichzeitig von den Stilen zu lernen, die einem weniger zusagen. Das ist bei mir der sog. „bibelzentrierte Stil”. Die Auseinandersetzung mit diesem Stil ist eine Herausforderung für mich, hilft mir aber, nicht Gegenstände und Symbole statt der Bibel in die Mitte zu stellen.
Ich denke, das Lernen von anderen, das Adaptieren und Ausprobieren ist ein lebenslanger Prozess, der uns formt und die Reise der Nachfolge Jesu interessant macht. Es hilft nicht nur, dass die Zeiten mit Gott neu fruchtbar werden, sondern auch, den trinitarischen Gott von verschiedenen Perspektiven kennenzulernen und dabei sich selber neu zu entdecken.


Dave Jäggi bloggt unter sola-scriptura.ch


Dies ist Gastbeitrag Nr. 3 in der Reihe, wo Christen erzählen, wie sie ihr Bibellesen und Beten gestalten. Hier geht’s zur Übersicht


Hanniel Strebel

Hanniel, erzähle kurz über Dich: Wie lange bist Du schon Christ? In welcher christlichen Tradition lebst Du? Was machst Du beruflich? Hast Du Familie?

Wenn ich mich richtig erinnere, kniete ich 1982 an meinem Bett nieder und bat Jesus um Vergebung für meine Schuld. Ich war mir nicht ganz sicher, ob dies reichte. Also wiederholte ich dieses Gebet in den nächsten Jahren einige Male. Mit 16 Jahren kam der Moment, als ich an eine weiterführende Schule wechselte. Ich war vor die Frage gestellt: Den Glauben leben oder ihm den Rücken kehren? Ich entschloss mich, das erste zu tun und bereute es nie.
Ich bin seit fast 20 Jahren der Evangelische Gemeinde Albisrieden, heute Teil des Bundes FEG, zugehörig. Seit einer Reihe von Jahren bin ich in Lehre und Leben reformatorisch gesinnter Christ.
Ich arbeite zu 70% als Führungskräfteentwickler im Gesundheitswesen.
Seit über 13 Jahren bin ich glücklich mit Anne Catherine verheiratet. Wir haben das Vorrecht, unsere fünf Söhne (4, 6, 8, 10, 12) ins Leben begleiten zu dürfen.

Welches sind die Herausforderungen um Zeit zu finden für das persönliche Gebet/Bibellesen?

Da gibt es mehrere. Übergeordnet lässt sich sagen: Die persönliche Zeit mit Gott ist ständige „Kampfzone“, weil sie eine wichtige Quelle des geistlichen Wachstums ist. Seitdem ich tägliche Gewohnheiten etabliert habe, haben sich die Probleme verschoben. Das heisst, es geht um die inhaltliche Auseinandersetzung: Finde ich Konzentration? Lasse ich mir in mein Leben sprechen? Bin ich wirklich auf den Geber ausgerichtet?

Nutzt Du einen Bibelleseplan? Wenn ja, welchen?

Bei mir geht die tägliche Gewohnheit vor Plänen. Ich gehe jedes Jahr einmal durch die Bibel. Das bedeutet: Täglich 4 Kapitel aus dem Alten und 2 Kapitel aus dem Neuen Testament. Häufig lese ich ein Kapitel zwei-, dreimal. Wenn ich den Eindruck habe, dass ich den Text nicht richtig fasste, lese ich ihn am Folgetag nochmals.

Wie teilst Du Gebet und Bibellesen auf?

Formell teile ich es gänzlich auf, weil ich morgens und abends Zeiten zum Gebet habe. Das betende Lesen des Bibelabschnittes ist ein Anliegen, worin ich noch stärker zu wachsen wünsche. Ich trenne übrigens nicht zwischen forschendem und reflexivem Lesen. Beides hat seine Berechtigung, und beides findet vor Gott statt. Hart zu arbeiten, um einen Bibeltext besser zu verstehen, ist ein Teilaspekt des Gebotes, Ihn mit ganzem Verstand zu lieben.

Führst Du eine Liste mit Anliegen, für die Du regelmässig betest?

Hier sprichst du eine Wachstumszone an. Seit einigen Monaten habe ich für mein tägliches Gebet eine Übersicht erstellt. Es gibt tägliche und wöchentliche Anliegen. Ich schaue von Zeit zu Zeit nach, um an Dinge erinnert zu werden, die ich vernachlässige (z. B. Gebet für die verfolgte Kirche, Politiker unseres Landes etc.)

Wie schaffst Du es, dass deine Zeiten mit Gott “frisch” bleiben und nicht einschlafen?

Es ist mein tägliches Gebet, dass ich denjenigen, der dieses Wort gegeben hat, noch viel mehr lieben kann. (Jetzt kommen mir die Tränen.) Ich bin noch immer so egoistisch, das heisst auf mich und meinen „Leseprofit“ ausgerichtet. Herr, schenke mir noch viel mehr das brennende Verlangen dich durch dein Wort besser zu erkennen und damit zu lieben!
Ich merke es sofort, wenn an einem Tag mein Rhythmus durcheinander geraten ist. Ich vermisse das Bibellesen und hole es dann in Stücken über den Tag nach. Ich kann nicht mehr ohne sein – auch in Stress, Krankheit und gerade dann, wenn alles drunter und drüber läuft.

Was rätst Du jemandem, dem sein Bibellesen/Gebet “eingeschlafen” ist?

Wir sind begnadigte Sünder. Wenn wir fallen, stehen wir wieder auf. Es ist auch eine List des Teufels, uns in der Illusion zu lassen, wir müssten das Lesen nicht mehr aufnehmen, wenn es eingeschlafen ist. Im Gegenteil: Fange noch heute wieder damit an! Ich kenne viele Christen, die nie eine regelmässige Gewohnheit der Stille entwickelt haben. Sie bemerken es gar nicht, dass sie geistlich unterernährt sind. Nach aussen wird es jedoch sehr schnell sichtbar, zum Beispiel in der persönlichen Begegnung. Ich wage mich mal auf die Äste hinaus: Solche Menschen haben keinen Drang zum Beten; sie bringen ihre Lebensbereiche kaum mit dem Evangelium in Zusammenhang; sie argumentieren so, wie sie es rundherum hören. Einem solchen Menschen rate ich: Sünde bekennen, einen anderen Christen einweihen, das Lesen in kleinen und kleinsten Happen wieder aufnehmen, die erste Phase überstehen (viele brechen nach einigen Tagen oder einigen Monaten ab).
Noch ein Letztes. Kevin deYoung bringt es im Nachdenken über Psalm 119 auf den Punkt: Das Wort Gottes ist dem Gläubigen Vergnügen (delight), weckt seine Sehnsucht (desire) und wird zu seinem unverzichtbaren Begleiter (dependance).


Hanniel Strebel bloggt auf hanniel.ch


Dies ist Gastbeitrag Nr. 2 in der Reihe, wo Christen erzählen, wie sie ihr Bibellesen und Beten gestalten. Hier geht’s zur Übersicht


Hansruedi Stutz

Hansruedi‚ erzähle kurz über Dich: Wie lange bist Du schon Christ? In welcher christlichen Tradition lebst Du? Was machst Du beruflich? Hast Du Familie?

Ich habe mich bekehrt als ich 15 Jahre alt war. Jetzt bin ich 89 Jahre alt, also 74 Jahre lang Christ. Ich bin seit 89 Jahren Pfingstler. Beruflich bin ich Rentner, lernte zuerst Feinmechaniker und besuchte anschliessend während drei Jahren die Ingenieurschule Winterthur. Bis zur Pensionierung arbeitete ich als Entwicklungsingeneur. Ich habe vier Kinder, zehn Grosskinder und drei Urgrosskinder.

Welches sind die Herausforderungen um Zeit zu finden für das persönliche Gebet/Bibellesen?

Ich habe mir schon früh zur Gewohnheit gemacht, am morgen zuerst ein Kapitel aus der Bibel zu lesen. Das habe ich seit der Bekehrung praktiziert. Dadurch habe ich die Bibel schon etwa dreissig mal von 1. Mose 1 bis Offenbarung durchgelesen und entdeckte immer wieder Neues.

Wie teilst Du Gebet und Bibellesen auf?

Nachdem ich das Kapitel gelesen habe, bete ich.

Führst Du eine Liste mit Anliegen, für die Du regelmäßig betest?

Ich bete für meine Kinder, Grosskinder, Urgrosskinder, Nachbarn und Freunde mit der Nennung der Namen.

Wie schaffst Du es, dass deine Zeiten mit Gott “frisch” bleiben und nicht einschlafen?

Es braucht etwas Selbstdisziplin, dies täglich zu tun.

Was rätst Du jemandem, dem das Bibellesen/Gebet “eingeschlafen” ist?

Wache auf, wenn es nicht anders geht, mit Hilfe eines Weckers, wasche Dich, lies aus der Bibel, bete.


Hansruedi Stutz ist Mitautor von “95 Thesen gegen die Evolution” und beantwortet auf jesus.ch Leserfragen zum Thema Schöpfung.

Dies ist Gastbeitrag Nr. 1 in der Reihe, wo Christen erzählen, wie sie ihr Bibellesen und Beten gestalten. Hier geht’s zur Übersicht


Ruth Metzger

Ruth, erzähle kurz über Dich: Wie lange bist Du schon Christ? In welcher christlichen Tradition lebst Du? Was machst Du beruflich? Hast Du Familie?

Im Januar 1970 hat der Heilige Geist aus einem rebellischen und zutiefst unglücklichen Teenager ein Kind Gottes gemacht. Das ist jetzt 45 Jahre her, und ich bin seither durch einige Gemeinden verschiedenster Ausprägungen gekommen, habe überall was gelernt, aber vieles auch verwerfen müssen. Zur Zeit gehöre ich zu einer Calvary Chapel mit einer gemäßigt reformierten Prägung. Ich hab eine große Familie (7 Kinder, 8 Enkel), aber lebe jetzt allein. Ich arbeite 25 Stunden in der Woche mit schwerst mehrfach behinderten Erwachsenen und habe eine relativ geregelte Arbeitszeit (kein Schicht- und Wochenend-Dienst).

Welches sind die Herausforderungen um Zeit zu finden für das persönliche Gebet/Bibellesen?

Wenn man liest, was ich oben geschrieben habe, dann sieht man schon, dass ich jetzt ein leichtes Leben habe, und dass ich schon durch ganz andere Lebensphasen gegangen bin. Keine Kids mehr, die schon um 5 Uhr morgens auf der Matte stehen, und eigentlich Zeit genug! Meine Probleme schaffe ich mir heute selbst, indem ich herumtrödele, im Internet festhänge, unbedingt nachschauen muss, warum mein Smartphone gerade beept, mich sonst wo verzettele oder zu spät ins Bett gehe. Mein Fleisch folgt oft dem Weg des geringsten Widerstandes, obwohl ich „prinzipiell“ genau weiß, was ich will.

Nutzt Du einen Bibelleseplan? Wenn ja, welchen?

Nein. Ich lese seit vielen Jahren einfach immer wieder durch die Bibel, immer ein Buch im Neuen, dann wieder eins im Alten Testament. Wenn’s gerade so spannend ist, lese ich auch einige hintereinander, aber ich lasse nie was aus. Ich habe keinen Zeitplan, das würde mich nur stressen und mir die Freude nehmen. Ich lese meistens 1 Kapitel, manchmal auch mehr, aber manchmal auch nur ein paar Verse, vor allem im NT, mit denen ich mich dann intensiv beschäftige, die ich sozusagen für mich “auswringe”.

Wie teilst Du Gebet und Bibellesen auf?

Meine Bibel lese ich morgens früh nach dem Frühstück. Unter der Woche muss ich dafür zwar früh aufstehen, aber ich bin da – nach einem Kaffee – am konzentrationsfähigsten. Beim Lesen bin ich immer im Gespräch mit Gott. Ich teile mit ihm meine Freude, meinen Dank und meine Mängel und frage ihn, wo ich was nicht verstehe – alles, was sich so aus dem Text ergibt. Ich würde das mal „Beziehungs-Gebet“ nennen. Das ist das Schöne, wenn man allein ist und auf niemand Rücksicht nehmen muss, man kann auch den ganzen Tag laut und ohne alle Formalitäten mit dem Herrn reden (und auf der Arbeit halt innerlich). Dann gibt es aber noch was, dass würde ich eher „Gebets-Arbeit“ nennen. Damit habe ich immer gekämpft, aber seit einiger Zeit hat der Herr mir da wirklich den inneren Antrieb geschenkt, den ich mir so sehr gewünscht habe. Dafür langt mir morgens die Zeit nicht – das versuche ich zu tun, wenn ich von der Arbeit komme, oder auch abends.

Führst Du eine Liste mit Anliegen, für die Du regelmäßig betest?

Ja, ich habe so ein Ringbuch, und da sind von ganz vielen Leuten, die mir am Herzen liegen, Fotos drin. Ich schreibe einfach Stichwörter dazu, wie z.B. Gesundheit/ Beziehung/ Festigung im Glauben/ gläubiger Partner oder was immer für Bereiche im Leben dieser Menschen Gottes Eingreifen brauchen. Dann sammle ich darin Rundbriefe von Missionaren, wo ich mir wichtige Dinge markiere, oder Informationen über Länder, verfolgte Christen usw. Es sind also keine Listen zum „Runterrasseln“, sondern „Anturner“ zum Sprechen mit Gott über die Situationen. Weil ich nicht an einem Tag für all diese Dinge beten kann, habe ich mir die verschiedenen Bereiche (Gemeinde, Mission, Familie, verfolgte Geschwister etc.) über die Woche verteilt. Wenn ich es mal nicht schaffe, übertrage ich es auf einen anderen Tag.

Wie schaffst Du es, dass deine Zeiten mit Gott “frisch” bleiben und nicht einschlafen?

Ich glaube, Gott schafft das, weil er so gar nicht langweilig ist! Was aber auch eine große Hilfe ist, ist meine „Salz & Licht“-Frauengruppe. Das ist ein wunderbares Konzept, das ich nur jedem wärmstens empfehlen kann! Wir treffen uns jeden Montag, und dann erzählen wir uns, was wir in der Woche gelesen haben, was uns wichtig geworden ist, womit wir nicht klar kamen, welche Fragen sich ergeben haben. Wir lesen jeder nach seinem eigenen Plan und Tempo ohne Leistungsdruck, aber das ist immer ein wunderbarer und ermutigender Austausch, weil sich die Entdeckerfreude so potenziert, und irgendjemand einem immer weiterhelfen kann. Zudem lernt man sich da in seinen inneren Kämpfen und Freuden sehr gut kennen. In meiner Gruppe sind hauptsächlich junge Frauen, und man kann ihnen förmlich beim Wachsen zusehen!

Was rätst Du jemandem, dem das Bibellesen/Gebet “eingeschlafen” ist?

Es kommt auf die Gründe an. Ich würde vermuten, dass die Beziehung zu Gott irgendwo einen Knacks hat – da hilft nur, das Herz zu erforschen und Buße zu tun! Oft ist aber auch der Grund, dass man falsche Vorstellungen hatte und dann frustriert wird, wenn man z.B. Gefühle sucht, und die sich nicht einstellen wollen. Ich denke, man muss vor allem Gott kennen lernen und dem gehorchen wollen, was man liest und versteht! Und man muss Geduld haben und nicht aufgeben. Ich ernte heute die Früchte von 45 Jahren, wo ich mich durch atemberaubende und trockenere Zeiten „durchgelesen“ habe. Das sollte man sich vor Augen halten: Es gibt was zu gewinnen für die, die durchhalten. Methoden sind nebensächlich – je simpler, desto besser! Und trefft euch zum Austausch! Wir sind zusammen auf dem Weg, und wir brauchen den Ansporn der Gemeinschaft!


Ruth Metzger bloggt auf geteilt.wordpress.com

Vor gut einem Monat habe ich dank Pipers Buch “When I don’t desire God” das persönliche Gebet und Bibellesen wiederentdeckt. Was dann passiert ist, lässt sich in etwa so beschreiben, dass ich die Quelle aus Johannes 7,38 entdeckt habe:

Wer an mich glaubt, wie die Schrift gesagt hat, aus seinem Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.

Es scheinen plötzlich alle Bereiche meines Lebens zu sprossen. Und vor allem: meine Beziehung zu Gott ist wieder auf ein viel höreres Niveau gelangt. Der Effekt war gewaltig. Mehr denn je bin ich überzeugt, dass fruchtbares Bibellesen & Gebet eine der Hauptquelle für alle Christen ist.

Doch vielen fällt es schwer, diese Zeit gewinnbringend zu gestalten: Sie finden keine Zeit, oder das Bibellesen ist langweilig und unfokussiert, das Gebet ziellos und repetitiv. Solche Zeiten sind eine blosse Pflicht und sind keine Quelle, die auch für andere Leute nützlich ist.

Um ein paar Inspriationen zu geben habe ich ein paar Leute angefragt, ob sie ganz persönlich erzählen könnten, wie sie ihre Zeit im Wort und Gebet gestalten. Die nächsten Tage werde ich die Beiträge nach und nach aufschalten.

Wer gerne mitmachen würde kann mir ein Mail auf philipp.keller@gmail.com schreiben Update: Die Reihe ist nun fertig, hier die Übersicht über alle Beiträge.

John Piper - When I don't desire God

Schleichend kam sie, die Lustlosigkeit: Keine Lust zum Beten, das Bibellesen gemäss Leseplan am Morgen abgehakt und los geht’s in den Tag.

Das war doch früher anders! Ich erinnerte mich wie John Piper in “Desiring God” beschrieb, wie sich “Lust” nach Gott anfühlt. Aber nun, wenn sie nicht mehr da ist, ist sie halt nicht mehr da.. Aber oh weh, leidig ist es, wenn Christen freudlos sind, Lloyd-Jones dazu:

Zu oft scheinen Christen in einer Dauer-Flaute zu sein; sie erwecken den Eindruck von Unzufriedenheit, fehlender Freiheit und Freudlosigkeit. Ohne Frage ist dies der Hauptgrund, wieso eine grosse Anzahl Menschen kein Interesse mehr am Christentum haben.

Doch was, wenn bei mir gerade Flaute ist? Genau dazu hat Piper das Buch geschrieben “When I Don’t Desire God: How to Fight For Joy“. Der Titel hat mich angesprochen und als Fan von John Piper kam ich eigentlich nicht um das Buch herum.

Im ersten Teil erweckt er eine “Lust nach Gott” (ähnlich wie in “Desiring God”), im zweiten Teil wird er praktisch: Es gibt natürlich viele Gründe, wieso man die Freude an Gott verloren hat: U.a. behandelt er das Thema “Depression”. Bei mir brauchte es einfach eine Portion “naht Euch zu Gott, so naht Er sich zu Euch” um meine Freude zu Gott wiederzufinden. Zwei Dinge haben mir dabei sehr geholfen:

1. Das Morgengebet

Ein englischer Prediger sagte mal: »well, do you need to read your bible in the morning? You only need to, if you want to do well spiritually«. Damals fand ich den Satz gesetzlich, aber mittlerweile stimme ich der Aussage zu (auch wenn ich sie vielleicht etwas anders formulieren würde). Auch Piper schlägt vor, jeden Morgen eine feste Zeit zu haben, sozusagen das “feste Fundament, worauf die freie Beziehung zu Gott stehen kann”.

Die meisten seiner Empfehlungen habe ich umgesetzt: Ich habe mir 1 Stunde Zeit eingeplant und einen speziellen Ort eingerichtet. Er empfiehlt, die Zeit mit einem Gebet zu beginnen:

  1. »Neige mein Herz zu Dir, dass ich weder aus stolzer Gewinngier noch aus falschen Motiven bete« (Ps. 119,36) – ich füge jeweils dazu an, dass Gott mich vor der Gesetzlichkeit schützt, die behauptet, dass ich nun ein besserer Christ wäre, da ich morgens bete.
  2. »Öffne meine Augen, so dass sie Dein Wort verstehen« (Ps. 119,18) – ich füge jeweils dazu, dass Gott mir seine Schrift öffnet, damit ich nicht darüber hinweg lese.
  3. »Richte mein Herz auf das eine, dass ich Dich fürchte« (Ps. 86,11) – ich füge dazu, dass Gott mir Aufmerksamkeit schenkt und kein wanderndes Herz, das bei der Arbeit oder Alltagssorgen ist.
  4. »Sättige mich mit Deiner Gnade« (Ps. 90,14) – nähre mich, damit ich in den Tag satt starten kann und selbst für die andere eine Quelle sein kann.

Auf Englisch lautet das Akronym zu den vier Schritten IOUS (Incline, Open, Unite, Satisfy). Das Deutsche NÖRS ist nicht ganz so hübsch aber dafür einprägsam..

Ich finde dieses Gebet enorm hilfreich. Zu meiner Schande muss ich sagen, dass mein Herz am morgen früh meist “kalt für Gott” ist, dass ich häufig gar keine Lust auf die Zeit mit Gott habe. Während dieses Gebets erwärmt Gott mein Herz, macht es weich, damit es sich überhaupt auf Gott einlassen kann.

Und nun die Überraschung: Damit ist der “freie Gebetsteil” zu Ende, Piper spricht sich gegen das lange, freie Gebet aus! Der Grund ist dieser: Wenn wir frei beten, sind wir automatisch mit uns selbst beschäftigt und das Gebet besteht hauptsächlich aus unseren eigenen Emotionen (ich habe hier schon mal darüber geschrieben).

Anstelle des freien Gebets schlägt Piper vor, das Gebet in das Lesen der Bibel einzuflechten: Er empfiehlt, ein paar Verse zu lesen, und dann darüber zu beten:

Ist es ein Gebot? So bete, dass Gott dein Herz zur Umkehr bringt, damit es das Gebot gerne hält. Ist es eine Verheissung? Dann danke Gott dafür oder bete für Vertrauen, dass Gott die Verheissung erfüllen wird; etc.

Erst dachte ich, dass so meine persönliche Anliegen keinen Platz hätten, aber erstaunlicherweise kommen sie so fast immer zum Zug.

Nach gut einem Monat kann ich sagen: Wenn es etwas gibt, das mein Glaubensleben in den letzten Jahren bereichert hat, dann ist es solches “Bibel-Lesen-Gebet”!

2. Bibelverse auswendig lernen

Bibelverse auswendig lernen mit AnkiDroid

Bibelverse auswendig lernen schien mir etwas altbacken. Macht man heute nicht mehr. Ich kann die Verse ja aufschlagen auf meinem Handy, und das habe ich immer dabei. Ich war einigermassen überrascht, als Piper diesem Thema ein halbes Kapitel widmete.

Doch, einmal ausprobiert, habe ich die Wirkung geschmeckt: Verse auswendig lernen ist sozusagen der “Seitenwagen” des morgendlichen Bibellesens. Oder anders gesagt: Das Lesen am Morgen ist ein Lesen mit den Augen, das Auswendiglernen ist ein Essen des Wortes mit dem Mund. Es gibt in meiner Erfahrung nichts, was mir das Wort Gottes näher ans Herz zieht.

Ganz praktisch schlägt Piper vor, jede Woche ein paar Verse zu lernen. Ich habe mir dazu die App “Anki” (gibt es für Android und für iPhone, Mac und Windows) installiert und in etwa Folgendes gemacht:

  1. die Anki-Karte anlegen mit einem Vers, der mir beim Bibellesen ins Auge gestochen ist (Copy-Paste des Bibeltexts auf dem Laptop oder auf dem Handy)
  2. Vers(e) 10x Wort für Wort durchlesen, den Text sichtbar vor sich halten.
  3. die Verse 10x versuchen auswendig aufzusagen (da merke ich dann, welche Teile ich mir nicht so gut gemerkt habe).
  4. den Vers durch den Tag immer wieder ins Gedächtnis rufen

Die Schritte 1-3 lassen sich gut unterwegs machen (Schritt 4 sowieso). Ich persönlich nehme mir dafür nach der Mittagspause ca. 10 Minuten Zeit.

Nach 1-2 Tagen ist der Vers “drin”, sodass ich ihn bei einer “brenzligen” Situation, bei einem geistlichen Kampf sofort in Gedanken rezitieren kann und so die Schlacht gewinnen kann.

Dann fühlt es sich so an, als wäre die Zeit mit Gott nicht mehr nur auf den Morgen beschränkt, sondern kann den ganzen Tag erfüllen.

Als ich vor gut 15 Jahren Christ wurde, wurde ich gelehrt: Beten heisst rausgehen und dann 30 Minuten in der Natur beten.

Ich habe das während Jahren täglich gemacht. Aber genützt hat es nicht viel.
Das Problem war: Beim Beten wanderten meine Gedanken ab, da war ich plötzlich am Nachdenken über meine Probleme, über schwierige Situationen. Ich begegnete in diesen Zeiten meinen Gedanken und nicht Gott.

Ich war angenehm überrascht, als auch John Piper in diesem Interview dasselbe Phänonmen beschrieb. Sein Rezept ist, das Bibellesen mit Gebet zu vermischen. er liest einen Abschnitt oder nur einen Vers betet gleich anschliessend darüber.

Ich habe dies nun gut einen Monat versucht. Diese 30 Minuten am Morgen sind mittlerweile der beste Teil des Tages. Durch diese Art und Weise wird es eine lebendige Konversation:

Einerseits kann ich Gott zuhören, was er über mein Leben sagt. Es ist wirklich die Zeit, wo ich mich sehe so wie Gott mich sieht: Francis Chan sagte in einer Predigt:

That’s the only time where I can’t lie […]
there are times when we want to sound good enough,
even in our prayers […] and [we] try to make it sound
that we really love [God] and want to be with him
when we long for all the other things in the world
and he’s just an afterthought

Und dann andererseits kann ich Gott antworten, ihn bitten, dass ich diese Gebote halten kann, dass ich seine Verheissungen glauben kann. Es fühlt sich natürlicher an, wie ein Gespräch eben. Da spricht auch nicht einer während 30 Minuten und dann antwortet der andere während 30 Minuten.

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