#Apologetik

Die Aufklärung hatte sich zum Ziel gesetzt, die Welt vom Verstand her zu erklären.

Es war ein gewaltiges Unterfangen, das bis in die heutige Zeit hineinreicht: Menschen taten sich zusammen, um die Ordnung der Welt zu erforschen, allein mit Vernunft. Allein mit dem, was erfahrbar ist. Wie beim Turmbau von Babel war das Ziel, etwas grossartiges zu bauen. Die Prämisse: “Was können wir erreichen, wenn wir alles Wissen zusammenlegen, wenn wir gemeinsam forschen, zusammen experimentieren und erfinden?”.

Eine tolle Idee. Eigentlich. Die Vision einer grossartigen Zukunft. Wenn da nicht dieser Vers wäre:

Verlass dich auf den Herrn von ganzem Herzen, und verlass dich nicht auf deinen Verstand.

Man kann daher die Aufklärung als ein Experiment ansehen: Was passiert, wenn man diesen Vers konsequent missachtet? Wie wird ein Turm aussehen, dessen Fundament nicht Gottesfurcht, sondern Verstand ist?

Am Anfang sah es noch gut aus: Enzyklopädien wurden geschrieben, physikalische Gesetze aufgestellt, grossartige Erfindungen wie die Elektrizität, Auto und Telefon brachten Wohlstand.

Dann wurde der Turm seltsamer. Alles wurde in das eine System gepfercht, alles vom Verstand her zu erklären. Zu Anfang wurde Gott noch als gegeben betrachtet, später musste auch Gott vom Verstand her erklärt werden. Die Evolutions-Theorie wurde aufgestellt. Gott wurde wegerklärt.

Wie ich im Beitrag über Systeme “Die Marmorsäule und der romantische Felsblock“ beschrieb, haben Systeme einen guten Kern, doch wenn man sie zu weit treibt, dann nehmen sie solch monströse und absurde Auswüchse an, die eigentlich niemand mehr ernst nehmen kann.

Der Atheismus ist ein solcher Auswuchs. Ich verstehe noch immer nicht, wer ernsthaft und konsequent daran glauben kann. Ich finde ihn höchst seltsam, denn er erklärt nichts, sondern lässt bloss alles als sinnlos erscheinen.

Wie Atheismus in aller Konsequenz aussieht, erklärt die folgende Geschichte. Einer meiner atheistischen Freunde hat sie mir erzählt. Ich dachte, sie stamme ursprünglich von Richard Dawkins, konnte aber das Zitat im Internet nicht finden. Ist auch egal. Die Geschichte ist höchstwahrscheinlich erfunden, taugt aber trotzdem für den Anschauungsunterricht:

Ein Mädchen kommt zu seinem Grossvater auf Besuch. Im Wohnzimmer sitzt der Opa gemütlich in seinem Schaukelstuhl und raucht Pfeife. In einem ruhigen Moment fragt der Grossvater das Kind: «Sag mal Kind, wo bin ich?». Das Mädchen war verunsichert über die seltsame Frage. «Da!» Sagt sie und zeigt auf Opa. «Nein, das ist mein Bauch. Du hast auf meinen Bauch gezeigt. Wo bin ich?». Verwirrt zeigt das Mädchen auf den Kopf. «Da?». «Nein, das ist mein Kopf, wo bin ich?». Da fing das Mädchen an zu weinen, weil sie nicht einmal diese einfache Frage beantworten konnte.

Durch den Atheismus kann man gar nichts mehr erklären. Nicht einmal “wo bin ich?”. Das Konzept der Identität verdampft lediglich. Das Wort “ich” und “du” verschwinden im Land der Sinnlosigkeiten, ganz zu schweigen von Wörtern wie Liebe und Mut. Was zurück bleibt ist eine kalte Welt, erfüllt von Enzyklopädien, Autos und mit Strom betriebenen Glühbirnen. Der Turmbau von Babel ist stehen geblieben, weil er plötzlich sinnlos wurde.

Ich will euch als Christen ermutigen, nicht die ganze Welt vom Verstand her erklären zu versuchen. Ich lese gerade die Sprüche und da steht ein interessanter anderer Ansatz, Weisheit zu erlangen, nämlich indem man von Gott ausgeht, von der Ehrfurcht vor ihm:

Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit, und die Erkenntnis des Heiligen ist Einsicht. (Spr 9,10)

Wer seinen Turm auf dieses Fundament stellt und ihn konsequent nach diesem Leitsatz baut, der entgeht den kuriosen Auswüchsen von “am Anfang war der Verstand”.

Als frisch gebackener Vater musste ich mich dem Thema “Erziehung” stellen. Natürlich habe ich mir Bücher gekauft.

Vielleicht hätte ich das lieber nicht getan. Aber ich wusste es eben nicht besser. Ich habe gelernt: Kommt eine neue Situation auf mich zu, will ich mich darauf vorbereiten. Und das mache ich, indem ich Bücher lese.

Das erste Buch ging so: Zuerst wurde erklärt, wieso alle anderen Erziehungssysteme schlecht sind. Dann wurde das neue System erläutert (und auch gut mit der Bibel begründet!). Danach das Versprechen, dass dieses System in jedem Fall funktionieren würde. Dann Beispiele von Familien, wo das System nicht funktionierte und dann die Erläuterung, wieso es nicht klappte, nämlich: Die Familie hat das System nicht konsequent angewendet.

Nun. Ich bin voll darauf eingestiegen. Ich habe das Buch meiner Frau gezeigt und wir hatten grosse Hoffnungen. Das Problem: es funktionierte nicht. Aha! Wie bei dieser Familie im Buch! Die Lösung ist also, dass wir das System einfach konsequenter umsetzen, dann würde es besser. Wurde es aber nicht. Es wurde nur schlimmer und schlimmer.

Wir waren verzweifelt. Denn das System war biblisch begründet. Wir sind der Argumentation des Autors gefolgt. Es schien so, dass wenn wir das System verwerfen würden, so würden wir auch die Bibel verwerfen. Also blieben wir trotz Ausbleiben irgendeiner Besserung beim Befolgen des Systems. Bis Gott die Notbremse zog und mir in einem Traum deutlich machte, es sei schon gut, ich könne damit aufhören und ich würde den Glauben nicht verraten. Es fiel eine grosse Last von unseren Schultern.

Doch ich hatte meine Lektion nicht gelernt. Denn ich suchte mir einfach das nächste Buch. Ein neues System! Und - toll! - wieder das Versprechen, dass es in jedem Fall funktioniert! Das zweite System unterschied sich natürlich diametral vom Ersten. Alles andere hätte mich zu sehr ans erste System erinnert. Natürlich funktionierte auch das zweite System nicht.

Verwirrt gab ich auf und versuchte von da an, mich als Vater im Erziehungsalltag irgendwie “durchzuschlängeln”.


Ich liebe Philosophie. Ich liebe den Moment, wenn es “Klick” macht, wenn ich ein neues Konzept verstanden habe. Es fühlt sich an wie in der Mathematik, wo man Konzept um Konzept verstehen kann. Zuerst das Einmaleins. Dann Gleichungssysteme. Dann Integrale und Differenziale, dann Kreisintegrale, partielle Differenziale, Anwendungen auf die Physik und so weiter. Von der Mittelschule zur Universität konnte ich mich in immer höhere Gefilde hochschwingen und es fühlte sich fantastisch an.

Ebenso mit der Philosophie. Als ich in meinen Teenagerjahren zum Berufsberater ging, schlug er mir vor, Philosophie oder Physik zu studieren. Ich entschied mich dann für den etwas handfesteren Beruf des Informatikers, aber meine Interesse für Philosophie war ein ständiger Begleiter.

Doch mit der Philosophie verhielt es sich nicht viel anders als mit den Erziehungsbüchern: Jeder Philosoph hat sein eigenes System aufgebaut, in das er die ganze Welt hineinquetscht. Nehmen wir zum Beispiel David Hume : Er kommt aus der Strömung der Naturalisten. Er will die Welt vom Erfahrbaren her erklären. Also alles, was man anfassen und messen kann, das lässt er gelten, alles andere nicht. Dieser Schritt allein blendet die Hälfte der Welt aus, wie Liebe, Bewusstsein, Leben und Tod usw. Aber Hume, beflügelt von seiner Idee, geht noch weiter: Er lehnt nun sogar Gesetze wie die Schwerkraft oder das Gesetz über Ursache und Wirkung ab, weil diese nicht erfahrbar sind. Totaler Unsinn! Indem Hume die Welt in sein System pfercht und dabei keine Ausnahmen zulässt, treibt er seine Philosophie in die Absurdität. Jeder, der es liest, schüttelt den Kopf. Das kann es ja nicht sein.

Doch Hume ist nicht allein. Jede Philosophie, die ich bisher gelesen habe, versucht die Welt in ein System zu drücken. Die Idee der Philosophie ist zwar nett, der Moment, wenn ich dem Philosophen gedanklich folgen konnte, birgt ein Glücksgefühl, aber die Welt damit erklären, das lässt sich nicht.

Bei den meisten Philosophen ist dies ja harmlos. Doch es gibt Philosophen, die mit ihren Systemen grossen Schaden angerichtet haben. Allen voran Karl Marx, der den Kommunismus als Idee in ein Buch aufgeschrieben hat. Dieses Buch wurde als Anleitung für die russische Kommunismus-Revolution genommen. Als die Ideen vom Buch nicht funktionierten, war der logische Schluss: Die Ideen wurden zu wenig konsequent umgesetzt und der Staat wurde zur Diktatur, welche immer rigidere Strafen einsetzte. Irgendwann, so die Hoffnung, würde sich dann zeigen, dass das System funktioniert. Die Probleme bestünden nur am Anfang, doch einmal eingespielt, würde der Kommunismus das Volk zur Blüte bringen. Doch dieser Moment kam nie, und der erforderliche Apparat, um das System am laufen zu halten, wurde immer grösser.

Aus den logischen Gedanken von Marx wurden durch Schlussfolgerungen ein ganzes Gedankengebäude, das den Test der Praxis nicht bestanden hat. Statt das Gedankengebäude infrage zu stellen, hat Lenin es bis zum äussersten getrieben. Es wäre zu wünschen gewesen, dass er wie ich einen Traum gehabt hätte. Dass er zur Einsicht gekommen wäre, dass jetzt genug ist und das System sich nicht bewährt hat, auch wenn er nicht verstanden hat, wieso.


Ich folgere daraus, dass Systeme gefährlich sind, dass anfänglich gute Ideen, die weiter gesponnen werden, zu einer rigiden, herzlosen Maschine werden können. Ich mag mit dem Finger auf den fehlgeschlagenen Kommunismus in Russland zeigen, aber ich merke, dass mir bei der Kindererziehung dasselbe passiert ist, freilich nicht mit demselben Ausmass.

Und jetzt? Soll ich meinen jugendlichen Eifer für eine Idee ablegen und mich dem Impuls des Momentes hingeben? Soll ich meine Ideale ablegen und den Dingen einfach ihren Lauf lassen? Ist meine Aufgabe als Vater meine Kinder einfach “zu begleiten”, ihnen beizustehen im Leben, ohne ihnen eine Richtung zu geben?

Nein und Nein. Erstens Nein, weil ich damit den guten Kampf aufgebe, weil ich damit mich meinen Gefühlen hingeben würde, meinen momentanen Impulsen. Und denen traue ich ebenso wenig wie den Systemen. Wenn ich mich dem Impuls des Moments hingebe, dann lande ich entweder an einem Ort, wo ich nie hätte hingehen wollen, oder ich lande gar nirgends, weil ich mich nur im Kreis drehe.

Und zweitens Nein, weil die Alternative zu einem System nicht “kein System” ist, sondern immer ein anderes System. Ich kann nicht einfach keine Richtung im Leben haben. Ich folge immer einer Philosophie. Auch die Idee, im Moment zu leben, die Philosophie “geh wohin dein Herz dich trägt”, ist eine Philosophie, ein System, das genau so ausschliesslich ist wie die Autoritäreren Systeme der Kindererziehung und die Einführung einer klassenlosen Gesellschaft.

Was nun? Wenn alle Systeme und Philosophien gefährlich sind und es keine Möglichkeit gibt, das Leben system- oder philosophielos zu leben, was sollen wir dann tun?


Der einzige Ausweg besteht, nicht menschliche Ideen und Idealen zu folgen, sondern Gottes Offenbarung.

Das klingt fromm, ist in Tat und Wahrheit aber bloss ein Eingeständnis der Beschränktheit des Menschen: Jede menschliche Idee, jedes von Menschen aufgebaute System, wird, wenn es sich ohne Einschränkung entfalten kann und zur vollen Wirkung kommt in einem Desaster enden.

Diese Tendenz merke ich an mir täglich: Ich tendiere dazu, ein gerade gelesenes Prinzip mir zu Eigen zu machen - dies ist notwendig und gut, und gehört zum Lernprozess dazu - und das in meinem Leben umzusetzen. Und bei der Umsetzung ertappe ich mich, wie ich den Bogen überspanne, wie ich zu viel meines Lebens diesem eben gelernten Prinzip unterstelle. Und dann lese ich in der Bibel und merke, was gerade passiert ist: Ich habe die ursprünglich gute Idee zu weit gesponnen und es hat sich ein kleines System gebildet, das nun aber gerade von Gottes Wort korrigiert wird. Das kann allerdings nur dann passieren, wenn ich mich ehrlich dem Wort Gottes unterstelle, und ich versuche, es jeden Tag von Neuem zu verstehen (und es nicht meinem eben aufgebauten System zu unterwerfen versuche!)

Darum ist es für mich lebenswichtig, die Bibel zu lesen, damit die christlichen Idealen sich nicht zu kleinen Systemen entwickeln. Und dabei reicht es nicht, nur Teile der Bibel zu lesen, denn es gibt immer solche Teile, welche das System unterstützen und solche, welche es infrage stellen. Es reicht auch nicht, Bücher über die Bibel zu lesen, denn auch diese lassen durch die einseitige Prägung des Autors Dinge aus.


G.K. Chesterton ist einer meiner Lieblingsautoren. Er hat das Prinzip der gefrässigen Ideen im Buch “Orthodoxie” gut beschrieben:

Der christliche Hirte hütet keine Schafherde, sondern eine Horde Stiere und Tiger, einen Haufen furchterregender Ideale und gefräßiger Dogmen, von denen jedes stark genug war, um zur falschen Religion zu werden und die Erde zu verwüsten.

Die christlichen Hirten sind wir! Und die Stiere und Tiere sind die Idee und Philosophien. Jedes dieser Ideen muss in Schach gehalten werden, sonst wird es uns auffressen.

Er geht weiter und vergleicht die reinen Philosophien, die menschlichen Systeme (er nennt dies das Heidentum) mit dem Christentum so:

Das Heidentum gleicht einer Marmorsäule, es steht aufrecht, weil es symmetrisch gebaut ist. Das Christentum gleicht einem riesigen, zerklüfteten, romantischen Felsblock, der … weil seine enormen Auswüchse einander genau die Waage halten, seit tausend Jahren dort thront… scheinbar zufällige Dinge haben sich ausbalanciert.
Je länger ich [den christlichen Glauben] betrachtete, desto mehr kam es mir vor, als habe er zwar Gesetz und Ordnung geschaffen, aber das Hauptziel dieser Ordnung sei es, Raum zu gewähren, wo alles Gute sich austoben kann.

Chesterton sieht beim Anblick des christlichen Glaubens, beim Lesen der Bibel, etwas, das in der Balance steht. Etwas, das seit Jahrtausenden fest steht. Und ebenso überfällt mich ein Gefühl von Ehrfurcht, wenn ich die Bibel lese. Eine Ahnung, dass kein Mensch so etwas erschaffen kann. Denn auch meine heiss geliebten Autoren, so belesen und weise sie auch sind, sind alle einseitig und werden mich in die Irre führen, nur das Wort Gottes kann der Massstab sein, nach dem ich mein Leben führen kann.


Das wurde jetzt alles etwas philosophisch und theoretisch. Lasst mich diesen Beitrag mit zwei praktischen Wegweisern abschliessen.

Zum ersten Wegweiser: Karl Barth. Ja, er ist kompliziert. Ich habe eine lange Biographie über ihn gelesen und weiss immer noch nicht recht, was ich von ihm halten soll. Seine Theologie lässt sich nicht recht fassen, es scheint, als wolle er keine Farbe bekennen.

Trotzdem, was mir an Barth gefiel, war seine Art, sich von der Bibel leiten zu lassen und dann doch von Situation zu Situation zu entscheiden. Im Zweiten Weltkrieg versteckten sich viele seiner Theologie-Kollegen in ihrem System, haben es gar geschafft, den Nationalsozialismus in ihr System einzufügen. Nicht so Barth. Er gehörte zur lauten Opposition. Als Professor in Deutschland wurde ihm befohlen, vor den Vorlesungen jeweils den Hitlerschwur aufzusagen. Barth war bereit, dies zu tun, mit einem Zusatz (womit er natürlich nicht durch kam)

Dieser von mir vorgeschlagene Zusatz lautete: dem Führer Treue leisten zu können nur, »soweit ich es als evangelischer Christ verantworten kann«.

Er war ein lauter Zeuge für das Evangelium, indem er sich stets an der Bibel ausrichtete und dort Akzente setzte, wo er sah, dass es sie brauchte. Sein Leben unterstand diesem Prinzip:

Ein guter Theologe wohnt nicht in einem Gehäuse von Ideen, Prinzipien, Methoden. Er durchschreitet alle solchen Gehäuse, um immer wieder ins Freie zu kommen.

Und so ist mir Karl Barth ein Vorbild - nicht in seiner Theologie - sondern, in seiner Art, sich ehrlich mit der Bibel auseinanderzusetzen und in der richtigen Situation die richtigen Akzente zu setzen.

Und das ist anstrengend! Einfacher wäre es, wenn man sich ein System aneignen könnte und bis zum Schluss des Lebens daran festhalten könnte. Das ist das Versprechen der Philosophen und Erziehungsbüchern. Es wäre praktisch und gemütlich, es führt aber kein Weg daran vorbei, sich täglich neu auszurichten.

Und damit kommen wir zu meinem zweiten Wegweiser: Charlotte Mason. Sie ist leider wenig bekannt. Sie hat eine Schul-Methode begründet, die heute vor allem im Homeschooling verwendet wird.

Wer nun die Nase rümpft und sagt: Aha, eben doch wieder ein System. Dem kann ich entgegnen: Sie war Bekämpferin eben dieser Systemen. Sie war, wie Barth nach ihr, der Überzeugung, dass man “von Situation zu Situation entscheiden muss”. Dabei verstand sie, dass es nicht reicht, seinem Herz zu folgen, sondern dass es notwendig ist, von Gottes Wort durchtränkt zu sein, denn nur so kann es gelingen, in der Situation richtig zu entscheiden.

Sie schrieb eine sechsbändige Reihe zu Homeschooling, von der ich momentan am zweiten Band bin. Ehrlich gesagt ist Vieles nicht leicht zu verstehen, eben gerade darum, weil sie kein System beschreibt. Sie beginnt ihr erstes Band damit:

Das Befolgen einer Methode impliziert eine Idee, ein geistiges Bild, von dem Ziel oder Gegenstand, der erreicht werden soll. Was soll die Erziehung in und für Ihr Kind bewirken?

Was dann folgt, ist kein Set von Regeln. Kein “tu dies und es wird immer funktionieren”. Sondern eine Aufforderung, sich dem Kind zu stellen, es anzuschauen und ihm ein Gegenüber zu sein:

Der Erzieher hat es mit einem selbsttätigen, sich selbst entwickelnden Wesen zu tun, und seine Aufgabe ist es, die Produktion des latent Guten in diesem Wesen zu leiten und dabei zu helfen, das latent Böse zu zerstreuen, das Kind darauf vorzubereiten, seinen Platz in der Welt zu seinem Besten einzunehmen, mit jeder Fähigkeit zum Guten, die in ihm steckt, entwickelt zu einer Kraft


Und somit sind wir wieder bei der Kindererziehung angelangt. Und bei meinem Fazit: Die Systeme der Kindererziehung versprechen eine Abkürzung, die es nicht gibt. Diese Bücher beschreiben Rezepte mit der Beteuerung, dass, wenn sie konsequent und korrekt angewendet, immer funktionieren. Diese Bücher versprechen einen einfachen Weg, den man einmal erlernen kann und dann gefahrlos, ohne Anstrengung, auf seine Umgebung anwenden kann.

Diese Abkürzung gibt es nicht. Es führt kein Weg daran vorbei, dass ich mich täglich intensiv mit dem Wort Gottes auseinandersetze, mein ganzes Denken ihm täglich unterwerfe, und dann durch den Tag den Situationen in die Augen zu schauen, das Gegenüber ernst zu nehmen und situativ einen Impuls zu setzen, von dem ich der Überzeugung bin, dass er Gottes Willen entspricht.

Sofies Welt beantwortet die Frage: In welche Zeit bin ich hineingeboren worden?

Jede Generation hat ihre verfärbende Brille auf. Dinge, die nie hinterfragt werden, die “einfach so sind”. Im Nachhinein sagt man dann “Wie konnten sie nur..”.

Wie bitte sehr wurde Sklavenarbeit begründet? Wie konnte es nur zum Nationalsozialismus kommen? Mich lässt die Frage nicht los: Wird man in der Zukunft über unser Jahrhundert sprechen: “Wie konnten sie nur..?”. Ohne Frage! Doch was ist an der heutigen Zeit abartig? Und wie kann ich dies erkennen und mich davon distanzieren?

Ich selbst bin ein Kind der Zeit und bin auch als Christ in gewissen Gedankenmustern gefangen. Doch in welchen? Mir fehlte der Überblick über die Philosophie-Geschichte, um die vielen Gedanken überhaupt einordnen zu können: Woher stammt die heutige Weltanschauung? Woher kommen verschiedene christliche Strömungen (insbesondere das liberale Christentum)? Ich war schon drauf und dran den “Störig“ zu bestellen, als mir ein Kollege Sofies Welt empfahl.

Das Buch ist enorm spannend geschrieben. Trotz der 600 Seiten hatte ich es - als ungeübter Leser - in knapp zwei Wochen durch, da es eine geschickte Mischung zwischen Philosophie-Geschichte und Storytelling ist. Die geschickte Erzählstruktur hat das Buch auch in die “Top 50 Liste” der meist verkauften Bücher katapultiert. Das Buch ist definitiv lesenswert. Obwohl es nicht christlich ist, kann ich es als eine gute Übersicht zur Philosophie empfehlen. Ich habe eine Zusammenfassung aller Philosophen gemacht, welche im Buch behandelt werden.

Was mich besonders interessiert hatte: Ich wollte wissen, woher gewisse Denkensarten herkommen. Ich habe 5 Strömungen analysiert mit einem Wissensstand von “Sofies Welt”, ich kann nicht für mehr Korrektheit als Sofies Welt garantieren, insbesondere wenn es darum geht woher ein gewisses Gedankengut kommt.

Woher kommt die Idee, dass es nur das gibt, was wir messen können?

Der heutige Trend: Eigentlich ist die heutige Philosophie tot. Oder anders formuliert, was früher Philosophen waren, sind heute Naturwissenschaftler: Die Wahrheit wird mittels Teilchenbeschleuniger oder Marsexpeditionen erforscht. Dass es eine absolute metaphysische Wahrheit gibt, glaubt ja fast niemand mehr, deshalb lohnt es sich auch nicht, darüber zu philosophieren. Was wir sicher wissen können, ist nur die messbare Welt. Dieser Trend geht auf die Naturalistische Strömung (ab Mitte 19. Jahrhundert) zurück. Darwin hatte gerade die Theorie aufgestellt, dass der Mensch “ganz natürlich” entstanden sei; Gott und all die übernatürlichen Phänomene brauchte es nicht mehr, nun war alles erklärbar. Naturalismus wird in Sofies Welt so erklärt:

Unter ›Naturalismus‹ verstehen wir dabei eine Wirklichkeitsauffassung, die außer der Natur und der wahrnehmbaren Welt keine weitere Wirklichkeit akzeptiert.

Was mich überraschte ist, dass es diesen Trend schon bei den griechischen Philosophen gab: Schon Aristoteles stellte die Theorie auf, dass ein Kind mit Nichts in die Welt kommt und alles nur über seine Sinne erfährt. Diese Beschränkung der Welt auf das Wahrnehmbare ist also keine “Errungenschaft” der letzten Jahrhunderte, es ist kein Fortschritt aus dem rückschrittlichen Mittelalter, es ist bloss einfach eine Modeerscheinung, welche wieder vorbei gehen wird. Ich finde diese Erkenntnis heilsam, denn es zeigt, dass die Menschheit immer mal wieder in dieses Extreme “es gibt nur, was ich sehe” fällt.

Das Paradoxe an der Geschichte der Philosophie ist, dass sie bei Fragen wie “woher komme ich” anfing, nun aber bei der Teilchenphysik angelangt ist und dabei von der ursprünglichen Frage völlig abgeirrt ist. In “Sofies Welt” wird das schön beschrieben, als die beiden Hauptfiguren vor einem Büchergestell voller Esoterik-Literatur stehen: Da die heutige Philosophie die Fragen der Menschen nicht mehr beantwortet, sucht die Menschheit ihre Antworten halt woanders, nämlich in der Ufologie, im Pendeln, in der Ernährung, oder eben hoffentlich bei Gott.

Das Gegenmittel: Um die verfärbende Brille abzunehmen, hilft eine gute Dosis Descartes: Was er macht ist Folgendes: Fangen wir damit an, was wir wirklich, wirklich sicher wissen können. Die Welt um uns herum könnte Trug sein, auch wenn sie sehr real erscheint. Schliesslich wirken auch Träume sehr real. Auf was können wir aber sicher vertrauen? Auf unser Bewusstsein! Was ich sicher weiss, ist, dass es mich gibt, und dies merke ich, indem ich darüber nachdenken kann. So ist sein berühmtestes Zitat zu verstehen: “Ich denke also bin ich” (cogito ergo sum). Nun ist die Frage, woher dieses Bewusstsein kommt, und diese Frage beantwortet die Bibel, indem sie erklärt, dass wir nach dem Bild Gottes geschaffen wurden.

Woher kommt die Über-Sexualisierung?

Von Sigmund Freud. Er hat behauptet: Wer die Sexualität “unter dem Deckel” hält, lässt sie immer grösser werden. Nach und nach wird sie sich ausbreiten, bis sie überall zum Vorschein kommt: in Träumen, in “Versprechern” bei Gesprächen, etc. Letztlich führe die Unterdrückung der Sexualität zu Psychosen. Er hat behauptet, dass die Gesellschaft die Sexualität bändigen kann, wenn sie ihren sexuellen Trieben mehr Raum gibt. So wie man ein wildes Tier zufriedenstellen kann, wenn man es aus dem Zwinger lässt und ihm ein grösseres Gehege gibt.

Doch die Geschichte hat gezeigt, dass die Sexualität sich so nicht bändigen lässt. Das wilde Tier gibt sich mit dem grösseren Gehege nicht zufrieden. Im Gegenteil: Es wird zum Monster, das immer stärker wird und das immer mehr Freilauf fordert. Über viele Jahrzehnte wird nun der Sexualität grössere und grössere Gehege gegeben, angefangen bei Sex vor der Ehe, weiter bei Seitensprüngen, Prostitution, Pornografie, was nicht stört ist auch erlaubt. Doch irgendwann sollte der Hunger doch mal gestillt sein, oder? Wer mehr und mehr isst, bei dem sollte doch irgendwann mal die Sättigung einsetzen, nicht? C.S. Lewis beschreibt die Situation gut (aus “Mere Christianity” – “Pardon ich bin Christ”):

Nehmen wir ein anderes Beispiel. Mit Striptease-Vorstellungen, also damit, dass sich ein Mädchen auf der Bühne auszieht, kann man großes Publikum anlocken. Nehmen wir aber einmal an, wir kämen in ein Land, wo man ein Theater damit füllen könnte, dass jemand eine zugedeckte Platte auf die Bühne trägt und dann langsam den Deckel abnimmt, so dass jedermann — kurz bevor das Licht ausgeht — sehen kann, dass ein Hammelkotelett oder ein Stück Speck auf der Platte liegt. Würden wir nicht annehmen, dass in diesem Land mit dem Appetit der Leute etwas nicht in Ordnung ist? Und würde nicht jemand aus einer anderen Welt von uns annehmen müssen, dass es um unseren Geschlechtstrieb nicht sehr viel anders bestellt ist?

Woher kommt die Ansicht, dass es keine absolute Wahrheit gibt?

Der Trend: Wir leben in einer Welt voller Individualisten, in der jeder meint, er wisse selbst am Besten, was recht ist. Die scheinbare Lösung: Statt auf Konfrontation zu gehen ist der friedlichste Weg einfach alle mit ihren Behauptungen stehen zu lassen und zu behaupten es gäbe gar keine absolute Wahrheit. Dieser Trend geht auf Hegel zurück, der beobachtete, dass sich philosophische Überzeugungen von Generation zu Generation verändern. Er behauptete, dass die Lebensanschauungen der Welt sich immer weiter entwickeln (Fortschrittsglaube). Ein Zitat über Hegel aus Sofies Welt:

Weil den Menschen immer wieder Neues einfällt, ist die Vernunft ‚progressiv‘. Das heißt, die menschliche Erkenntnis schreitet immer weiter fort und mit der Menschheit insgesamt geht es entsprechend ‚vorwärts‘.

Hegel meint: Wenn die Menschheit sich immer weiter entwickelt, dann wird auch unsere Ansicht früher oder später überholt sein. Wir sind nur ein Baustein eines grossen Gebäudes, unsere Überzeugungen haben also primär gar keine grosse Relevanz für unseren Alltag, sondern sind hauptsächlich als kleiner Fortschritt der Menschheitsgeschichte zu verstehen.

Das Gegenmittel: Um diese verfärbende Brille abzunehmen, hilft eine Dosis Kierkegaard: Er hat bemerkt, dass die Philosophie Hegels dazu führt, dass Menschen für ihr Leben keine Verantwortung mehr annehmen: »Ich lebe halt heute, da handle ich so. Lebte ich früher, dann würde ich mich anders verhalten«. Er kritisiert, dass die Philosophie nur noch betrachtend ist und nicht (wie bei Kant) eine Richtschnur für unser Leben.

Insgesamt empfand ich die Philosophie von Kierkegaard als die heilsamste für unsere Zeit: Der heutige Relativismus (=Toleranz) ist enorm bequem: Mein Nachbar verhält sich komisch? Wenn “es für ihn stimmt” dann darf ich mich doch gar nicht einmischen.. Kierkegaard ruft auf zum Handeln, zum unbequemen Stellung beziehen, zu Konflikten:

In der modernen Stadtgesellschaft sei der Mensch ›Publikum‹ oder ›Öffentlichkeit‹ geworden, meinte Kierkegaard, und das erste Kennzeichen der Menge sei das viele unverbindliche ›Geschwätz‹
Heute würden wir vielleicht das Wort ›Konformität‹ verwenden, das heißt, dass alle dasselbe ›meinen‹ und ›vertreten‹, ohne dass irgendwer ein leidenschaftliches Verhältnis dazu hat.«

Woher kommt “erlaubt ist, was nicht stört”?

Das Credo heute: Solange es niemanden stört ist es ok. Hauptsache, er ist glücklich, es “stimmt für ihn”. Das höchste Gut der modernen Zivilisation ist die Freiheit vor Moral-Massstäben. Gut sichtbar ist das z.B. beim Thema Pornografie: Obwohl der Konsum davon Ehen zerstört und die Porno-Akteure ins Elend (z.B. Drogenkonsum) stürzt, greift niemand ein. Der Grund: Niemand wird zu diesem Handeln gezwungen, die Menschen sind für sich selbst verantwortlich und wer weiss, vielleicht schadet es ihnen ja doch nicht, obwohl alle Anzeichen dies andeuten.

Woher kommt dieser Verlust an Sinn und Moral? Ein bekannter Verkündiger dieser Philosophie ist Jean-Paul Sartre (20. Jahrhundert). Er entwickelte die einzig schlüssige Antwort auf Darwin und die Urknalltheorie: Wenn der Mensch nicht von einem Gott erschaffen wurde, wenn die ganze Evolution sowieso irgendwann wieder in einem weiteren Urknall wiederholt werden soll, dann hat seine Existenz keinen Sinn. Er schuf das “absurde Theater”, in Sofies Welt wird das so beschrieben:

Dem ›absurden Theater‹ – oder ›Theater des Absurden‹ – ging es darum, die Sinnlosigkeit des Daseins zu zeigen. Man hoffte, das Publikum werde dann nicht nur zuschauen, sondern auch reagieren. Es war also nicht das Ziel, die Sinnlosigkeit etwa zu verherrlichen. Im Gegenteil: Durch Darstellung […] von ganz alltäglichen Ereignissen […] sollte das Publikum gezwungen werden, über die Möglichkeiten eines echteren und eigentlicheren Daseins nachzudenken.

Das Gegenmittel: Soweit ich verstanden habe, ist diese Philosophie der “Sinn- und Morallosigkeit” bisher in der Weltgeschichte noch nie so aufgetreten. Daher gibt es auch keine Philosophen, an die wir uns für eine Antwort wenden könnten. Jonas Erne hat mich darauf hingewiesen, dass zur Zeit der griechischen Philosophen schon mal eine ähnliche Situation herrschte: Die Sophisten stürzten die Welt in den Relativismus und erst Sokrates, Platon und Aristoteles glaubten wieder an eine “absolute Wahrheit” und den daraus folgenden moralischen Ansprüchen.

Parallel dazu haben wir heute die Agnostiker welche aus der Postmoderne entstanden sind. Sie sagen: “wir können es eh nicht herausfinden, darum versuchen wir es gar nicht erst”. Und die Gegenströmung dazu entsteht mit dem “Neuen Atheismus”, der wieder an eine absolute Wahrheit glaubt und z.B. behauptet, dass man wissenschaftlich herausfinden kann, wie die Welt entstanden ist. Darauf aufbauend haben die “Neuen Atheisten” einen eigenen Moral-Anspruch, der sich zwar dem christlichen widersetzt aber zumindest logisch herleitbar ist. Daher ist es eigentlich einfacher mit Atheisten zu diskutieren als mit Agnostikern.

Die Gefahr in den Diskussionen mit Atheisten ist aber, dass man mit der Moral anfängt. Das ist nicht zielstrebig. Wenn ich z.B. jemandem versuche zu erklären, dass Pornografie der Ehe schadet, so wird die Antwort sein, dass doch eine “gesunde, freie Sexualität” der Person selbst gut tut, und die Ehe an sich ist nur dann schützenswert, wenn sie auch funktioniert, und dies ist nur dann der Fall, wenn beide ihre Sexualität frei ausleben dürfen. Die Argumentationen sind schlüssig, wenn man davon ausgeht, dass es keinen Schöpfer gibt, der gewisse Spielregeln festgelegt hat und Menschen dafür belohnt, wenn sie sich an die Spielregeln halten. Darum sind Diskussionen um Sexualität (insbesondere auch Homosexualität) zwischen Christen und Nicht-Christen nur vergeudete Zeit, da beiden Parteien von einem ganz anderen Weltbild ausgehen. Die Zeit wäre besser investiert in der Diskussion darüber, ob die Welt geschaffen wurde oder nicht.

Woher kommt der Glaube, dass uns Wissen zu besseren Menschen macht?

Von der Aufklärung. Seither lautet die gängige Annahme: Bildung löst die Probleme der Menschheit. Wenn nur alle Menschen Zugriff auf das Wissen der Menschheit hätten, dann wären alle Probleme gelöst. In Sofies Welt wird das so beschrieben:

»Wenn Vernunft und Wissen sich erst ausgebreitet hätten, meinten die Aufklärungsphilosophen, dann würde die Menschheit große Fortschritte machen. Es war nur eine Frage der Zeit, dann würden Unvernunft und Unwissen verschwunden und eine aufgeklärte Menschheit da sein. Dieser Gedanke hatte in Westeuropa bis vor einigen Jahrzehnten fast schon ein Monopol. Heute sind wir nicht mehr so sehr davon überzeugt, dass immer mehr Wissen zu immer besseren Zuständen in der Welt führt. Diese Kritik der ›Zivilisation‹ wurde allerdings auch schon von den französischen Aufklärungsphilosophen selber vorgebracht.«

Tatsächlich profitieren viele Bereiche von einer Verbreitung des Wissens: Gesundheit, Lebensumstände, etc. haben sich dank dem Gedankengut der Aufklärung massiv verbessert. Doch ausserhalb dieses wissenschaftlichen Bereiches bietet blosses Wissen keinen wesentlichen Beitrag. Immer noch erwartet die Welt die “Lösung aller Probleme” aus der Wissenschaft: Welthunger, Frieden, glückliche Menschen, all das sind immer wieder Themen von TED-Talks in der Hoffnung, dass Forschung und Informations-Verbreitung die Probleme lösen würden. Aber diese Probleme werden so einfach nicht gelöst, da sie nicht wissenschaftlicher Natur sind. Die Blindheit über die Grösse des “ausser-wissenschaftlichen Bereiches” ist frappant.

In Sofies Welt wird dieses Dilemma so beschrieben:

Aber wenn wir uns fragen, woher die Welt stammt – und also mögliche Antworten diskutieren –, dann läuft die Vernunft gewissermaßen im Leerlauf. Dann kann sie nämlich kein Sinnesmaterial ›bearbeiten‹; sie hat keine Erfahrungen, an denen sie sich reiben kann. […] Es ist genauso sinnvoll zu sagen, die Welt muss einen Anfang in der Zeit haben, wie zu sagen, dass sie keinen solchen Anfang hat. Die Vernunft kann zwischen den beiden Möglichkeiten nicht entscheiden, weil sie sie beide nicht ›fassen‹ kann.

Da man nicht “beweisen” kann, welche Religion nun recht hat, dann nimmt man die Toleranz-Keule und sagt “alle haben recht und keiner hat recht” und schweigt einfach darüber und lässt die Menschen im Ungewissen, gerade bei den relevantesten Fragen.

Das Gegenmittel: Die einzige Lösung zu diesem Dilemma kann nur “von Aussen” kommen. Vom Schöpfer, von dem, der uns ins Leben gerufen hat. Es muss über eine göttliche Offenbarung passieren. Und diese Offenbarung kann man dann selbst mit “wissenschaftlichen Methoden” prüfen, sprich es muss geschichtlich, archäologisch, etc. schlüssig sein. Dies trifft auf das Christentum zu, daher finde ich das Thema “Apologetik” spannend, da es genau diese Brücke zwischen Wissenschaft und Glaube schlägt.

12 Angry Men: erste Abstimmung - 11 dafür, nur 1 dagegen

Ich habe mir letzte Woche “12 Angry Men” angeschaut. Gleich zwei Mal. Kein anderer Film zeigt so gut auf, wie man Andere überzeugen kann.

Als Christ bin ich in Diskussionen meist in der Unterzahl, denn meine Ansichten sind nicht populär, sie decken sich nicht mit der Mehrheitsansicht. Dies macht das Verkündigen des Evangeliums umso schwerer. Ich empfinde das als ein recht schwieriges Unterfangen, und daher hatte mich der Inhalt des Films angezogen.

Film nicht gesehen? Zusammenfassung in 60 Worten

Ein Jugendlicher ist des Mordes angeklagt. Eine 12-Köpfige Jury muss einstimmig entscheiden, ob der Junge schuldig ist. Ist er schuldig, dann wird er hingerichtet. Anfangs sind elf Männer für die Hinrichtung, nur einer - Juror 8 - ist dagegen. Dieser eine Juror schafft es, gegen den Spott und die Vorurteile der Anderen anzukommen und überzeugt der Reihe nach alle, bis schlussendlich die zwölf einstimmig zum Entschluss kommen: “not guilty”.

Einsicht 1: “Mehrheitsentscheide” sind nicht endgültig

Juror 8 ist als Einziger für 'not guilty' - zum Ärgernis aller Anderer

Am Anfang sind sich die elf anderen einig: Der Junge ist schuldig. Auch im Prozess davor wusste der Verteidiger den Jungen nicht recht zu helfen. Und nun ist da Juror 8, der behauptet das Gegenteil, und das mit Erfolg. Er macht dies so:

Juror 8: Können sie [die Zeugen] sich irren?
Anderer: Was wollen Sie damit sagen? Sie sagten unter Eid aus.
Juror 8: Sie sind nur Menschen. Menschen machen Fehler. Können sie sich irren?
Anderer: Hm, nein, ich denke nicht.
Juror 8: Wissen Sie es?
Anderer: Oh, ich bitte Sie. Niemand kann so was wissen. Das ist keine exakte Wissenschaft.
Juror 8: Das ist richtig. Das ist es nicht.

In einer demokratischen Gesellschaft scheint es als ein unerschütterliches Grundprinzip, dass die Mehrheit recht hat. Ich als Christ bin in der Minderheit, wenn es um Themen geht wie “homosexuelle Ehen” oder Abtreibung. Wenn ich mit jemandem aus der “Mehrheit” diskutiere, werde ich irgendwann mit dem Argument konfrontiert, dass es gar nicht sein kann, dass die Mehrheit im Unrecht liegt. Und in diesem Moment hilft nur dieses eine Argument: “Können sie sich wirklich nicht irren?”

Einsicht 2: Wer sich aufplustert, überzeugt nicht

Laute Rede ohne gute Beweisführung - alle wenden sich von dem einen aufgeplusterten Juror ab

Im Film bringen zwei Männer Phrasen wie “wir wissen, dass…”, “wir dürfen nicht zulassen, dass…”, “es ist ein Fakt, dass” etc. Dabei wirbeln sie ihre Zeigefinger durch die Luft. So täuschen sie Sicherheit vor. Sobald andere auf den Grund ihrer Sicherheit gehen wollten, kommen Trugschlüsse oder unbegründete Annahmen zutage. Ihr Grund beginnt zu wackeln und die Anderen verlieren jegliches Vertrauen in ihre Beweisführungen. Am Schluss ging es sogar so weit, dass sich alle von einem der Juroren abwandten, da seine Rede schlicht untragbar war.

Juror 8 aber schoss nicht über das Ziel hinaus. Er trat immer nur so stark auf, wie er sich selber sicher war. Am Anfang gab er offen zu, dass sein Verdacht auf Unschuld nur ein Bauchgefühl war. Auch später, als er schon einige überzeugen konnte, blieb er stets bescheiden. Diese Szene, ziemlich am Schluss, fand ich persönlich sehr stark:

Juror 8 (nachdem sich alle von einem anderen Juror abgewendet hatten):
Es ist immer schwierig, in einer solchen Sache persönliche Vorurteile aussen vor zu lassen.
Egal wo, Vorurteile verschleiern immer die Wahrheit.
Ich weiss nicht wirklich, was die Wahrheit ist.
Ich denke niemand wird es wirklich wissen.

Wir spielen hier mit Wahrscheinlichkeiten.
Wir könnten falsch liegen.
Wir könnten einen schuldigen Mann freisprechen.
Ich weiss es nicht.
Niemand kann es wirklich wissen.
Und das ist was. Das ist sehr wertvoll in unserer Gesellschaft.

Er zeigt seine Unsicherheit. Er geht nicht weiter als er tatsächlich weiss.

Meine Einsicht: Als Christ bin ich glaubwürdiger, wenn ich meine Unsicherheit zeige. Statt “es ist so” werde ich in Zukunft sagen: “Das ist die plausibelste Erklärung, die ich kenne”. Wenn ich offen lege, dass es eine kleine Wahrscheinlichkeit gibt, dass ich falsch liege, dann zeige ich, dass ich aufgrund nachvollziehbaren Argumenten zu meinem Standpunkt kam. Diese Art zu sprechen ist einladender, das Gegenüber wird sich eher öffnen und eine konstruktive Diskussion ist möglich.

Einsicht 3: An den Einzelnen appellieren

Der letzte Juror taumelt bei der Rekapitulation der eigenen Argumente

Juror 8 stand ziemlich lange alleine da. Er wies auf einige Ungereimtheiten hin, aber niemand ging mit. Darauf angesprochen, dass er mit seiner Art die anderen nur versäume, fragte er nach einer “verdeckten Abstimmung”. Falls jemand mit ihm mitgeht, dann wolle er die Sache ausdiskutieren. Falls nicht, dann ziehe er seine Einwände zurück. Ein mutiger Schritt (wenn auch ein kalkulierter), und doch war es der einzige gangbare Weg. Er wusste, dass wenn die Anderen sich nicht überzeugen lassen, dann ist es ein “lost case” und auch die besten Argumente werden nur eine Zeitverschwendung sein.

Durch die “verdeckte Abstimmung” erreichte Juror 8, dass sich jeder für sich selber überlegen musste, was er dachte. Der Einzelne konnte sich nicht mehr in der Masse versteckten in der Hoffnung nicht aufzufallen. Nachdem er einen Verbündeten gefunden hatte, fragte er immer mal wieder jemanden ganz direkt, ob ihn die Argumente nicht umstimmen würden. Nach und nach merkten die Juroren, dass sie ja eigentlich keine Argumente mehr dagegen nennen konnten. Ganz zum Schluss war nur ein letzter Juror noch nicht umgestimmt:

Juror 8: Sie sind allein.
Letzter: Ist mir egal, ob ich allein bin oder nicht. Es ist mein Recht.
Juror 8: Ja, es ist Ihr Recht.
Letzter: Nun, was wollen Sie? Ich sage er ist schuldig.
Juror 8: Wir wollen Ihre Argumente hören.
Letzter: Ich habe Ihnen meine Argumente gesagt.
Juror 8: Sie haben uns nicht überzeugt. Wir wollen die Argumente nochmals hören. Wir haben so viel Zeit, wie es braucht.
Letzter: Alles - jedes einzelne Ding, was in diesem Gerichtssaal passiert ist - ich meine alles - sagt, dass er schuldig ist …

Und dann führt der letzte Juror nochmals seine ganze Argumentation auf, bis er schlussendlich einsieht, dass seine Argumente nicht schlüssig sind und er plädiert (ohne dass jemand noch etwas dazu sagt!) für nicht schuldig.

Meine Einsicht: Ich kann mich an einige Diskussionen erinnern, als ich versucht habe jemanden zu “indoktrinieren”. Diese Versuche waren allesamt erfolglos. Ich werde mich in Zukunft stets davor hüten jemanden unter Druck zur Aufgabe zu zwingen und stattdessen die Diskussion beenden mit “was denkst denn Du?” und den Anderen nach Hause lassen. Viel überzeugender als energische Diskussionen sind Einsichten, welche ohne Druck im stillen Kämmerchen passieren.

Einsicht 4: Auf persönliche Angriffe gar nicht erst eingehen

Zwei spielen aus Rebellion "Tic Tac Toe"

Um zu zeigen, dass sie die ewigen Diskussionen satthaben, beginnen zwei Tic Tac Toe zu spielen. Diesen Affront kontert Juror 8, indem er ihnen das Papier wegreisst und zerknüllt:

Juror 8: Das ist kein Spiel.
Anderer Juror: Haben Sie ihn gesehen? Eine Frechheit, eine absolute Frechheit.
Jemand anderes: Vergessen Sie es. Es ist nicht wichtig.
Anderer Juror: “Das ist kein Spiel?”
Jemand anderes: Beruhigen Sie sich.
Anderer Juror: Wer denkt er, wer er ist?
Jemand anderes: Ich sage ihnen, vergessen Sie es.
Juror 8: Hat jemand eine Idee wie lange ein “el train” hat, um einen gewissen Punkt zu passieren? …

Und dann ging es weiter in der sachlichen Diskussion. Juror 8 ist einfach nicht darauf eingegangen.

Meine Erfahrung: Wenn dem Gegenüber die Argumente ausgehen, wird gerne “auf den Mensch” geschossen: “Was bist Du für einer?” “Ihr Christen seid ja immer..”, etc. Dann bin ich versucht, mich selber zu verteidigen und vergesse dabei, dass es um die Sache geht. Dem Juror 8 ist dies gut gelungen: Ausser einem Mal hat er nie auf den Menschen gespielt, sondern blieb immer sachlich. 2. Kor 4:5 beschreibt dies sehr gut: “Denn wir verkündigen nicht uns selbst, sondern Christus Jesus, dass er der Herr ist, uns selbst aber als eure Knechte um Jesu willen.”

Dies fordert mich sehr heraus, denn dies braucht eine rechte Portion Demut und ein Erfülltsein von Gott.

Einsicht 5: Ich muss nicht alle Argumente kennen

»So hält man ein Messer« - der eine Juror kennt sich mit Klappmessern aus

Juror 8 bringt selber nicht viele Argumente. Die meisten kommen von denen, die er überzeugen konnte. Das alles entscheidende letzte Argument kam nicht von ihm. Oder auch wie man mit Klappmessern umgeht, da half ihm ein anderer Juror:

Anderer Juror: Einen Moment, können Sie mir das geben?
Juror 8 gibt ihm das Klappmesser.
Anderer Juror: Junge, wie ich diese Dinger hasse. Haben Sie jemals einen Messerkampf gesehen?
Andere murmeln.
Anderer Juror: Ich schon, bei meinem Hintereingang, über der Strasse, im Hinterhof. […]
Juror 8: Wie nutzt man ein Klappmesser?
Anderer Juror: Nun, nicht so [wie der andere Juror vorher behauptet hat]. Man braucht zu viel Zeit um die Hand zu wechseln. So nutzt man es …

Und danach überzeugt der andere Juror als “Klappmesser-Spezialist” die übrigen, dass ihre Vorstellung vom Mord gar nicht der Normalität entspreche.

Oft habe ich in einer Diskussion nicht das richtige Argument zur Hand. Meine Einsicht: Da es nicht um mich geht, ist dies nicht schlimm. Falls das Gegenüber an der Diskussion interessiert ist, kann ich ihm einen Tag später einen Link zu einem Artikel zukommen lassen. Er wird sich sowieso viel eher von Spezialisten überzeugen lassen als von einem “Alleswisser”.

Und ihr?

Unter dem Strich kann ich “12 Angry Men” sehr empfehlen. Der Film befindet sich z. B. auf Youtube hier.

Was hilft Euch beim Diskutieren mit Andersgläubigen?

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